Archiv der Kategorie: Poesie

Der ostflämische Westflame: Peter Theunynck zu Gast im Haus der Niederlande

Im Wintersemester besuchten die Studenten des Schwerpunkts Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer einen von Anna Carstens geleiteten Übersetzungsworkshop. Anna Carstens hatte hierfür den flämischen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) ausgewählt, aus dem die Studenten Passagen übersetzten und diese im Workshop besprachen und überarbeiteten. Zum Schluss organisierten die Studenten eine Lesung mit dem Autor, der sein umfangreiches Werk präsentierte und den Studenten Rede und Antwort stand – in einem finalen Workshop und während der Lesung.

Von Oktober bis Dezember hatten die Studenten zusammen mit der Übersetzerin Anna Carstens an den Übersetzungen gearbeitet: Zuerst übersetzte jeder Student die ausgewählten Passagen selbst, dann wurden die verschiedenen Fassungen im Workshop verglichen und diskutiert, woraufhin Fusionsfassungen in Gruppen angefertigt wurden, die ebenfalls mehrmals überarbeitet wurden. Eine Gruppe von drei Studenten fertigte schließlich eine finale Version aus den überarbeiteten Fusionsfassungen an, welche im kommenden Jahr in der Zeitschrift nachbarsprache niederländisch veröffentlicht wird. Doch auch das längste Grübeln – selbst in der Gruppe – führt nicht immer zum perfekten Resultat, weshalb die Studenten gerne noch einmal mit dem Autor selbst sprechen wollten. Wenn einer wissen konnte, was mit genau diesem Wort gemeint sein sollte, war das wohl der Autor selbst.

Am 24. Januar reiste Peter Theunynck, der vor allem für seine Biografie über Karel van de Woestijne und seine preisgekrönten Gedichte bekannt ist, nach Münster, um seinen Debütroman De Slembroucks im Rahmen einer Lesung zu präsentieren und vorab in einem Workshop mit den Studenten die letzten Fragen zu den übersetzten Passagen zu besprechen. Ein Satz, bzw. eine Formulierung hatte die Gruppe während des Semesters besonders lange beschäftigt: „Ze verdedigt haar petekind als een vossenmoer en ze zingt overal en altijd vurig zijn lof.“ Dieser Satz handelt von einer Tante, die ihr Patenkind stets verteidigt und es immer in den höchsten Tönen lobt. Inhaltlich machte der Satz keine Probleme, das Wort „vossenmoer“ irritierte die jungen Übersetzer dann aber doch – „Fuchsmutter“ wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. Eine Fuchsmutter ist im deutschen Sprachraum jedoch nicht dafür bekannt, ihre Kinder besonders kämpferisch zu verteidigen. Der Fuchs an sich steht vor allem für seine Schläue und seine Listigkeit, doch diese Attribute trafen überhaupt nicht auf die besagte Tante zu. Zusammen entschied sich die Gruppe für ein anderes Tier, für die Wolfsmutter: „Sie verteidigt ihr Patenkind wie eine Wolfsmutter ihre Welpen und sie singt immer und überall inbrünstig Lobeshymnen auf ihn.“ Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt, erschien den Studenten passender, waren Wölfe doch Rudeltiere. Gleichzeitig passte die Alliteration „Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt“ gut zum poetischen Stil Theunyncks. Beim Übersetzen muss jedoch immer überlegt werden, ob die Abweichung vom Original gerechtfertigt ist, und so sollte der Autor selbst zu seiner besonderen Wortwahl befragt werden. Theunynck erzählte, dass er in Ostflandern aufgewachsen ist, seine Eltern aber aus Westflandern kamen. Ganz sicher war er sich selbst nicht, doch könne das Wort „vossenmoer“ ein Wort aus dem westflämischen Dialekt sein, es bedeute so viel wie „Urmutter“, so Theunynck. Mit der Übersetzung der Studenten war er sehr zufrieden, tatsächlich stellte er seine Wortwahl sogar selbst kurz infrage. Während des Workshops ging der Autor nicht nur auf diese Frage, sondern auf alle Fragen offen ein, ermutigte die Studenten zu weiteren Fragen und erzählte unterhaltsame Anekdoten zu der Entstehung des Romans. Und so konnten auch die letzten Übersetzungshürden erfolgreich genommen werden, sodass einer Veröffentlichung der übersetzten Passagen nichts mehr im Wege steht.

 

Kurze Zeit später sollte die intensive Arbeit mit einer Lesung gekrönt werden, die nicht nur Peter Theunynck die Möglichkeit gab, seinen Roman einem deutschen Publikum vorzustellen, sondern bei der die Übersetzungen der Studenten das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickten.
Den Abend selbst hatten sechs Masterstudenten vollkommen selbstständig organisiert. Auch die Durchführung lag in der Hand der Studenten. So nahmen neben Peter Theunynck Anna Eble als Dolmetscherin und Thomas Altefrohne sowie Lisa Mensing als Moderatoren auf der Bühne Platz. Zum Einstieg wurde die erste Passage vorgelesen: Peter Theunynck las das niederländischsprachige Original, Anna Delorme die deutsche Übersetzung. Danach erzählte Theunynck dem Publikum, was die Unterschiede im Schreibprozess von Poesie und Prosa waren und wie sein Dichterdasein seinen Familienroman beeinflusst hat, um danach einige Gedichte vorzutragen. Theunynck erzählte zu jedem Gedicht eine Geschichte, wodurch die Gedichte (auch für das nicht-niederländischsprachige Publikum) fühlbar und greifbar wurden. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Theunyncks Liebe für Thomas Manns Die Buddenbrooks und den kanadischen Sänger Leonard Cohen deutlich und auch die unbändige Vielseitigkeit des flämischen Autors stand im Fokus, als über den Roman (und weitere Romanpläne), Gedichtbände und seine Graphic Novels gesprochen wurde. Dank der Vielseitigkeit und Offenheit des Autors konnte ein ebenso vielseitiges Programm auf die Bühne gebracht werden.

 

Nach einem zweistündigen Programm schienen alle Parteien zufrieden zu sein – Peter Theunynck hatte das Publikum für sich gewonnen, beantwortete ausführlich alle Fragen und signierte gekaufte Bücher, die Masterstudenten hatten anscheinend einen erfolgreichen Abend organisiert und zum ersten Mal die eigenen Übersetzungen in die Öffentlichkeit getragen und konnten aufatmen. Außerdem wussten sie endlich, dass hinter der vermeintlich mysteriösen vossenmoer gar kein Geheimnis steckte – und dass der Autor, mit dessen Text sie sich so intensiv auseinandergesetzt hatten, ein sehr sympathischer Schriftsteller ist, der den Dialog mit Übersetzern schätzt – so hatte an diesem Abend eine doppelte, positive Entmystifizierung stattgefunden.

Die Lesung wurde von den folgenden Studenten organisiert und durchgeführt: Thomas Altefrohne, Anna Delorme, Anna Eble, Elena Langner, Lisa Mensin und Lars Unland

An der Übersetzung mitgewirkt haben außerdem: Jasmine Benning, Dirk Haustein, Lisa Luks und Lisa Swager

 

Lisa Mensing

Advertisements

wer war ich / vor meiner Neukonzeption – Frank Keizers Lyrik

Dass politische Lyrik nach wie vor einen Stellenwert in der zeitgenössischen  Literatur hat, bewies am 18. Januar 2018 der niederländische Dichter Frank Keizer, der zu einer Lesung mit Interview ins Haus der Niederlande eingeladen war. Im Rahmen dieser Abendveranstaltung trug er dem Publikum einige Gedichte aus seinem neuesten Werk Onder normale omstandigheden („Unter normalen Umständen“) vor und erzählte dabei auch von seiner Arbeit als Redakteur bei der flämischen Zeitschrift nY. Seine Gedichte, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen wie der zunehmenden Individualisierung auseinandersetzen, wurden von Studierenden des Masterstudiengangs „Interdisziplinäre Niederlandistik“ jeweils in Übersetzung vorgetragen.

Nachdem Keizer dem Publikum vier seiner Gedichte als Kostprobe präsentiert hatte, sprachen zwei Bachelorstudierende der Niederlandistik mit ihm über seine Arbeit als Dichter und unterzogen ihn dabei auch einem Quick Quiz. Ausgedacht hatten sich die Fragen die Studierenden aus dem Lyrikseminar von Nele Demedts, welche den Abend moderierte und den zweiten Teil des Interviews übernahm. Ebenfalls am Programm beteiligt war Anna Eble, studentische Hilfskraft am Institut für Niederländische Philologie. Sie übertrug jede von Franks Äußerungen aus dem Niederländischen ins Deutsche und sorgte so dafür, dass auch des Niederländischen nicht mächtige Zuhörer einen Einblick in die literarische Welt der Niederlande und Flanderns bekamen.

 

Angesprochen auf die Herausforderungen, mit denen literarische Zeitschriften von heute in einer auf digitale Medien fokussierten Gesellschaft umgehen müssen, erzählte Frank Keizer von den Strategien, mit denen die Zeitschrift den Kontakt zu den Menschen aufrechterhalten will: beispielweise durch Online-Ausgaben, Podcasts oder Kooperationen. Ziel der Zeitschrift sei es, so Keizer, Alternativen für den politischen und gesellschaftlichen Status Quo erst einmal denkbar zu machen, womit er auf die diskursive Macht der Worte verwies.

Neben der Macht der Worte zeigten sich jedoch auch Zweifel an selbiger. In seinen Gedichten lässt Frank Keizer ein Ich auftreten, das sich mit einer zunehmend fragmentierten Welt konfrontiert sieht und hin- und hergerissen zwischen dem Willen zur Akzeptanz und dem Wunsch nach Veränderungen nach der richtigen Haltung sucht, drängt und letzten Endes doch nicht anders kann, als ratlos stehen zu bleiben. Diese Ambivalenz – für Keizer selbst die Essenz seiner Gedichte – ist auch in dem Ton zu hören, in dem das Ich über sein Bild von der heutigen Gesellschaft schreibt: Gerade nicht objektiv, sondern aus einer höchst subjektiven Perspektive nähert es sich den Dingen, die letztlich jeden Menschen betreffen. In der Verletzlichkeit des Menschen, die sich in Keizers Gedichten offenbart, liegt eben auch das verbindende Element zwischen dem Gedicht und dem Leser.

Verletzlichkeit ist auch eines der Themen, das in dem letzten der während der Abendlesung vorgetragenen Gedichte zur Sprache kommt: Voor Herman Gorter. Es ist als eine Ode an ebendiesen niederländischen Dichter zu lesen, der neben dem niederländischen Schriftsteller Frans Kellendonk das dichterische Schaffen Frank Keizers nach dessen Aussage maßgeblich geprägt hat. Bereits die ersten Verse spielen überdeutlich auf das bekannte Gedicht Zie je ik hou van je von Gorter an, neben dessen Wortreichtum sich das Ich sprachlos und unbeholfen vorkommt. Im Wortüberfluss der heutigen Zeit nicht mehr die richtigen Worte finden zu können, mag auch der Grund sein, wieso Keizers Gedichte fragmentarisch, beinahe zerstückelt daherkommen und der leidenschaftliche Ton seiner Lyrik auf einen von Kürzen geprägten, nüchtern anmutenden Rhythmus trifft.

Nele Demedts

 

Anmerkung: Der Titel des Artikels verweist auf Keizers Gedicht „wie was ik“. Die Übersetzung von Lisa Mensing wurde während des Workshops mit dem Dichter überarbeitet.

Poesie übersetzen: Workshop mit Frank Keizer

Dass im universitären Kontext Poesie übersetzt wird, kommt leider selten vor. Als Frank Keizer vorschlug, am 18.01.2018 vor seiner Abendlesung im Haus der Niederlande einen Übersetzungsworkshop anzubieten, tat sich eine schöne Gelegenheit auf, den Studierenden einen Einblick ins Übersetzen von Poesie zu bieten und mit dem Autor selbst als Mitmoderator zu arbeiten. Der Workshop wurde durch einen Zuschuss des ELV (Expertisecentrum Literair Vertalen) möglich gemacht. Zu zehnt diskutierten die Anwesenden über ihre zuvor angefertigten Übersetzungen aus Keizers Gedichtband Onder normale omstandigheden (Polis, 2016).
Eine der Teilnehmerinnen war Hannah Ratuschny, die momentan noch im Bachelor studiert. Sie berichtet für DNLit über den Workshop.

Sprachen sind meine Leidenschaft. Bereits an meinem Studiengang (Niederlandistik, Anglistik und Spanisch) lässt sich erkennen, dass hier wirklich mein großes Interesse liegt. Den Weg der Übersetzung einzuschlagen, ist mir bisher allerdings nie in den Sinn gekommen. Eigentlich sehr kurios, denn ich beschäftige mich gerne mit Sprache, denke gerne über Sprache nach, spreche mehrere Sprachen und nicht zuletzt ist es komisch, da meine Mutter genau diesen Weg gegangen ist; sie ist gelernte Übersetzerin.

Als ich nun eine Einladung bekommen habe, um an einem Übersetzungsworkshop im Haus der Niederlande teilzunehmen, war ich eigentlich direkt Feuer und Flamme. Besonders spannend fand ich dabei, dass der Workshop geleitet werden sollte von zwei Übersetzerinnen des niederländischen Instituts in Zusammenarbeit mit dem Verfasser der Texte persönlich, dem niederländischen Dichter Frank Keizer. Ich bekam im Vorfeld zwei seiner Gedichte zugeschickt und wurde gebeten, diese bereits vor Beginn des Workshops zu übersetzen.

Während des Übersetzens merkte ich erstens, dass es mir großen Spaß machte und zweitens, dass es eine größere Herausforderung war, als ich dachte. Ich stellte fest, dass es oft gar keine exakte Übersetzung mit der gleichen Konnotation gibt, weshalb automatisch ein bisschen Inhalt verloren geht. Die größte Schwierigkeit bestand für mich allerdings darin, den Inhalt korrekt wiederzugeben, ohne dabei das Metrum des Gedichts zu zerstören. Ich musste viele Kompromisse eingehen, um weder den Inhalt noch das Metrum zu kurz kommen zu lassen, bis ich zufrieden – nun ja, zufrieden genug – mit meinen Versionen war.

Der Workshop am 18.01. startete anders als geplant. Der Sturm machte an diesem Tag einigen Menschen einen Strich durch die Rechnung und so verzögerte sich leider auch die Ankunft von Frank Keizer. Flexibel wie wir Studenten sind, machte das aber gar nichts; wir fingen einfach schon mal an. Nachdem Frank Keizer und seine Werke von einer der beiden Übersetzerinnen kurz vorgestellt wurden, nahmen wir uns die beiden Gedichte vor und begannen, sie Vers für Vers zu übersetzen und abzugleichen. Es stellte sich heraus, dass die Stellen, die ich problematisch fand, auch von den Anderen als schwierig empfunden wurden.  Besonders interessant fand ich deshalb, zu sehen, wie die Anderen diese Probleme gelöst haben, zumal ich mich schließlich auch als Laie unter den Geübten befand.

Gerade Gedichte sind sehr subjektiv und lassen viel Raum für Interpretation. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass nicht für jede schwierige Stelle eine Lösung mit einvernehmlichem Zuspruch gefunden werden konnte. Ein bisschen Interpretationsfreiheit ist aber durchaus erlaubt, so viel habe ich gelernt und so hatte am Ende jeder eine leicht abweichende Version. Dringende Fragen schrieben wir auf, um sie Frank vorlegen zu können.

Frank kam kurz vor Schluss an und so kamen wir noch in den Genuss, die Gedichte einmal von ihm vorgetragen zu bekommen. Er gab uns außerdem Einblick in seine Interpretation, wodurch für mich Einiges noch klarer wurde. Es blieb leider nicht mehr so viel Zeit, seine Meinung zu allen Stichpunkten zu hören, aber ich denke, dass auch so sehr gute Übersetzungen zustande gekommen sind, die dann am Abend bei der Lesung von Frank Keizer auch vorgetragen wurden.

Ich hatte eine Menge Spaß und habe Sprachen nochmal aus einem anderen, interessanten Blickwinkel betrachten können. Gerne besuche ich auch künftig wieder ähnliche Veranstaltungen; wenn auch nicht als professionelle Übersetzerin, aber das macht ja nichts, denn auch als Laie wird man sehr herzlich aufgenommen.

Hannah Ratuschny

ELV_basislogo_2pms_paarsaqua_b

Lesung mit Frank Keizer

Frank Keizer, niederländischer Dichter, Essayist und Redakteur, ist dem Münsteraner Publikum spätestens seit dem Lyrikertreffen im Mai 2017 bekannt, wo er zusammen mit fünf anderen Künstlern aus den Niederlanden und Flandern auftrat. Am 18. Januar 2018 wird er nach Münster zurückkommen und dabei im Haus der Niederlande einige seiner neuesten Gedichte vortragen. Studierende des Master-Studiengangs Interdisziplinäre Niederlandistik werden die vorgelesenen Gedichte jeweils für das Publikum übersetzen.

Er wird nicht nur aus seinem Werk vorlesen, sondern auch über die Poesielandschaft in den Niederlanden und Flandern berichten und uns einen Einblick in die Welt der Zeitschriften geben, die unter anderem ein wichtiges Medium für debütierende Dichter sind und sehr schnell Trends in der Schreibszene aufgreifen.

Darüber hinaus wird sich Frank Keizer mit uns über die Fragen unterhalten, welche Rolle Lyrik aktuell in der (niederländischen) Gesellschaft spielt, wie man sich als Dichter den Herausforderungen der heutigen Zeit stellt und was man mit politischer Lyrik erreichen kann.

Am selben Tag mittags wird von 12-14 Uhr ein Übersetzungsworkshop angeboten. Anders als bei den Workshops, die im Rahmen der Spezialisierung Literarisches Übersetzen im Master-Studiengang stattfinden, ist in diesem Fall der Hauptmoderator der Autor selbst. Eine solche Konstellation kommt bei Übersetzungsworkshops selten vor, obwohl man auf diese Weise an einer anderen Stelle ansetzt, nämlich beim Verständnis des Lesers und beim Geschriebenwerden des Gedichts, also ganz am Anfang des Prozesses statt erst bei der Übertragung in die Fremdsprache.

Zeit: Donnerstag 18. Januar 2018, 19 Uhr s.t.

Ort: Haus der Niederlande, Bibliothek , Alter Steinweg 6/7, Münster

(Eintritt frei)

Poesiefestivals – Review und Preview

Der Mai und der Juni sind besonders umtriebige Monate, was deutsche und niederländische Poesiefestivals angeht. In einer kleinen Übersicht präsentieren wir hier vier kleinere und größere Events, die einen (alljährlichen) Besuch wert sind.

Im Falle des Lyrikertreffens Münster ist ebendieses Vorhaben leider ein Ding der Unmöglichkeit: Nur alle zwei Jahre findet das Lyrikertreffen statt, dieses Jahr vom 19.-21. Mai 2017. Das ausführliche Vorprogramm POETRY erwähnten wir bereits – einen Bericht zum Stummfilmabend des niederländischen Dichters Erik Lindner finden Sie hier.
Außer Erik Lindner sind dieses Jahr noch fünf weitere niederländischsprachige Gäste eingeladen: Frank Keizer, Tsead Bruinja, Lies Van Gasse, Els Moors und Broeder Dieleman, die zusammen mit dem in den Niederlanden lebenden Musiker Jan Klug ihr Programm „Songs, Grooves & Gedachte“ aufführen, mit dem sie schon im Oktober vergangenen Jahres in Münster auftraten. Wir berichteten an dieser Stelle.
Das Lyrikertreffen beginnt mit einem Abendessen, bei dem sich die DichterInnen und ihre DolmetscherInnen, die Organisierenden und die LehrerInnen kennenlernen können, bei denen Schullesungen stattfinden, und endet am Sonntag, den 21. Mai mit der Preisverleihung des Lyrikpreises der Stadt Münster an Jon Fosse und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband Diese unerklärliche Stille / Denne uforklarlege stille, der 2015 bei Kleinheinrich erschienen ist.
Die Tage dazwischen sind mit einem Reichtum an Veranstaltungen gefüllt, von besagten Schullesungen (schulinterne Berichte zu den Lesungen von Frank Keizer und Erik Lindner) über Rahmenveranstaltungen von Hans-Dieter Gelfert und Marcel Beyer bis zu den beiden großen Abendlesungen, bei denen alle Lyriker und Lyrikerinnen auftreten.
Link zum Festival

IMG_20170612_190009_244

Frank Keizer am Mikrofon, Broeder Dieleman am Banjo

 

Das größte Poesiefestival der Niederlande, das Poetry International Festival in Rotterdam, hat in den letzten Jahren zwar abgespeckt, ist aber mit einer diesjährigen Laufdauer vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2017 und mit zwanzig eingeladenen DichterInnen immer noch eine enorm große Veranstaltung. Aus dem niederländischsprachigen Raum sind zu Gast: Mischa Andriessen, Hannah van Binsbergen, Cees Nooteboom (Kurzbericht zur Lesung im September 2016 in Münster) und Stefan Hertmans, den wir schon einmal im Haus der Niederlande begrüßen durften (mehr dazu hier).
Im Rahmen eines in den Niederlanden stattfindenden Festivals lässt sich nicht viel zu Übersetzungen ins Deutsche sagen, doch der Transfer funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Im sogenannten Vertaalbedrijf sprechen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit. Neben anderen Top-Übersetzern (Kim Andringa, Arie Pos und Tsead Bruinja) spricht auch Ria van Hengel, die Übersetzerin des deutschen Dichters Jan Wagner ins Niederländische. Zum Beispiel anhand seines Gedichts giersch erklärt sie kleinschrittig, wie sie zu ihrer Übersetzung kam und lässt den ihr anvertrauten Dichter zwischendurch auch ans Rednerpult treten.
Durch den Vertaalbedrijf, die Übersetzungsworkshops, die von Übersetzern von Festivaldichtern geleitet werden, und den Einblicks in die Arbeit der Gruppe rund um das Poettrio Experiment wird die Übersetzungsarbeit, die für die Vorbereitung und Durchführung eines solchen internationalen Festivals geleistet wird, in hohem Maße gewürdigt und in den Festivalalltag integriert.
Neben mehreren langen Abendlesungen, bei denen je drei DichterInnen ihr Werk präsentieren, gibt es auch Veranstaltungen wie das Poëziecafé (moderiert von Maud Vanhauwaert und Thomas Möhlmann, siehe Foto von Stefan Hertmans unten), bei dem Zeit für ausführliche Gespräche, Buchpräsentationen und Lokales ist. Außerdem wird im Rahmen des Festivals der C. Buddingh-Preis für das beste Debüt verliehen (Preisträgerin dieses Jahr ist Vicky Francken für Röntgenfotomodel). Am Abend der Preisverleihung steigt der Anteil der niederländischen DichterInnen im Publikum merklich an.
Link zum Festival

 

 

Wer wie die Festivalleiterin Regina Dyck direkt im Anschluss zu Poetry On The Road in Bremen fährt, dem bleibt nur eine kurze Atempause: Auch hier kommen jährlich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zusammen. Vom 7. bis 12. Juni 2017 konnte das interessierte Publikum Vorträgen und Lesungen lauschen, zum Beispiel von Charlotte Van den Broeck und Connie Palmen.
Link zum Festival

Das Berliner Haus für Poesie, das auch Gastgeber des ZEBRA Film Poetry Festivals war (bis zur ersten Ausgabe in Münster), veranstaltet vom 16. bis 24. Juni 2017 das Poesiefestival Berlin, bei dem unter anderem Arnon Grunberg und Charlotte Van den Broeck zu Gast sein werden. Die beiden eröffneten im Oktober auf beeindruckende Weise gemeinsam die Frankfurter Buchmesse (zum Bericht).
Link zum Festival

Bei all diesen Festivals nehmen die Übersetzungen einen wichtigen Platz ein: Bei Auftritten fremdsprachiger Autoren führt sie zum besseren Verständnis der vorgetragenen Gedichte. Ob die Übersetzung an die Wand projiziert oder vorgelesen wird, wie die Übersetzung vorgelesen wird, ob sie nur in einer Sprache oder wie beim Poetry International Festival nicht nur auf Niederländisch, sondern immer auch auf Englisch verfügbar ist, all das sind Faktoren, die ein Festivalerlebnis mitprägen.
Zugleich sind Festivals eine wichtige Plattform für Übersetzer – sie können sich in die Karten schauen lassen, den Übersetzungsprozess offenlegen, mit anderen Übersetzern diskutieren und neue Autoren kennenlernen, deren Werk sie interessant finden.

Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

Der Verlauf der Jahre. Biopic über Remco Campert

Das Vorprogramm poetry des diesjährigen Lyrikertreffens der Stadt Münster (19.-21.05.) ist in vollem Gange. Teil von poetry ist auch eine Filmreihe des niederländischen Filmemachers John Albert Jansen. In drei Biopics stellt er Wisława Szymborska, Adonis und den berühmten niederländischen Dichter, Kolumnisten und Schriftsteller Remco Campert vor.

Der 1929 geborene Remco Campert war zusammen mit unter anderem Lucebert, Gerrit Kouwenaar, Hugo Claus und Bert Schierbeek Teil der literarischen Bewegung der Vijftigers.
Inzwischen kann er mit einer langen Liste an Publikationen und Preisen aufwarten, die letzte Prosaveröffentlichung war Hôtel du Nord (2013), der letzte Gedichtband trägt den Titel Langs de kaai und erschien in einer kleinen Auflage bei Demian (2016). 2015 wurde Campert der Prijs der Nederlandse Letteren verliehen.

Im Film ist eine Auswahl aus Gedichten aus den folgenden drei Bänden zu hören:

 

Filmemacher John Albert Jansen reist aus Amsterdam an und steht nach dem Film für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18 Uhr im Schloßtheater (Melchersstraße 81, Münster)
Der Film wird im niederländischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.