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Wieder zu Gast in Münster: Stefan Hertmans

Wie schon vor einigen Jahren dürfen wir am 30.09.2017 den flämischen Schriftsteller Stefan Hertmans begrüßen, dessen Roman Oorlog en terpentjin (2013) auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde (Der Himmel meines Großvaters (2014), Übersetzung Ira Wilhelm).

Dieses Mal sind es ganze zwei Veranstaltungen, für die Hertmans anreist: Zum einen die deutsche Uraufführung der Antigone in Molenbeek, zum anderen eine Lesung aus seinem neuesten Roman De bekeerlinge (2016), auf Deutsch Die Fremde (2017, Übersetzung Ira Wilhelm).

Uraufführung des Stücks Antigone in Molenbeek
Sa., 30. September 2017, 18 Uhr
Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1, 48149 Münster

Lesung mit Stefan Hertmans aus seinem Roman Die Fremde
So, 1. Oktober 2017, 11 Uhr
Theatertreff, Neubrückenstraße 63, 48143 Münster

Tickets je 7/5€

 


Aus der Veranstaltungsreihe „Paris, Palmyra“ des Literaturvereins Münster e.V.

In einem „Prolog“ zu dieser Reihe hatte der Literaturverein vor einigen Wochen die von Frank-Walter Steinmeier veranlasste Anthologie Glückliche Wirkungen vorgestellt. Für diese Anthologie aus sämtlichen Mitgliedsstaaten der OSZE hatte Stefan Hertmans einen Auszug aus seinem Theatermonolog Antigone in Molenbeek beigetragen. In einer Vorbemerkung leitete die Mitherausgeberin Alida Bremer, Münster, dieses Fragment so ein: „Der Brüsseler Bezirk Molenbeek ist als eine Hochburg des lslamismus bekannt. Hier, wo ‚totes Wasser in alten Bleirohren singt‘, lebt Nuria, die in Brüssel Jura studiert und stolz auf ihren belgischen Pass ist. Doch ihre Schwesterliebe macht sie zu einer Antigone, der berühmten tragischen Gestalt der treuen Schwester aus dem altgriechischen Drama. So hilft uns die Literatur, über alle Grenzen hinweg wahrzunehmen, was wir lieber verdrängen wollen.“

In deutscher Uraufführung präsentieren die Schauspieler Carolin Wirth und Carsten Bender die Antigone in Molenbeek. Sie tun das in einer Umgebung, die zum Assoziationsraum dieses Stückes gehört: am 30. September 2017 um 18 Uhr Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1 (Buslinien 11, 12, 13, 14, 22, 34: Haltestellen Domagkstraße, Jungeblodtplatz, Chirurgie). Der Autor wird anwesend sein.

Stefan Hertmans gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Belgiens; die „New York Times“ hat seinen ins Englische übersetzen Roman „Der Himmel meines Großvaters” zu den 10 besten Büchern des Jahres 2016 gezählt. Soeben ist Hertmans in der Schweiz für seinen neuen Roman „Die Fremde“ mit dem renommierten „Spycher: Literaturpreis Leuk“ ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heißt es, Stefan Hertmans sei ein wahrhaft europäischer Schriftsteller, ein Belgier, der auf Niederländisch schreibt und in Brüssel und in Südfrankreich lebt. Mit Präzision und Empathie zeige er, wie die Wucht der Geschichte in Biographien eingreift: „Stefan Hertmans verfasst keine historischen Romane im klassischen Sinn: Zum einen, weil er sein Schreiben aus heutiger Sicht reflektiert, zum anderen, weil Glaubenskriege, Flucht und Ausgrenzung als Stoffe so relevant und aktuell sind wie eh und je.“ Aus dem jenem neuen Roman „Die Fremde“ wird Stefan Hertmans am Tag nach der Aufführung seiner „Antigone“ lesen, am Sonntag, den 1. Oktober, um 11 Uhr im Theatertreff.
Als Hertmans erfährt, dass seine zweite Heimat, der Ort Monieux in Frankreich, vor tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch die Kreuzritter war, begibt er sich auf Spurensuche. Unter den Überlebenden soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Diese historisch verbürgte Figur lässt ihn nicht mehr los, er begibt sich auf eine Spurensuche. Lothar Müller, der Laudator des Spycher Preises, hat den Roman als ein „Vergegenwärtigungsprojekt“ bezeichnet. Nie mache die fiebrige Einbildungskraft Hertmans‘ ein Hehl daraus, dass sie ein mögliches in ein wirkliches Geschehen verwandele: „Sie schöpft aus historischem Wissen, wenn sie das Europa der christlichen Mobilmachung als eine Gefahrenzone vor Augen stellt, aus der die Fluchtwege nicht hinausführen. Aber die Unruhe dieses Autors ist aus der Gegenwart Europas hervorgegangen.“

 

Foto: Mirjam Devriendt

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Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

Frankfurt 2016. Ein Bericht.

Die Frankfurter Buchmesse lässt sich nicht einmal annähernd in Gänze erfassen, geschweige denn beschreiben. Allein die Veranstaltungen des Ehrengasts (Flandern und die Niederlande), die nur einen Bruchteil des gesamten Angebots ausmachen, bieten ein 5 Tage mehr als ausfüllendes Programm. – Für Interessierte an niederländischsprachiger Literatur und all ihren Ausläufern eine so schnell nicht wiederkehrende Goldgrube an Autorenlesungen, Interviews, Gesprächen und vielfältigem Rahmenprogramm. Eine solch hohe Dichte von Literaten und anderen Mitgliedern des Literaturbetriebs findet man selten, wohl nie, zumindest nicht außerhalb von Amsterdam.

Letztendlich ist die Buchmesse vielleicht eine Ansammlung von Sätzen und kurzen Sequenzen, Bildern, die im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht kann schon eine kleine Anzahl solcher Blitzlichter ausreichen, um einen Einblick in die Welt des „weltgrößten Event der Publishing-Welt“ zu geben, wie sich die Buchmesse wenig literarisch selbst nennt.

Frankfurt 2016 ist, wenn Joost de Vries in seinem Tribut an Harry Mulisch über seinen jüngst auf Deutsch erschienenen Roman sagt: „Writing De Republiek was so much fun it should be illegal“.

Wenn man von Elvis Peeters erfährt, dass Hugo Claus ihn ein Jahr seines Lebens gekostet hat, weil er nur noch seine Romane las anstatt für seine Abschlussprüfung zu lernen und ein ganzes Schuljahr wiederholen musste.

Wenn Arnon Grunberg in einem Gespräch über Moedervlekken und das Buch seiner Mutter Hannelore Grünberg-Klein ganz andere Töne anschlägt und die Frage stellt, ob nicht Sterben Leben genug ist.
Wenn das Gespräch viel länger dauert als veranschlagt war und Katharina Borchardt mehrmals rabiat abgewunken wird, zur Freude der Zuhörer aber lieber noch ein wenig plaudert.

Wenn Adriaan van Dis den Nederlandse Spoorwegen nachsagt, sie würden Verspätungen absichtlich generieren, schließlich seien Staus und ähnliche Situationen gut für die Literatur, weil sie Kreativität Raum geben.
Oder wenn er mit Charlotte Van den Broeck darüber spricht, wie viel schöner das in Flandern verbreitetere „vertrappelen“ klingt als das in den Niederlanden gebräuchliche „vertrappen“. Vertrappelen, das ist nämlich, was ein tanzender Elefant im Zug notgedrungen mit den Passagieren macht.

Wenn sich eine belgische Besucherin der Buchmesse ein niederländischsprachiges Gedicht lieber auf Deutsch vorlesen lässt, weil sich das so schön anhört.

Und wenn sich wiederum Tommy Wieringa darüber auslässt, dass Deutsch keine Sprache, sondern Mathematik ist. Außerdem gebe es in den Niederlanden keinen Raum für Abenteuer, man stoße überall auf etwas Menschliches.

Wenn Gustaaf Peek philosophiert: „Wenn man einmal glücklich ist, dann wird man hungrig nach noch mehr Glück. Ist es also konstruktiv, Glück zu haben? Aber was haben wir schon für eine Wahl.“

Und wenn Herman Koch erzählt, dass er so viel Distanz zu seinem Geschriebenen gewinnt, dass er, wenn er eine deutsche Übersetzung in den Händen hält, denkt: „Das ist wirklich kein schlechter Autor. Oh, das bin ja ich!“

Wenn der Gastlandpavillon laut einiger Besucher der einzige Ort auf der Messe ist, der einem Ruhe und eine kleine Verschnaufpause gönnt. Das Meerpanorama in sanfter Beleuchtung, die Liegestühle, der gelegentliche Klang herunterfallender Bücher hinter den Stoffbahnen…

Und wenn am Sonntag um 18 Uhr langsam die Stoffverkleidung vom Messeboden geschnitten wird und die Stände plötzlich leer sind und man sich von nun an nicht mehr mit dem Erleben der Buchmesse, sondern nur noch mit ihrer Nacharbeitung beschäftigen kann.

 

Auch lesenswert: Die Schreibszene Frankfurt hat Besuchern und Mitwirkenden der Messe die Möglichkeit gegeben, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben. Ziel des Projekts war es, die Beobachtenden wiederum in ihrem Schreibprozess zu beobachten. Nachzulesen hier.

Songs, Grooves & Gedachte, 12. Oktober 2016

Unter dem Motto „Songs, Grooves & Gedachte“ fanden sich sechs Künstler aus den Niederlanden und Flandern im Rahmen der Halbtotale 2016 und des Reset Festivals im Pumpenhaus in Münster zusammen. Im stimmungsvollen Theatersaal lagen schon vor Beginn verschiedene Instrumente auf den schwarz gestrichenen Dielen bereit, und machten das wartende Publikum neugierig.

Nach einer kurzen Einführung begaben sich der Musiker Jan Klug (aus Deutschland, lebt aber in den Niederlanden) und Broeder Dielemann (Flandern) an ihre Instrumente, während Klaske Oenema (Niederlande) sich hinter einen Tageslichtprojektor setzte. Jan Klug spielte verschiedenste, exotische Instrumente, wie beispielsweise das Pataphon und das Theremin, welche für ungewohnte, atmosphärische Klänge sorgten, während Broeder Dielemann hauptsächlich die Gitarre, Schellen und Klanghölzer bediente. Langsam bäumte sich ein immer intensiver werdender Sound im klangvollen Theatersaal auf, zu denen Klaske Oenema abstrakte Bilder auf dem Tageslichtprojektor entstehen ließ, die an die Wand projiziert wurden. Schließlich trat der Dichter Frank Keizer (Amsterdam) auf die Bühne, und las eines seiner Gedichte vor, während die Übersetzung im Hintergrund auf einer Leinwand mitlief. Das Ganze, diese wabernde Musik und der ernste, durchdringende Vortrag, waren ein eindrucksvoller Einstieg in einen eindrucksvollen Abend.

Nun wechselten sich die Künstler ab, nach Frank Keizer, dessen Gedichte sich zwischen Persönlichem und Abstraktem bewegen und oftmals Gesellschaftskritik beinhalten, folgte Els Moors (Flandern), die ganz ruhig und lächelnd ihre besonderen, zum Nachdenken anregenden Gedichte vortrug. Barfuß und stimmgewaltig nahm schließlich der niederländische Lyriker Tsead Bruinja (Friesland) die Bühne ein, um seine Gedichte, teils begleitet von düsterer Musik, intensiv vorzutragen. Zwischen den Dichtern sang Broeder Dielemann seine naturverbundenen, poetischen Lieder in bunten Socken, und auch Klaske Oenema überzeugte immer wieder nicht nur mit ihren untermalenden Projektionen, sondern auch mit ihrer klaren Stimme, wenn sie ihre eigenen Lieder vortrug.

Die sechs ausgewählten Künstler gaben 90  Minuten lang ein unheimlich abwechslungsreiches, und doch so stimmungsvolles Programm zum Besten, bei dem ich als Zuschauerin kaum wusste, wo ich hinschauen und hinhören sollte. Da waren die Projektionen, die Instrumente, die Dichter, die Gedichte und ihre Übersetzungen, eine positive Reizüberflutung und der Wille, alles gleichzeitig möglichst intensiv aufzusaugen. Dieser Abend hat Lust auf mehr gemacht, Lust auf die niederländische Sprache, ihre verschiedenen Klänge und vor allem Lust auf die niederländischsprachige Poesie.

Lisa Mensing