„Einem Reiher fehlt es an Effizienz.“ Elmar Kuiper in deutscher Übersetzung

Den friesischen Dichter Elmar Kuiper kann man jetzt auch auf Deutsch lesen: Sein erster deutscher Gedichtband da scharwenzeln spottvögel mit der schwerkraft (in Übersetzung von Stefan Wieczorek) ist im März bei Edition Virgines erschienen.

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„Dass Elmar Kuiper Klang und Rhythmus liebt, merkt man schnell, wenn man sich mit seinem Werk beschäftigt. Hinzu kommen Bilder, die sich dem Leser nicht unmittelbar erschließen. Diese starken Bilder sprechen für sich selbst.“, schreibt Geart Tigchelaar im Nachwort des Bandes.

Es liegt nahe, Kuipers Klänge konkret im Vergleich mit der friesischen und niederländischen Version eines Gedichtfragments kennenzulernen:

 


Ik wol de sfear net ferpeste

Myn potlead stammet ôf fan in beam.

Ik neam dyn namme, do stapst
út in skiere wrâld
en komst fleurich op my ta.

In fûgel knip ik út in boekje.
In fûgel plak ik yn in reade loft.

(aus Ut namme van mysels, 2006)


Ik wil de sfeer niet verpesten

Mijn potlood stamt af van een boom.

Ik niem je naam, jij stapt
uit een grauwe wereld
en komt vrolijk naar me toe.

Een vogel knip ik uit een boekje.
Een vogel plak ik in de rode lucht.

(aus Roep de rottweiler op!, 2006)


ich will die stimmung nicht versauen 

mein bleistift stammt von einem baum ab.

ich rufe deinen namen, du trittst aus einer aschgrauen welt
und kommst fröhlich auf mich zu.

einen vogel schneide ich aus einem heft.
einen vogel klebe ich in den roten himmel.

(aus da scharwenzeln spottvögel mit der schwerkraft, 2017)


Auch auf der Leipziger Buchmesse Mitte März war Elmar Kuiper (neben unter anderem Els Moors, Tsead Bruinja und Herman Koch) zu Gast.

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Tagung „Fakt und Fiktion“ und Lesung Frank Westerman

Am 26. Januar 2017 fand die Veranstaltung Fakt und Fiktion – Erkundungen der Grenzen kreativer Sachbücher aus unserem Nachbarland Niederlande im Franz-Hitze-Haus in Münster statt.

Fester Bestandteil der niederländischen Literaturlandschaft ist die „literarische Non-Fiktion“, die nicht zuletzt durch Bücher von Autoren wie Frank Westerman und Geert Mak in den Fokus gerückt wird. Während der Veranstaltung konnten die Zuhörer Bekanntschaft mit verschiedensten Herangehensweisen ans Thema machen. Das Verwischen der Grenzen von Fakt und Fiktion beim Schreiben kann sich auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken.
Die Problematik des Begriffes wurde spätestens beim Willkommensgruß von Prof. Dr. Lut Missinne vom Institut für Niederländische Philologie in Münster deutlich. Im deutschen Sprachgebrauch wird eher der Begriff „kreative Sachbücher“ verwendet. Doch wie kann Literatur Wirklichkeit darstellen? Die Spannung zwischen echtheid vs. werkelijkheid zog sich durch alle Vorträge hindurch.

Die Veranstaltung bot drei aufschlussreiche, aber voneinander thematisch unterschiedliche Vorträge an. Der erste Vortrag wurde von Dr. Beatrix van Dam, ebenfalls vom Institut für Niederländische Philologie in Münster, zu dem Thema Belegen oder beleben? Zur Fiktion in der Geschichtsschreibung gehalten. Auch sie stellte heraus, dass es sich bei der literarischen Non-Fiktion oft um Genre-Vermischungen handelt und nicht um die bloße Wiedergabe von Fakten. Anhand von konkreten Textbeispielen aus drei Werken, In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak, Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom und Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck machte sie auf drei verschiedene Erzählformen aufmerksam. Anhand des Werkes Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom zeigte sie das „szenische Erzählen“ auf, welches für die unmittelbare Momentwahrnehmung sorgt, ein Erzählverfahren, um vor allem der Vergangenheit näherzukommen.
Das zweite Beispiel In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak illustrierte den „overt narrator“. So wird im Werk mit einer Ich-Person im Präsens gearbeitet, diese taucht aber zum Beispiel mithilfe eines historischen Baedeker Paris Reiseführers auch in die Vergangenheit ein. So wird teilweise deutlich das faktuale Niveau überschritten. Dadurch ist es für den Leser nicht ersichtlich, ob es tatsächlich stattgefunden hat.
Beim Werk Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck wird mit Augenzeugen und somit mit dem Spiel von Perspektiven gearbeitet. So werden Fakten aus erster Hand erzählt, um eine Annäherung mit der Vergangenheit zu evozieren.
Bei allen drei Werken wurde jeweils eine Verbindung vom Text zum Buchdeckel aufgezeigt, die als Orientierung dienen kann.
Am Ende wurde noch einmal betont, dass es oftmals für den Leser bei der Wahl eines Buches von großer Wichtigkeit ist, ob es sich um Fakt oder Fiktion handelt.

Die zweite Sprecherin, die Belgierin Lieselot de Taeye M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin für Niederländische Literatur an der Freien Universität Brüssel, gab mithilfe ihres Vortrags einen Einblick in ihr Promotionsthema zu dokumentarischen Tendenzen in der niederländischen Literatur der sechziger Jahre. Anhand des Werkes Paris, Mai 1968 von Cees Nooteboom zeigte sie auf, dass der Autor mehrere Genres miteinander kombiniert hat. Das Werk ist eine Sammlung von zwölf Beiträgen Nootebooms für die niederländische Tageszeitung De Volkskrant. De Taeye wies darauf hin, dass Genres oftmals die Erwartungen des Lesers steuern.

Der niederländische Historiker, Journalist und Radiopräsentator Jos Palm aus Amsterdam sprach über sein Buch Moederkerk. Palm erzählte die persönliche Geschichte seiner Mutter (1916–2006), die sehr eng verwurzelt war mit dem Glauben der katholischen Kirche. Trotz der völligen Zuwendung zur katholischen Kirche wollte Palm Momente von Autonomie aufzeigen, wie zum Beispiel den Kommentar seiner Mutter zu einem Absatz in einem Katechismus: übertrieben. Thematisiert wurden unter anderem die Frage nach dem richtigen Schreibstil und der adäquate Umgang mit Quellen.

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Jos Palm, Lut Missinne, Lieselot De Taeye, Beatrix van Dam, Gabriele Osthues

Am Abend versammelten sich die Teilnehmer in der Bibliothek vom Haus der Niederlande zur Lesung des niederländischen Autors Frank Westerman. Sein ins Deutsche übersetztes Buch Reden. Reden? Reden! – Spricht man mit Terroristen? stand im Fokus. Das Gespräch wurde moderiert und gedolmetscht vom Übersetzer Gerd Busse, der vor allem bekannt geworden ist durch die Übersetzung des Romanzyklus Das Büro von J. J. Voskuil und Werken von Willem Elsschot. (Siehe Titelbild: links Gerd Busse, rechts Frank Westerman.)

Im Gespräch mit Westerman wurde eine Vielzahl von Facetten beleuchtet, wie zum Beispiel mit Gesetzesbrechern, gewaltbereiten Menschen und Terroristen umgegangen wird. Bei seinem Perspektivwechsel beschäftigt ihn durchweg die Warum-Frage. Selbst hat Westerman an mehreren Deeskalisationstrainings und Terrorübungen teilgenommen, um den Umgang mit Gewalt auch von der anderen Seite zu verstehen.
In den siebziger Jahren ist Westerman in Drenthe aufgewachsen, wo sich in der Nähe die Zugentführungen durch Molukker ereigneten, und war somit ein Betroffener. Somit beschäftigte sich Westerman mit dem Umgang der niederländischen Regierung mit den Geschehnissen. In diesem Zusammenhang sprach Westerman den „Dutch approach“ an, was so viel bedeutet wie reden, verhandeln und Dialog führen, also der einen gewaltfreien Umgang der Niederlande mit dem damaligen Geschehen vorsah und setzte diesem dem „Russian approach“ gegenüber, der in eine völlig andere Richtung geht, nämlich zu einer konzentrierten Machtausübung. Bei seiner Berichterstattung gehe es Westerman darum, die Wahrheit wiederzugeben, sodass er auch Gefühle und Gedanken der jeweiligen Terroristen in seinem Buch thematisiert. So berichtete er auch vom Gespräch mit einem der involvierten Haupttäter des damaligen Überfalls. Der Terrorist, der während seines Gefängnisaufenthaltes selbst angefangen hat, Gedichte zu schreiben, bestätigt Westermans Denkansatz „de kracht van het woord“. Laut Westerman hat der Terrorist gelernt, sich zu „verwoorden“, also in Wörtern auszudrücken. Er betonte mehrfach „de kracht van het woord“, also die Kraft des Wortes gegenüber der Gewalt. Es ist falsch, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. So liege die wahre Kraft im Stift, also im Ausdruck.
In der Diskussion wurden ebenfalls Vergleiche zum gegenwärtigen Terror in Paris, Brüssel und Berlin gezogen. So müsse man zur aktuellen Situation neue Konzepte und Methoden finden.
Auch wurde die Frage angesprochen, ob es wirklich um ein reines Sachbuch geht oder inwieweit sein Werk literarisch geprägt ist. In diesem Zusammenhang wurde die Frage erörtert, inwieweit er seine historischen Fakten subjektiviert, wie zum Beispiel bei der Wiedergabe von persönlichen Eindrücken der Terroristen.
Abschließend bekräftigte Westerman seine Überzeugung, dass der Stift mächtiger ist als das Schwert.

Dirk Haustein

Cees Nooteboom in bibliophiler Box

Am 07.01.2017 fand am Oer’schen Hof, in den Verlagshallen von BuchKunst Kleinheinrich, eine weitere Niederlande-relatierte Buchpräsentation statt.
Veronika Schäpers stellte ihr von Cees Nootebooms Gedicht „Fuji“ inspiriertes Werk vor – die Box aus Paulownienholz enthält neben dem zweisprachig abgedruckten Gedicht (Übersetzung: Ard Posthuma) 36 Drucke der Künstlerin und 5 Spülschwämme in Form des japanischen Wahrzeichens.

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Box mit 36 Irisdrucken von Veronika Schäpers, „Fuji“ von Cees Nooteboom und fünf Spülschwämmen in Fuji-Form. Foto: BuchKunst Kleinheinrich

Die Drucke stellen die Farbverläufe des Himmels in der bekannten Holzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“ des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai dar. Zunächst erfolgte der Farbauftrag auf Glas, dann der Druck von Linoleum auf das japanische Papier. Dank des durchscheinenden Charakters desselben entsteht auch auf der Rückseite ein zarter Abdruck, so steht dem Druck keine weiße Seite gegenüber.

Das Gedicht von Cees Nooteboom besteht aus vier Strophen, die vertikal auf dem Papier abgedruckt sind. Das letzte Wort jedes Verses ist dick gedruckt, was den Leser an die weiße Schneekuppe des Mount Fuji erinnert.
Aan hem hangt heel Japan als een gondel vol dromen / die hij optilt en koestert en door de lucht met zich meevoert / tot buiten de streek van de tijd.

Diese stimmige Box würde man am liebsten zu Hause ausstellen, ein Mal am Tag mit weißen Baumwollhandschuhen das Mitsumata-Papier befühlen, das Blau auf sich wirken lassen, das Gedicht im Original und in der Übersetzung rezitieren und darüber nachdenken, was man mit einem der Fujis so alles spülen könnte.

Eine sehr besondere Edition des Gedichts mit wunderbaren Drucken.

Weitere Infos bei Kleinheinrich und auf der Website von Veronika Schäpers.

Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können

Vier Künstler und eine Stadt. Das Ergebnis: Wundervoll verschiedene Texte und Bilder über Münster.

Die belgische Organisation deBuren hat im Rahmen von Citybooks vier Künstler ausgewählt, die über Münster schreiben und die Stadt fotografieren durften. Zuerst residierte die niederländische Fotografin Sofie Knijff zwei Wochen lang in Münster, darauf folgte die junge Flämin Carmien Michels und schließlich besuchte auch der niederländische Dichter Erik Lindner die Stadt. Die Residenz der deutsch-kroatischen Autorin Alida Bremer dauert nun schon mehrere Jahrzehnte an. Am 15. November 2016 wurden die vier Künstler erneut nach Münster eingeladen, um die Ergebnisse ihrer Residenz vorzustellen.

Schon während der Einleitung des Vorsitzenden des Literaturvereins Hermann Wallmann und Willem Bongers-Dek von deBuren richteten sich die Blicke des Publikums stur geradeaus – dabei standen die beiden Redner doch rechts von der Bühne. Links neben ihnen, über der Bühne, wurden jedoch schon die Bilder von Sofie Knijff an die Wand projiziert, Bilder, auf denen Menschen zu sehen waren. Pro Bild ein Mensch. Immer mit dem gleichen Hintergrund, immer gleich beleuchtet, doch immer in einer anderen Pose. Ernst haben sie geschaut, die Portraitierten. Nicht aufgesetzt ernst, sondern mit einem Ernst in den Augen, der das Leben widerspiegelt. Sofie Knijff hat mit ihren Portraits die Vielfalt, die in Münster lebt, abgebildet und dabei jeden Menschen gleichwertig und wirkend inszeniert. In den Gesichtern kann man Geschichten lesen, Geschichten über das Vergangene, über das Hier und Jetzt, über Münster und über die Menschen, die in dieser Stadt leben, Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können.

Schließlich werden die Bilder ausgeblendet, denn die erste Autorin betritt zusammen mit Anna Eble, die dolmetschend allen zur Seite steht und die deutschen Übersetzungen der Texte liest, die Bühne. Die Slam-Poetin Carmien Michels liest das Intro ihrer Kurzgeschichte Niet lang meer vor, und springt gekonnt zwischen Münsteraner Idylle und Kriegsvergangenheit hin und her. Glaubt man sich erst in einer friedvollen Szenerie wiederzufinden, nimmt Michels die Vergangenheit Münsters Schicht für Schicht, Stein für Stein auseinander, um uns daran zu erinnern, wie es war, und wie es immer wieder sein könnte. Ausgehend vom Gesamtbild der Stadt wagt sich Michels immer näher an das Individuum heran, wählt sich eine junge Frau zur Protagonistin, und scheut sich nicht vor Grenzüberschreitungen, vor dem Heraustreten aus der Komfortzone der Münsteraner. Die Waage kann in dieser Geschichte jederzeit kippen, vom Frieden zum Krieg. Mit Niet lang meer hat Michels ein aktuelles Thema auf die Stadt Münster übertragen, und führt den Hörern vor, wie wertvoll das, was wir haben, doch ist.

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Carmien Michels, Hermann Wallmann. Foto: Ali el Baya

Erik Lindner wählt die Worte, die Buchstaben in seinen Gedichten so präzise, dass sie den Rhythmus des Gedichtes, den Takt vorgeben. Wie ein Musiker spielt Lindner mit seinem Gedicht, gekonnt liest er stakkato und legato und ein Sog entsteht, der den Leser, der vor allem aber den Hörer in seinen Bann schlägt. Liebt man das Niederländische noch nicht, so sollte man ihm doch völlig verfallen, wenn man Lindner dabei zuhört, wie er die Laute seiner Sprache spricht, wie er sie formt und ihnen Kraft verleiht, wie allein durch den Klang der Sinn entsteht, und man es nur wirken lassen muss, um es zu verstehen. Mit Roeiers op de Aasee hat Lindner Münster nun ein solches Gedicht geschenkt, ein Gedicht, das auf Münster eingeht, ohne Klischees zu bedienen, das Bilder zeichnet, die diese Stadt zeigen, und doch eine ganz eigene Geschichte erzählen.
Wandernd hat Lindner die Stadt eingenommen, jede Straße, jeden Winkel hat er mit seinen Sohlen betreten. Immer aufmerksam, die Stimmung der Stadt einatmend, hat er schließlich die niederländische Sprache und seine Poesie wie ein feines Netz über die Stadt gelegt und dieses intensive Gedicht geschrieben.

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Erik Lindner. Foto: Ali el Baya

Alida Bremer ist eine kroatisch-deutsche Autorin und Übersetzerin, die schon lange in Münster lebt und arbeitet. Die Ausgangssituation war für sie deshalb natürlich eine andere als bei den niederländischsprachigen Gästen. So setzt sich ihre Kurzgeschichte auch thematisch ab und greift das Ankommen in Münster, das Fremdeln und das Zusammenwachsen mit der Stadt, mit den Menschen auf. Die Sehnsucht nach dem Wasser, nach dem Meer verzehrte sie anfangs, bis sie einen ehemaligen Marineoffizier traf, der ihr riet, zur Nordsee zu fahren, mit dem sie sich anfreundete, und der ihr zeigte, dass die westfälische Verschlossenheit sich in eine herzliche, warme Freundschaft wandeln kann. Aus dem Blickwinkel der Einheimischen in der Fremde führt sie dem Hörer die kleinen Macken und die großen Stärken Münsters vor, zaubert ein Lächeln in die Gesichter und zeichnet ihre autobiografische, herzergreifende Geschichte nach. Ein schöner Abschluss eines gelungenen Abends.

Die im Rahmen von Citybooks entstandenen Texte und Fotos über Münster (und über viele andere Städte) können in Kürze unter www.citybooks.eu eingesehen und als Audiodateien heruntergeladen werden.
Die Fotos von Sofie Knijff und das Gedicht von Erik Lindner sind bereits online.
Lisa Mensing

Links:

Website Citybooks
Website Sofie Knijff
Website Carmien Michels
Website Erik Lindner
Website Alida Bremer
Website Literaturverein Münster

Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven am 14. November in der Stadtbücherei

Als erbitterte Buchstabierrivalen werden Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven vom Moderator Hermann Wallmann mit einem Augenzwinkern vorgestellt, weil sie sich einst in einer TV-Sendung duellierten. Während der Lesung verstehen sich die flämische Autorin und der niederländische Autor dann aber doch ganz gut, ergänzen sich Bakkers direkte Art und Broeckhovens sanftere Zurückhaltung doch perfekt zu einem literarischen Duo.

Gerbrand Bakker stellt an diesem Abend sein jüngstes Buch Jasper und sein Knecht vor, und ich wähle das undefinierte Wort „Buch“ bewusst, denn schon entsteht eine erste Diskussion über das Textgenre dieser Veröffentlichung. Während der niederländische Text in der Reihe „privé-domein“ erschienen ist, eine in den Niederlanden bekannte, eindeutig autobiografische Veröffentlichungsreihe, steht auf der deutschen Version des Suhrkamp-Verlags schlicht…nichts. Der Name des Autors, der Titel, kein Genre. Kein Roman, kein Tagebuch. Doch ist Bakkers Jasper und sein Knecht genau das, eine autobiografische Erzählung, ein Tagebuch, denn, so Bakker, er könne keine Romane mehr schreiben. Also schreibt er über sein Leben in der Eifel, über das Leben, das er zusammen mit seinem Hund Jasper führt und über das Leben, das gewesen ist.

Die von Bakker im Deutschen vorgelesenen Ausschnitte verdeutlichen ziemlich schnell, wie intensiv und gefühlvoll die Geschichte von Jasper und seinem Knecht ist. Die kurzen Passagen ziehen den Hörer direkt in ihren Bann, während Bakker schildert, wie ein Leben mit Depressionen aussieht und wie es sich von dem Leben „fröhlicher“ Menschen unterscheidet. Im Gegensatz zum depressiven Mensch müsse sich ein positiver, lebensbejahender Mensch nie für seine (gute) Laune rechtfertigen. Wahre Worte, die man in Bakkers neuester Veröffentlichung häufig finden kann.

Diane Broeckhoven präsentiert ihren neuen Roman Was ich noch weiß – hier ist das Genre eindeutig, das Wort Roman steht auf dem Buchumschlag. Auch die Frage Bakkers, ob sich hier denn nicht auch autobiografische Passagen verstecken würden, verneint Broeckhoven, es sei einfach ein Roman. Eine Geschichte von Mutter und Sohn, die nach dem Schlaganfall der Mutter neue Richtungen einschlägt. Einfühlsam, doch niemals kitschig, haucht Broeckhoven den Protagonisten und der Mutter-Sohn-Beziehung beim Vorlesen Leben ein, lässt sie vor dem inneren Auge des Hörers plastisch werden, wenn sie das Leben so beschreibt, wie es sein kann, wie es ist. Broeckhoven hat ein Gespür für feine Nuancen und wundervolle Details, die Was ich noch weiß zu einer ganz besonderen Geschichte machen.

Das Zusammenspiel zwischen Bakker und Broeckhoven funktioniert an diesem Abend perfekt, auf beiden Seiten werden Anekdoten zum Besten gegeben: von unverständlich „Eiflisch“-sprechenden Eifelbewohnern, von panischen Schüler-E-Mails, in denen komplizierte Fragen zu den Büchern gestellt werden, die die Autoren selbst nicht beantworten können, und vom immer gegenwärtigen Thema – dem Schreiben.  So entstand ein lebendiger, diskussionsfreudiger und vor allem literarischer Abend in der Stadtbücherei.

Lisa Mensing

 

Gerbrand Bakker stellte die deutsche Übersetzung seines Buchs Jasper en zijn knecht (2016) vor: Jasper und sein Knecht, im September bei Suhrkamp erschienen, Übersetzung: Andreas Ecke.
Auch Diane Broeckhovens Buch Wat ik nog weet (2013) ist diesen September in deutscher Übersetzung erschienen (Was ich noch weiß, C.H.Beck, übersetzt von Isabel Hessel).

Frankfurt 2016. Ein Bericht.

Die Frankfurter Buchmesse lässt sich nicht einmal annähernd in Gänze erfassen, geschweige denn beschreiben. Allein die Veranstaltungen des Ehrengasts (Flandern und die Niederlande), die nur einen Bruchteil des gesamten Angebots ausmachen, bieten ein 5 Tage mehr als ausfüllendes Programm. – Für Interessierte an niederländischsprachiger Literatur und all ihren Ausläufern eine so schnell nicht wiederkehrende Goldgrube an Autorenlesungen, Interviews, Gesprächen und vielfältigem Rahmenprogramm. Eine solch hohe Dichte von Literaten und anderen Mitgliedern des Literaturbetriebs findet man selten, wohl nie, zumindest nicht außerhalb von Amsterdam.

Letztendlich ist die Buchmesse vielleicht eine Ansammlung von Sätzen und kurzen Sequenzen, Bildern, die im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht kann schon eine kleine Anzahl solcher Blitzlichter ausreichen, um einen Einblick in die Welt des „weltgrößten Event der Publishing-Welt“ zu geben, wie sich die Buchmesse wenig literarisch selbst nennt.

Frankfurt 2016 ist, wenn Joost de Vries in seinem Tribut an Harry Mulisch über seinen jüngst auf Deutsch erschienenen Roman sagt: „Writing De Republiek was so much fun it should be illegal“.

Wenn man von Elvis Peeters erfährt, dass Hugo Claus ihn ein Jahr seines Lebens gekostet hat, weil er nur noch seine Romane las anstatt für seine Abschlussprüfung zu lernen und ein ganzes Schuljahr wiederholen musste.

Wenn Arnon Grunberg in einem Gespräch über Moedervlekken und das Buch seiner Mutter Hannelore Grünberg-Klein ganz andere Töne anschlägt und die Frage stellt, ob nicht Sterben Leben genug ist.
Wenn das Gespräch viel länger dauert als veranschlagt war und Katharina Borchardt mehrmals rabiat abgewunken wird, zur Freude der Zuhörer aber lieber noch ein wenig plaudert.

Wenn Adriaan van Dis den Nederlandse Spoorwegen nachsagt, sie würden Verspätungen absichtlich generieren, schließlich seien Staus und ähnliche Situationen gut für die Literatur, weil sie Kreativität Raum geben.
Oder wenn er mit Charlotte Van den Broeck darüber spricht, wie viel schöner das in Flandern verbreitetere „vertrappelen“ klingt als das in den Niederlanden gebräuchliche „vertrappen“. Vertrappelen, das ist nämlich, was ein tanzender Elefant im Zug notgedrungen mit den Passagieren macht.

Wenn sich eine belgische Besucherin der Buchmesse ein niederländischsprachiges Gedicht lieber auf Deutsch vorlesen lässt, weil sich das so schön anhört.

Und wenn sich wiederum Tommy Wieringa darüber auslässt, dass Deutsch keine Sprache, sondern Mathematik ist. Außerdem gebe es in den Niederlanden keinen Raum für Abenteuer, man stoße überall auf etwas Menschliches.

Wenn Gustaaf Peek philosophiert: „Wenn man einmal glücklich ist, dann wird man hungrig nach noch mehr Glück. Ist es also konstruktiv, Glück zu haben? Aber was haben wir schon für eine Wahl.“

Und wenn Herman Koch erzählt, dass er so viel Distanz zu seinem Geschriebenen gewinnt, dass er, wenn er eine deutsche Übersetzung in den Händen hält, denkt: „Das ist wirklich kein schlechter Autor. Oh, das bin ja ich!“

Wenn der Gastlandpavillon laut einiger Besucher der einzige Ort auf der Messe ist, der einem Ruhe und eine kleine Verschnaufpause gönnt. Das Meerpanorama in sanfter Beleuchtung, die Liegestühle, der gelegentliche Klang herunterfallender Bücher hinter den Stoffbahnen…

Und wenn am Sonntag um 18 Uhr langsam die Stoffverkleidung vom Messeboden geschnitten wird und die Stände plötzlich leer sind und man sich von nun an nicht mehr mit dem Erleben der Buchmesse, sondern nur noch mit ihrer Nacharbeitung beschäftigen kann.

 

Auch lesenswert: Die Schreibszene Frankfurt hat Besuchern und Mitwirkenden der Messe die Möglichkeit gegeben, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben. Ziel des Projekts war es, die Beobachtenden wiederum in ihrem Schreibprozess zu beobachten. Nachzulesen hier.

Songs, Grooves & Gedachte, 12. Oktober 2016

Unter dem Motto „Songs, Grooves & Gedachte“ fanden sich sechs Künstler aus den Niederlanden und Flandern im Rahmen der Halbtotale 2016 und des Reset Festivals im Pumpenhaus in Münster zusammen. Im stimmungsvollen Theatersaal lagen schon vor Beginn verschiedene Instrumente auf den schwarz gestrichenen Dielen bereit, und machten das wartende Publikum neugierig.

Nach einer kurzen Einführung begaben sich der Musiker Jan Klug (aus Deutschland, lebt aber in den Niederlanden) und Broeder Dielemann (Flandern) an ihre Instrumente, während Klaske Oenema (Niederlande) sich hinter einen Tageslichtprojektor setzte. Jan Klug spielte verschiedenste, exotische Instrumente, wie beispielsweise das Pataphon und das Theremin, welche für ungewohnte, atmosphärische Klänge sorgten, während Broeder Dielemann hauptsächlich die Gitarre, Schellen und Klanghölzer bediente. Langsam bäumte sich ein immer intensiver werdender Sound im klangvollen Theatersaal auf, zu denen Klaske Oenema abstrakte Bilder auf dem Tageslichtprojektor entstehen ließ, die an die Wand projiziert wurden. Schließlich trat der Dichter Frank Keizer (Amsterdam) auf die Bühne, und las eines seiner Gedichte vor, während die Übersetzung im Hintergrund auf einer Leinwand mitlief. Das Ganze, diese wabernde Musik und der ernste, durchdringende Vortrag, waren ein eindrucksvoller Einstieg in einen eindrucksvollen Abend.

Nun wechselten sich die Künstler ab, nach Frank Keizer, dessen Gedichte sich zwischen Persönlichem und Abstraktem bewegen und oftmals Gesellschaftskritik beinhalten, folgte Els Moors (Flandern), die ganz ruhig und lächelnd ihre besonderen, zum Nachdenken anregenden Gedichte vortrug. Barfuß und stimmgewaltig nahm schließlich der niederländische Lyriker Tsead Bruinja (Friesland) die Bühne ein, um seine Gedichte, teils begleitet von düsterer Musik, intensiv vorzutragen. Zwischen den Dichtern sang Broeder Dielemann seine naturverbundenen, poetischen Lieder in bunten Socken, und auch Klaske Oenema überzeugte immer wieder nicht nur mit ihren untermalenden Projektionen, sondern auch mit ihrer klaren Stimme, wenn sie ihre eigenen Lieder vortrug.

Die sechs ausgewählten Künstler gaben 90  Minuten lang ein unheimlich abwechslungsreiches, und doch so stimmungsvolles Programm zum Besten, bei dem ich als Zuschauerin kaum wusste, wo ich hinschauen und hinhören sollte. Da waren die Projektionen, die Instrumente, die Dichter, die Gedichte und ihre Übersetzungen, eine positive Reizüberflutung und der Wille, alles gleichzeitig möglichst intensiv aufzusaugen. Dieser Abend hat Lust auf mehr gemacht, Lust auf die niederländische Sprache, ihre verschiedenen Klänge und vor allem Lust auf die niederländischsprachige Poesie.

Lisa Mensing