Archiv der Kategorie: Niederlande

Gewinner Libris Literatuur Prijs: Alfred Birney – De tolk van Java

Der Libris Literatuur Prijs ist der Preis für den besten ursprünglich niederländischsprachigen literarischen Roman des letzten Kalenderjahres – es ist der größte Preis dieser Kategorie im niederländischen Sprachraum.

Für das Kalenderjahr 2016 hat Alfred Birney mit seinem Roman De tolk van Java den Libris Literatuur Prijs gewonnen.

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Alfred Birney wurde 1951 als Sohn eines aus Surabaya (Java, Indonesien) stammenden Vaters, der niederländische, chinesische, schottische und ost-javanische Wurzeln hatte, und einer niederländischen Mutter geboren. Birney ist ein niederländischer Schriftsteller, wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Entfremdung von der Familie und das Unvermögen zur Identifikation mit seinem Vater- oder Mutterland. Er hat bereits viele Romane, Essays, Kurzgeschichten, Novellen, Kritiken, Theaterstücke und journalistische Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist er auch für sein veröffentlichtes didaktisches Material zum Gitarrenspiel bekannt. Der große Ruhm als Autor blieb bis zu diesem Preis jedoch aus, doch endlich wurde die Aufmerksamkeit des breiten Publikums durch den Libris Preis auf ihn gelenkt.

Der preisgekrönte Roman De tolk van Java ist ein autobiografischer Roman, der die Beziehung zwischen dem Vater Birneys und Birney selbst aufarbeitet, und dies brillant mit der Aufarbeitung der Beziehung zwischen den Niederlanden und Indonesien verknüpft.

Birneys Vater Arto (Pseudonym) wuchs als Sohn einer Chinesin und eines in Indonesien lebenden Niederländers auf, von dem er jedoch nicht anerkannt wurde. Dadurch hatte es Arto im kolonisierten Indonesien nicht leicht, da er weder zu den Besetzern, den Niederländern, noch zu den Einheimischen, den Indonesiern, zählte. Als die Japaner Indonesien schließlich befreien wollten und es zum Krieg kam, kämpfte Arto an der Seite der Niederländer und der Alliierten und nahm die Position eines Dolmetschers (tolk) ein, doch wechselte er während des lange währenden Unabhängigkeitskrieges mehrfach die Seiten. Am Ende des Krieges flüchtete er als verfolgter Kriegsverbrecher in die Niederlande, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Erlebnisse des Vaters werden in De tolk von Java in Form von Memoiren wiedergegeben, die sein Sohn Alan Nolan (Pseudonym von Alfred Birney) abwechselnd kommentiert und unkommentiert lässt. Die Sprache des Vaters und der Memoiren ist klar, direkt und zeigt dem Leser die schreckliche Brutalität des indonesischen Unabhängigkeitskrieges auf.

Neben den Erinnerungen des Vaters gibt es in Dialogform gehaltene Passagen, in denen Alan seine Mutter zu bestimmten Themen befragt. So werden ihre Erinnerungen daran wiedergegeben, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie er anfing, sie zu schlagen, und wie sie alle vor ihm gewarnt hatten. Die Sprache der Mutter ist einfacher, Birney verwendet viele Elemente der gesprochenen Sprache und durch die gewählte Dialogform sind die Passagen zwischen Mutter und Sohn äußerst lebendig.

Einen Großteil des Romans nehmen neben den Memoiren des Vaters auch die Erinnerungen Alans ein, die von der Beziehung zwischen Alan und seinem Vater erzählen, von der gewaltsamen Kindheit, die Alan erlebte, weil sein Vater stets brutal und unnachsichtig handelte. Alan puzzelt seine Vergangenheit zusammen, erzählt von der fehlenden Liebe seiner Eltern, von der Gewalt und vom späteren Leben im Internat, nachdem die Kinder aus der Familie genommen wurden. Er erzählt von der Zerrissenheit seines Vaters, von dem Suchen einer Heimat zwischen Indonesien und den Niederlanden.

Birney hat mit De tolk van Java einen anspruchsvollen, herausfordernden, vielschichtigen und vor allem aber großartigen Roman geschrieben, der den Leser über die Brutalität des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens aufklärt und die Kolonialgeschichte der Niederlande anhand eines persönlichen Schicksals veranschaulicht, ohne dabei zu belehrend oder zu emotional zu sein.

Lisa Mensing

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Poesiefestivals – Review und Preview

Der Mai und der Juni sind besonders umtriebige Monate, was deutsche und niederländische Poesiefestivals angeht. In einer kleinen Übersicht präsentieren wir hier vier kleinere und größere Events, die einen (alljährlichen) Besuch wert sind.

Im Falle des Lyrikertreffens Münster ist ebendieses Vorhaben leider ein Ding der Unmöglichkeit: Nur alle zwei Jahre findet das Lyrikertreffen statt, dieses Jahr vom 19.-21. Mai 2017. Das ausführliche Vorprogramm POETRY erwähnten wir bereits – einen Bericht zum Stummfilmabend des niederländischen Dichters Erik Lindner finden Sie hier.
Außer Erik Lindner sind dieses Jahr noch fünf weitere niederländischsprachige Gäste eingeladen: Frank Keizer, Tsead Bruinja, Lies Van Gasse, Els Moors und Broeder Dieleman, die zusammen mit dem in den Niederlanden lebenden Musiker Jan Klug ihr Programm „Songs, Grooves & Gedachte“ aufführen, mit dem sie schon im Oktober vergangenen Jahres in Münster auftraten. Wir berichteten an dieser Stelle.
Das Lyrikertreffen beginnt mit einem Abendessen, bei dem sich die DichterInnen und ihre DolmetscherInnen, die Organisierenden und die LehrerInnen kennenlernen können, bei denen Schullesungen stattfinden, und endet am Sonntag, den 21. Mai mit der Preisverleihung des Lyrikpreises der Stadt Münster an Jon Fosse und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband Diese unerklärliche Stille / Denne uforklarlege stille, der 2015 bei Kleinheinrich erschienen ist.
Die Tage dazwischen sind mit einem Reichtum an Veranstaltungen gefüllt, von besagten Schullesungen (schulinterne Berichte zu den Lesungen von Frank Keizer und Erik Lindner) über Rahmenveranstaltungen von Hans-Dieter Gelfert und Marcel Beyer bis zu den beiden großen Abendlesungen, bei denen alle Lyriker und Lyrikerinnen auftreten.
Link zum Festival

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Frank Keizer am Mikrofon, Broeder Dieleman am Banjo

 

Das größte Poesiefestival der Niederlande, das Poetry International Festival in Rotterdam, hat in den letzten Jahren zwar abgespeckt, ist aber mit einer diesjährigen Laufdauer vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2017 und mit zwanzig eingeladenen DichterInnen immer noch eine enorm große Veranstaltung. Aus dem niederländischsprachigen Raum sind zu Gast: Mischa Andriessen, Hannah van Binsbergen, Cees Nooteboom (Kurzbericht zur Lesung im September 2016 in Münster) und Stefan Hertmans, den wir schon einmal im Haus der Niederlande begrüßen durften (mehr dazu hier).
Im Rahmen eines in den Niederlanden stattfindenden Festivals lässt sich nicht viel zu Übersetzungen ins Deutsche sagen, doch der Transfer funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Im sogenannten Vertaalbedrijf sprechen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit. Neben anderen Top-Übersetzern (Kim Andringa, Arie Pos und Tsead Bruinja) spricht auch Ria van Hengel, die Übersetzerin des deutschen Dichters Jan Wagner ins Niederländische. Zum Beispiel anhand seines Gedichts giersch erklärt sie kleinschrittig, wie sie zu ihrer Übersetzung kam und lässt den ihr anvertrauten Dichter zwischendurch auch ans Rednerpult treten.
Durch den Vertaalbedrijf, die Übersetzungsworkshops, die von Übersetzern von Festivaldichtern geleitet werden, und den Einblicks in die Arbeit der Gruppe rund um das Poettrio Experiment wird die Übersetzungsarbeit, die für die Vorbereitung und Durchführung eines solchen internationalen Festivals geleistet wird, in hohem Maße gewürdigt und in den Festivalalltag integriert.
Neben mehreren langen Abendlesungen, bei denen je drei DichterInnen ihr Werk präsentieren, gibt es auch Veranstaltungen wie das Poëziecafé (moderiert von Maud Vanhauwaert und Thomas Möhlmann, siehe Foto von Stefan Hertmans unten), bei dem Zeit für ausführliche Gespräche, Buchpräsentationen und Lokales ist. Außerdem wird im Rahmen des Festivals der C. Buddingh-Preis für das beste Debüt verliehen (Preisträgerin dieses Jahr ist Vicky Francken für Röntgenfotomodel). Am Abend der Preisverleihung steigt der Anteil der niederländischen DichterInnen im Publikum merklich an.
Link zum Festival

 

 

Wer wie die Festivalleiterin Regina Dyck direkt im Anschluss zu Poetry On The Road in Bremen fährt, dem bleibt nur eine kurze Atempause: Auch hier kommen jährlich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zusammen. Vom 7. bis 12. Juni 2017 konnte das interessierte Publikum Vorträgen und Lesungen lauschen, zum Beispiel von Charlotte Van den Broeck und Connie Palmen.
Link zum Festival

Das Berliner Haus für Poesie, das auch Gastgeber des ZEBRA Film Poetry Festivals war (bis zur ersten Ausgabe in Münster), veranstaltet vom 16. bis 24. Juni 2017 das Poesiefestival Berlin, bei dem unter anderem Arnon Grunberg und Charlotte Van den Broeck zu Gast sein werden. Die beiden eröffneten im Oktober auf beeindruckende Weise gemeinsam die Frankfurter Buchmesse (zum Bericht).
Link zum Festival

Bei all diesen Festivals nehmen die Übersetzungen einen wichtigen Platz ein: Bei Auftritten fremdsprachiger Autoren führt sie zum besseren Verständnis der vorgetragenen Gedichte. Ob die Übersetzung an die Wand projiziert oder vorgelesen wird, wie die Übersetzung vorgelesen wird, ob sie nur in einer Sprache oder wie beim Poetry International Festival nicht nur auf Niederländisch, sondern immer auch auf Englisch verfügbar ist, all das sind Faktoren, die ein Festivalerlebnis mitprägen.
Zugleich sind Festivals eine wichtige Plattform für Übersetzer – sie können sich in die Karten schauen lassen, den Übersetzungsprozess offenlegen, mit anderen Übersetzern diskutieren und neue Autoren kennenlernen, deren Werk sie interessant finden.

Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

Der Verlauf der Jahre. Biopic über Remco Campert

Das Vorprogramm poetry des diesjährigen Lyrikertreffens der Stadt Münster (19.-21.05.) ist in vollem Gange. Teil von poetry ist auch eine Filmreihe des niederländischen Filmemachers John Albert Jansen. In drei Biopics stellt er Wisława Szymborska, Adonis und den berühmten niederländischen Dichter, Kolumnisten und Schriftsteller Remco Campert vor.

Der 1929 geborene Remco Campert war zusammen mit unter anderem Lucebert, Gerrit Kouwenaar, Hugo Claus und Bert Schierbeek Teil der literarischen Bewegung der Vijftigers.
Inzwischen kann er mit einer langen Liste an Publikationen und Preisen aufwarten, die letzte Prosaveröffentlichung war Hôtel du Nord (2013), der letzte Gedichtband trägt den Titel Langs de kaai und erschien in einer kleinen Auflage bei Demian (2016). 2015 wurde Campert der Prijs der Nederlandse Letteren verliehen.

Im Film ist eine Auswahl aus Gedichten aus den folgenden drei Bänden zu hören:

 

Filmemacher John Albert Jansen reist aus Amsterdam an und steht nach dem Film für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18 Uhr im Schloßtheater (Melchersstraße 81, Münster)
Der Film wird im niederländischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Cees Nooteboom in bibliophiler Box

Am 07.01.2017 fand am Oer’schen Hof, in den Verlagshallen von BuchKunst Kleinheinrich, eine weitere Niederlande-relatierte Buchpräsentation statt.
Veronika Schäpers stellte ihr von Cees Nootebooms Gedicht „Fuji“ inspiriertes Werk vor – die Box aus Paulownienholz enthält neben dem zweisprachig abgedruckten Gedicht (Übersetzung: Ard Posthuma) 36 Drucke der Künstlerin und 5 Spülschwämme in Form des japanischen Wahrzeichens.

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Box mit 36 Irisdrucken von Veronika Schäpers, „Fuji“ von Cees Nooteboom und fünf Spülschwämmen in Fuji-Form. Foto: BuchKunst Kleinheinrich

Die Drucke stellen die Farbverläufe des Himmels in der bekannten Holzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“ des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai dar. Zunächst erfolgte der Farbauftrag auf Glas, dann der Druck von Linoleum auf das japanische Papier. Dank des durchscheinenden Charakters desselben entsteht auch auf der Rückseite ein zarter Abdruck, so steht dem Druck keine weiße Seite gegenüber.

Das Gedicht von Cees Nooteboom besteht aus vier Strophen, die vertikal auf dem Papier abgedruckt sind. Das letzte Wort jedes Verses ist dick gedruckt, was den Leser an die weiße Schneekuppe des Mount Fuji erinnert.
Aan hem hangt heel Japan als een gondel vol dromen / die hij optilt en koestert en door de lucht met zich meevoert / tot buiten de streek van de tijd.

Diese stimmige Box würde man am liebsten zu Hause ausstellen, ein Mal am Tag mit weißen Baumwollhandschuhen das Mitsumata-Papier befühlen, das Blau auf sich wirken lassen, das Gedicht im Original und in der Übersetzung rezitieren und darüber nachdenken, was man mit einem der Fujis so alles spülen könnte.

Eine sehr besondere Edition des Gedichts mit wunderbaren Drucken.

Weitere Infos bei Kleinheinrich und auf der Website von Veronika Schäpers.

Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können

Vier Künstler und eine Stadt. Das Ergebnis: Wundervoll verschiedene Texte und Bilder über Münster.

Die belgische Organisation deBuren hat im Rahmen von Citybooks vier Künstler ausgewählt, die über Münster schreiben und die Stadt fotografieren durften. Zuerst residierte die niederländische Fotografin Sofie Knijff zwei Wochen lang in Münster, darauf folgte die junge Flämin Carmien Michels und schließlich besuchte auch der niederländische Dichter Erik Lindner die Stadt. Die Residenz der deutsch-kroatischen Autorin Alida Bremer dauert nun schon mehrere Jahrzehnte an. Am 15. November 2016 wurden die vier Künstler erneut nach Münster eingeladen, um die Ergebnisse ihrer Residenz vorzustellen.

Schon während der Einleitung des Vorsitzenden des Literaturvereins Hermann Wallmann und Willem Bongers-Dek von deBuren richteten sich die Blicke des Publikums stur geradeaus – dabei standen die beiden Redner doch rechts von der Bühne. Links neben ihnen, über der Bühne, wurden jedoch schon die Bilder von Sofie Knijff an die Wand projiziert, Bilder, auf denen Menschen zu sehen waren. Pro Bild ein Mensch. Immer mit dem gleichen Hintergrund, immer gleich beleuchtet, doch immer in einer anderen Pose. Ernst haben sie geschaut, die Portraitierten. Nicht aufgesetzt ernst, sondern mit einem Ernst in den Augen, der das Leben widerspiegelt. Sofie Knijff hat mit ihren Portraits die Vielfalt, die in Münster lebt, abgebildet und dabei jeden Menschen gleichwertig und wirkend inszeniert. In den Gesichtern kann man Geschichten lesen, Geschichten über das Vergangene, über das Hier und Jetzt, über Münster und über die Menschen, die in dieser Stadt leben, Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können.

Schließlich werden die Bilder ausgeblendet, denn die erste Autorin betritt zusammen mit Anna Eble, die dolmetschend allen zur Seite steht und die deutschen Übersetzungen der Texte liest, die Bühne. Die Slam-Poetin Carmien Michels liest das Intro ihrer Kurzgeschichte Niet lang meer vor, und springt gekonnt zwischen Münsteraner Idylle und Kriegsvergangenheit hin und her. Glaubt man sich erst in einer friedvollen Szenerie wiederzufinden, nimmt Michels die Vergangenheit Münsters Schicht für Schicht, Stein für Stein auseinander, um uns daran zu erinnern, wie es war, und wie es immer wieder sein könnte. Ausgehend vom Gesamtbild der Stadt wagt sich Michels immer näher an das Individuum heran, wählt sich eine junge Frau zur Protagonistin, und scheut sich nicht vor Grenzüberschreitungen, vor dem Heraustreten aus der Komfortzone der Münsteraner. Die Waage kann in dieser Geschichte jederzeit kippen, vom Frieden zum Krieg. Mit Niet lang meer hat Michels ein aktuelles Thema auf die Stadt Münster übertragen, und führt den Hörern vor, wie wertvoll das, was wir haben, doch ist.

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Carmien Michels, Hermann Wallmann. Foto: Ali el Baya

Erik Lindner wählt die Worte, die Buchstaben in seinen Gedichten so präzise, dass sie den Rhythmus des Gedichtes, den Takt vorgeben. Wie ein Musiker spielt Lindner mit seinem Gedicht, gekonnt liest er stakkato und legato und ein Sog entsteht, der den Leser, der vor allem aber den Hörer in seinen Bann schlägt. Liebt man das Niederländische noch nicht, so sollte man ihm doch völlig verfallen, wenn man Lindner dabei zuhört, wie er die Laute seiner Sprache spricht, wie er sie formt und ihnen Kraft verleiht, wie allein durch den Klang der Sinn entsteht, und man es nur wirken lassen muss, um es zu verstehen. Mit Roeiers op de Aasee hat Lindner Münster nun ein solches Gedicht geschenkt, ein Gedicht, das auf Münster eingeht, ohne Klischees zu bedienen, das Bilder zeichnet, die diese Stadt zeigen, und doch eine ganz eigene Geschichte erzählen.
Wandernd hat Lindner die Stadt eingenommen, jede Straße, jeden Winkel hat er mit seinen Sohlen betreten. Immer aufmerksam, die Stimmung der Stadt einatmend, hat er schließlich die niederländische Sprache und seine Poesie wie ein feines Netz über die Stadt gelegt und dieses intensive Gedicht geschrieben.

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Erik Lindner. Foto: Ali el Baya

Alida Bremer ist eine kroatisch-deutsche Autorin und Übersetzerin, die schon lange in Münster lebt und arbeitet. Die Ausgangssituation war für sie deshalb natürlich eine andere als bei den niederländischsprachigen Gästen. So setzt sich ihre Kurzgeschichte auch thematisch ab und greift das Ankommen in Münster, das Fremdeln und das Zusammenwachsen mit der Stadt, mit den Menschen auf. Die Sehnsucht nach dem Wasser, nach dem Meer verzehrte sie anfangs, bis sie einen ehemaligen Marineoffizier traf, der ihr riet, zur Nordsee zu fahren, mit dem sie sich anfreundete, und der ihr zeigte, dass die westfälische Verschlossenheit sich in eine herzliche, warme Freundschaft wandeln kann. Aus dem Blickwinkel der Einheimischen in der Fremde führt sie dem Hörer die kleinen Macken und die großen Stärken Münsters vor, zaubert ein Lächeln in die Gesichter und zeichnet ihre autobiografische, herzergreifende Geschichte nach. Ein schöner Abschluss eines gelungenen Abends.

Die im Rahmen von Citybooks entstandenen Texte und Fotos über Münster (und über viele andere Städte) können in Kürze unter www.citybooks.eu eingesehen und als Audiodateien heruntergeladen werden.
Die Fotos von Sofie Knijff und das Gedicht von Erik Lindner sind bereits online.
Lisa Mensing

Links:

Website Citybooks
Website Sofie Knijff
Website Carmien Michels
Website Erik Lindner
Website Alida Bremer
Website Literaturverein Münster

Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven am 14. November in der Stadtbücherei

Als erbitterte Buchstabierrivalen werden Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven vom Moderator Hermann Wallmann mit einem Augenzwinkern vorgestellt, weil sie sich einst in einer TV-Sendung duellierten. Während der Lesung verstehen sich die flämische Autorin und der niederländische Autor dann aber doch ganz gut, ergänzen sich Bakkers direkte Art und Broeckhovens sanftere Zurückhaltung doch perfekt zu einem literarischen Duo.

Gerbrand Bakker stellt an diesem Abend sein jüngstes Buch Jasper und sein Knecht vor, und ich wähle das undefinierte Wort „Buch“ bewusst, denn schon entsteht eine erste Diskussion über das Textgenre dieser Veröffentlichung. Während der niederländische Text in der Reihe „privé-domein“ erschienen ist, eine in den Niederlanden bekannte, eindeutig autobiografische Veröffentlichungsreihe, steht auf der deutschen Version des Suhrkamp-Verlags schlicht…nichts. Der Name des Autors, der Titel, kein Genre. Kein Roman, kein Tagebuch. Doch ist Bakkers Jasper und sein Knecht genau das, eine autobiografische Erzählung, ein Tagebuch, denn, so Bakker, er könne keine Romane mehr schreiben. Also schreibt er über sein Leben in der Eifel, über das Leben, das er zusammen mit seinem Hund Jasper führt und über das Leben, das gewesen ist.

Die von Bakker im Deutschen vorgelesenen Ausschnitte verdeutlichen ziemlich schnell, wie intensiv und gefühlvoll die Geschichte von Jasper und seinem Knecht ist. Die kurzen Passagen ziehen den Hörer direkt in ihren Bann, während Bakker schildert, wie ein Leben mit Depressionen aussieht und wie es sich von dem Leben „fröhlicher“ Menschen unterscheidet. Im Gegensatz zum depressiven Mensch müsse sich ein positiver, lebensbejahender Mensch nie für seine (gute) Laune rechtfertigen. Wahre Worte, die man in Bakkers neuester Veröffentlichung häufig finden kann.

Diane Broeckhoven präsentiert ihren neuen Roman Was ich noch weiß – hier ist das Genre eindeutig, das Wort Roman steht auf dem Buchumschlag. Auch die Frage Bakkers, ob sich hier denn nicht auch autobiografische Passagen verstecken würden, verneint Broeckhoven, es sei einfach ein Roman. Eine Geschichte von Mutter und Sohn, die nach dem Schlaganfall der Mutter neue Richtungen einschlägt. Einfühlsam, doch niemals kitschig, haucht Broeckhoven den Protagonisten und der Mutter-Sohn-Beziehung beim Vorlesen Leben ein, lässt sie vor dem inneren Auge des Hörers plastisch werden, wenn sie das Leben so beschreibt, wie es sein kann, wie es ist. Broeckhoven hat ein Gespür für feine Nuancen und wundervolle Details, die Was ich noch weiß zu einer ganz besonderen Geschichte machen.

Das Zusammenspiel zwischen Bakker und Broeckhoven funktioniert an diesem Abend perfekt, auf beiden Seiten werden Anekdoten zum Besten gegeben: von unverständlich „Eiflisch“-sprechenden Eifelbewohnern, von panischen Schüler-E-Mails, in denen komplizierte Fragen zu den Büchern gestellt werden, die die Autoren selbst nicht beantworten können, und vom immer gegenwärtigen Thema – dem Schreiben.  So entstand ein lebendiger, diskussionsfreudiger und vor allem literarischer Abend in der Stadtbücherei.

Lisa Mensing

 

Gerbrand Bakker stellte die deutsche Übersetzung seines Buchs Jasper en zijn knecht (2016) vor: Jasper und sein Knecht, im September bei Suhrkamp erschienen, Übersetzung: Andreas Ecke.
Auch Diane Broeckhovens Buch Wat ik nog weet (2013) ist diesen September in deutscher Übersetzung erschienen (Was ich noch weiß, C.H.Beck, übersetzt von Isabel Hessel).