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Tagung „Fakt und Fiktion“ und Lesung Frank Westerman

Am 26. Januar 2017 fand die Veranstaltung Fakt und Fiktion – Erkundungen der Grenzen kreativer Sachbücher aus unserem Nachbarland Niederlande im Franz-Hitze-Haus in Münster statt.

Fester Bestandteil der niederländischen Literaturlandschaft ist die „literarische Non-Fiktion“, die nicht zuletzt durch Bücher von Autoren wie Frank Westerman und Geert Mak in den Fokus gerückt wird. Während der Veranstaltung konnten die Zuhörer Bekanntschaft mit verschiedensten Herangehensweisen ans Thema machen. Das Verwischen der Grenzen von Fakt und Fiktion beim Schreiben kann sich auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken.
Die Problematik des Begriffes wurde spätestens beim Willkommensgruß von Prof. Dr. Lut Missinne vom Institut für Niederländische Philologie in Münster deutlich. Im deutschen Sprachgebrauch wird eher der Begriff „kreative Sachbücher“ verwendet. Doch wie kann Literatur Wirklichkeit darstellen? Die Spannung zwischen echtheid vs. werkelijkheid zog sich durch alle Vorträge hindurch.

Die Veranstaltung bot drei aufschlussreiche, aber voneinander thematisch unterschiedliche Vorträge an. Der erste Vortrag wurde von Dr. Beatrix van Dam, ebenfalls vom Institut für Niederländische Philologie in Münster, zu dem Thema Belegen oder beleben? Zur Fiktion in der Geschichtsschreibung gehalten. Auch sie stellte heraus, dass es sich bei der literarischen Non-Fiktion oft um Genre-Vermischungen handelt und nicht um die bloße Wiedergabe von Fakten. Anhand von konkreten Textbeispielen aus drei Werken, In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak, Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom und Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck machte sie auf drei verschiedene Erzählformen aufmerksam. Anhand des Werkes Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom zeigte sie das „szenische Erzählen“ auf, welches für die unmittelbare Momentwahrnehmung sorgt, ein Erzählverfahren, um vor allem der Vergangenheit näherzukommen.
Das zweite Beispiel In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak illustrierte den „overt narrator“. So wird im Werk mit einer Ich-Person im Präsens gearbeitet, diese taucht aber zum Beispiel mithilfe eines historischen Baedeker Paris Reiseführers auch in die Vergangenheit ein. So wird teilweise deutlich das faktuale Niveau überschritten. Dadurch ist es für den Leser nicht ersichtlich, ob es tatsächlich stattgefunden hat.
Beim Werk Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck wird mit Augenzeugen und somit mit dem Spiel von Perspektiven gearbeitet. So werden Fakten aus erster Hand erzählt, um eine Annäherung mit der Vergangenheit zu evozieren.
Bei allen drei Werken wurde jeweils eine Verbindung vom Text zum Buchdeckel aufgezeigt, die als Orientierung dienen kann.
Am Ende wurde noch einmal betont, dass es oftmals für den Leser bei der Wahl eines Buches von großer Wichtigkeit ist, ob es sich um Fakt oder Fiktion handelt.

Die zweite Sprecherin, die Belgierin Lieselot de Taeye M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin für Niederländische Literatur an der Freien Universität Brüssel, gab mithilfe ihres Vortrags einen Einblick in ihr Promotionsthema zu dokumentarischen Tendenzen in der niederländischen Literatur der sechziger Jahre. Anhand des Werkes Paris, Mai 1968 von Cees Nooteboom zeigte sie auf, dass der Autor mehrere Genres miteinander kombiniert hat. Das Werk ist eine Sammlung von zwölf Beiträgen Nootebooms für die niederländische Tageszeitung De Volkskrant. De Taeye wies darauf hin, dass Genres oftmals die Erwartungen des Lesers steuern.

Der niederländische Historiker, Journalist und Radiopräsentator Jos Palm aus Amsterdam sprach über sein Buch Moederkerk. Palm erzählte die persönliche Geschichte seiner Mutter (1916–2006), die sehr eng verwurzelt war mit dem Glauben der katholischen Kirche. Trotz der völligen Zuwendung zur katholischen Kirche wollte Palm Momente von Autonomie aufzeigen, wie zum Beispiel den Kommentar seiner Mutter zu einem Absatz in einem Katechismus: übertrieben. Thematisiert wurden unter anderem die Frage nach dem richtigen Schreibstil und der adäquate Umgang mit Quellen.

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Jos Palm, Lut Missinne, Lieselot De Taeye, Beatrix van Dam, Gabriele Osthues

Am Abend versammelten sich die Teilnehmer in der Bibliothek vom Haus der Niederlande zur Lesung des niederländischen Autors Frank Westerman. Sein ins Deutsche übersetztes Buch Reden. Reden? Reden! – Spricht man mit Terroristen? stand im Fokus. Das Gespräch wurde moderiert und gedolmetscht vom Übersetzer Gerd Busse, der vor allem bekannt geworden ist durch die Übersetzung des Romanzyklus Das Büro von J. J. Voskuil und Werken von Willem Elsschot. (Siehe Titelbild: links Gerd Busse, rechts Frank Westerman.)

Im Gespräch mit Westerman wurde eine Vielzahl von Facetten beleuchtet, wie zum Beispiel mit Gesetzesbrechern, gewaltbereiten Menschen und Terroristen umgegangen wird. Bei seinem Perspektivwechsel beschäftigt ihn durchweg die Warum-Frage. Selbst hat Westerman an mehreren Deeskalisationstrainings und Terrorübungen teilgenommen, um den Umgang mit Gewalt auch von der anderen Seite zu verstehen.
In den siebziger Jahren ist Westerman in Drenthe aufgewachsen, wo sich in der Nähe die Zugentführungen durch Molukker ereigneten, und war somit ein Betroffener. Somit beschäftigte sich Westerman mit dem Umgang der niederländischen Regierung mit den Geschehnissen. In diesem Zusammenhang sprach Westerman den „Dutch approach“ an, was so viel bedeutet wie reden, verhandeln und Dialog führen, also der einen gewaltfreien Umgang der Niederlande mit dem damaligen Geschehen vorsah und setzte diesem dem „Russian approach“ gegenüber, der in eine völlig andere Richtung geht, nämlich zu einer konzentrierten Machtausübung. Bei seiner Berichterstattung gehe es Westerman darum, die Wahrheit wiederzugeben, sodass er auch Gefühle und Gedanken der jeweiligen Terroristen in seinem Buch thematisiert. So berichtete er auch vom Gespräch mit einem der involvierten Haupttäter des damaligen Überfalls. Der Terrorist, der während seines Gefängnisaufenthaltes selbst angefangen hat, Gedichte zu schreiben, bestätigt Westermans Denkansatz „de kracht van het woord“. Laut Westerman hat der Terrorist gelernt, sich zu „verwoorden“, also in Wörtern auszudrücken. Er betonte mehrfach „de kracht van het woord“, also die Kraft des Wortes gegenüber der Gewalt. Es ist falsch, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. So liege die wahre Kraft im Stift, also im Ausdruck.
In der Diskussion wurden ebenfalls Vergleiche zum gegenwärtigen Terror in Paris, Brüssel und Berlin gezogen. So müsse man zur aktuellen Situation neue Konzepte und Methoden finden.
Auch wurde die Frage angesprochen, ob es wirklich um ein reines Sachbuch geht oder inwieweit sein Werk literarisch geprägt ist. In diesem Zusammenhang wurde die Frage erörtert, inwieweit er seine historischen Fakten subjektiviert, wie zum Beispiel bei der Wiedergabe von persönlichen Eindrücken der Terroristen.
Abschließend bekräftigte Westerman seine Überzeugung, dass der Stift mächtiger ist als das Schwert.

Dirk Haustein