Archiv der Kategorie: Literatur

Der ostflämische Westflame: Peter Theunynck zu Gast im Haus der Niederlande

Im Wintersemester besuchten die Studenten des Schwerpunkts Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer einen von Anna Carstens geleiteten Übersetzungsworkshop. Anna Carstens hatte hierfür den flämischen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) ausgewählt, aus dem die Studenten Passagen übersetzten und diese im Workshop besprachen und überarbeiteten. Zum Schluss organisierten die Studenten eine Lesung mit dem Autor, der sein umfangreiches Werk präsentierte und den Studenten Rede und Antwort stand – in einem finalen Workshop und während der Lesung.

Von Oktober bis Dezember hatten die Studenten zusammen mit der Übersetzerin Anna Carstens an den Übersetzungen gearbeitet: Zuerst übersetzte jeder Student die ausgewählten Passagen selbst, dann wurden die verschiedenen Fassungen im Workshop verglichen und diskutiert, woraufhin Fusionsfassungen in Gruppen angefertigt wurden, die ebenfalls mehrmals überarbeitet wurden. Eine Gruppe von drei Studenten fertigte schließlich eine finale Version aus den überarbeiteten Fusionsfassungen an, welche im kommenden Jahr in der Zeitschrift nachbarsprache niederländisch veröffentlicht wird. Doch auch das längste Grübeln – selbst in der Gruppe – führt nicht immer zum perfekten Resultat, weshalb die Studenten gerne noch einmal mit dem Autor selbst sprechen wollten. Wenn einer wissen konnte, was mit genau diesem Wort gemeint sein sollte, war das wohl der Autor selbst.

Am 24. Januar reiste Peter Theunynck, der vor allem für seine Biografie über Karel van de Woestijne und seine preisgekrönten Gedichte bekannt ist, nach Münster, um seinen Debütroman De Slembroucks im Rahmen einer Lesung zu präsentieren und vorab in einem Workshop mit den Studenten die letzten Fragen zu den übersetzten Passagen zu besprechen. Ein Satz, bzw. eine Formulierung hatte die Gruppe während des Semesters besonders lange beschäftigt: „Ze verdedigt haar petekind als een vossenmoer en ze zingt overal en altijd vurig zijn lof.“ Dieser Satz handelt von einer Tante, die ihr Patenkind stets verteidigt und es immer in den höchsten Tönen lobt. Inhaltlich machte der Satz keine Probleme, das Wort „vossenmoer“ irritierte die jungen Übersetzer dann aber doch – „Fuchsmutter“ wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. Eine Fuchsmutter ist im deutschen Sprachraum jedoch nicht dafür bekannt, ihre Kinder besonders kämpferisch zu verteidigen. Der Fuchs an sich steht vor allem für seine Schläue und seine Listigkeit, doch diese Attribute trafen überhaupt nicht auf die besagte Tante zu. Zusammen entschied sich die Gruppe für ein anderes Tier, für die Wolfsmutter: „Sie verteidigt ihr Patenkind wie eine Wolfsmutter ihre Welpen und sie singt immer und überall inbrünstig Lobeshymnen auf ihn.“ Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt, erschien den Studenten passender, waren Wölfe doch Rudeltiere. Gleichzeitig passte die Alliteration „Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt“ gut zum poetischen Stil Theunyncks. Beim Übersetzen muss jedoch immer überlegt werden, ob die Abweichung vom Original gerechtfertigt ist, und so sollte der Autor selbst zu seiner besonderen Wortwahl befragt werden. Theunynck erzählte, dass er in Ostflandern aufgewachsen ist, seine Eltern aber aus Westflandern kamen. Ganz sicher war er sich selbst nicht, doch könne das Wort „vossenmoer“ ein Wort aus dem westflämischen Dialekt sein, es bedeute so viel wie „Urmutter“, so Theunynck. Mit der Übersetzung der Studenten war er sehr zufrieden, tatsächlich stellte er seine Wortwahl sogar selbst kurz infrage. Während des Workshops ging der Autor nicht nur auf diese Frage, sondern auf alle Fragen offen ein, ermutigte die Studenten zu weiteren Fragen und erzählte unterhaltsame Anekdoten zu der Entstehung des Romans. Und so konnten auch die letzten Übersetzungshürden erfolgreich genommen werden, sodass einer Veröffentlichung der übersetzten Passagen nichts mehr im Wege steht.

 

Kurze Zeit später sollte die intensive Arbeit mit einer Lesung gekrönt werden, die nicht nur Peter Theunynck die Möglichkeit gab, seinen Roman einem deutschen Publikum vorzustellen, sondern bei der die Übersetzungen der Studenten das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickten.
Den Abend selbst hatten sechs Masterstudenten vollkommen selbstständig organisiert. Auch die Durchführung lag in der Hand der Studenten. So nahmen neben Peter Theunynck Anna Eble als Dolmetscherin und Thomas Altefrohne sowie Lisa Mensing als Moderatoren auf der Bühne Platz. Zum Einstieg wurde die erste Passage vorgelesen: Peter Theunynck las das niederländischsprachige Original, Anna Delorme die deutsche Übersetzung. Danach erzählte Theunynck dem Publikum, was die Unterschiede im Schreibprozess von Poesie und Prosa waren und wie sein Dichterdasein seinen Familienroman beeinflusst hat, um danach einige Gedichte vorzutragen. Theunynck erzählte zu jedem Gedicht eine Geschichte, wodurch die Gedichte (auch für das nicht-niederländischsprachige Publikum) fühlbar und greifbar wurden. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Theunyncks Liebe für Thomas Manns Die Buddenbrooks und den kanadischen Sänger Leonard Cohen deutlich und auch die unbändige Vielseitigkeit des flämischen Autors stand im Fokus, als über den Roman (und weitere Romanpläne), Gedichtbände und seine Graphic Novels gesprochen wurde. Dank der Vielseitigkeit und Offenheit des Autors konnte ein ebenso vielseitiges Programm auf die Bühne gebracht werden.

 

Nach einem zweistündigen Programm schienen alle Parteien zufrieden zu sein – Peter Theunynck hatte das Publikum für sich gewonnen, beantwortete ausführlich alle Fragen und signierte gekaufte Bücher, die Masterstudenten hatten anscheinend einen erfolgreichen Abend organisiert und zum ersten Mal die eigenen Übersetzungen in die Öffentlichkeit getragen und konnten aufatmen. Außerdem wussten sie endlich, dass hinter der vermeintlich mysteriösen vossenmoer gar kein Geheimnis steckte – und dass der Autor, mit dessen Text sie sich so intensiv auseinandergesetzt hatten, ein sehr sympathischer Schriftsteller ist, der den Dialog mit Übersetzern schätzt – so hatte an diesem Abend eine doppelte, positive Entmystifizierung stattgefunden.

Die Lesung wurde von den folgenden Studenten organisiert und durchgeführt: Thomas Altefrohne, Anna Delorme, Anna Eble, Elena Langner, Lisa Mensin und Lars Unland

An der Übersetzung mitgewirkt haben außerdem: Jasmine Benning, Dirk Haustein, Lisa Luks und Lisa Swager

 

Lisa Mensing

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wer war ich / vor meiner Neukonzeption – Frank Keizers Lyrik

Dass politische Lyrik nach wie vor einen Stellenwert in der zeitgenössischen  Literatur hat, bewies am 18. Januar 2018 der niederländische Dichter Frank Keizer, der zu einer Lesung mit Interview ins Haus der Niederlande eingeladen war. Im Rahmen dieser Abendveranstaltung trug er dem Publikum einige Gedichte aus seinem neuesten Werk Onder normale omstandigheden („Unter normalen Umständen“) vor und erzählte dabei auch von seiner Arbeit als Redakteur bei der flämischen Zeitschrift nY. Seine Gedichte, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen wie der zunehmenden Individualisierung auseinandersetzen, wurden von Studierenden des Masterstudiengangs „Interdisziplinäre Niederlandistik“ jeweils in Übersetzung vorgetragen.

Nachdem Keizer dem Publikum vier seiner Gedichte als Kostprobe präsentiert hatte, sprachen zwei Bachelorstudierende der Niederlandistik mit ihm über seine Arbeit als Dichter und unterzogen ihn dabei auch einem Quick Quiz. Ausgedacht hatten sich die Fragen die Studierenden aus dem Lyrikseminar von Nele Demedts, welche den Abend moderierte und den zweiten Teil des Interviews übernahm. Ebenfalls am Programm beteiligt war Anna Eble, studentische Hilfskraft am Institut für Niederländische Philologie. Sie übertrug jede von Franks Äußerungen aus dem Niederländischen ins Deutsche und sorgte so dafür, dass auch des Niederländischen nicht mächtige Zuhörer einen Einblick in die literarische Welt der Niederlande und Flanderns bekamen.

 

Angesprochen auf die Herausforderungen, mit denen literarische Zeitschriften von heute in einer auf digitale Medien fokussierten Gesellschaft umgehen müssen, erzählte Frank Keizer von den Strategien, mit denen die Zeitschrift den Kontakt zu den Menschen aufrechterhalten will: beispielweise durch Online-Ausgaben, Podcasts oder Kooperationen. Ziel der Zeitschrift sei es, so Keizer, Alternativen für den politischen und gesellschaftlichen Status Quo erst einmal denkbar zu machen, womit er auf die diskursive Macht der Worte verwies.

Neben der Macht der Worte zeigten sich jedoch auch Zweifel an selbiger. In seinen Gedichten lässt Frank Keizer ein Ich auftreten, das sich mit einer zunehmend fragmentierten Welt konfrontiert sieht und hin- und hergerissen zwischen dem Willen zur Akzeptanz und dem Wunsch nach Veränderungen nach der richtigen Haltung sucht, drängt und letzten Endes doch nicht anders kann, als ratlos stehen zu bleiben. Diese Ambivalenz – für Keizer selbst die Essenz seiner Gedichte – ist auch in dem Ton zu hören, in dem das Ich über sein Bild von der heutigen Gesellschaft schreibt: Gerade nicht objektiv, sondern aus einer höchst subjektiven Perspektive nähert es sich den Dingen, die letztlich jeden Menschen betreffen. In der Verletzlichkeit des Menschen, die sich in Keizers Gedichten offenbart, liegt eben auch das verbindende Element zwischen dem Gedicht und dem Leser.

Verletzlichkeit ist auch eines der Themen, das in dem letzten der während der Abendlesung vorgetragenen Gedichte zur Sprache kommt: Voor Herman Gorter. Es ist als eine Ode an ebendiesen niederländischen Dichter zu lesen, der neben dem niederländischen Schriftsteller Frans Kellendonk das dichterische Schaffen Frank Keizers nach dessen Aussage maßgeblich geprägt hat. Bereits die ersten Verse spielen überdeutlich auf das bekannte Gedicht Zie je ik hou van je von Gorter an, neben dessen Wortreichtum sich das Ich sprachlos und unbeholfen vorkommt. Im Wortüberfluss der heutigen Zeit nicht mehr die richtigen Worte finden zu können, mag auch der Grund sein, wieso Keizers Gedichte fragmentarisch, beinahe zerstückelt daherkommen und der leidenschaftliche Ton seiner Lyrik auf einen von Kürzen geprägten, nüchtern anmutenden Rhythmus trifft.

Nele Demedts

 

Anmerkung: Der Titel des Artikels verweist auf Keizers Gedicht „wie was ik“. Die Übersetzung von Lisa Mensing wurde während des Workshops mit dem Dichter überarbeitet.

Poesie übersetzen: Workshop mit Frank Keizer

Dass im universitären Kontext Poesie übersetzt wird, kommt leider selten vor. Als Frank Keizer vorschlug, am 18.01.2018 vor seiner Abendlesung im Haus der Niederlande einen Übersetzungsworkshop anzubieten, tat sich eine schöne Gelegenheit auf, den Studierenden einen Einblick ins Übersetzen von Poesie zu bieten und mit dem Autor selbst als Mitmoderator zu arbeiten. Der Workshop wurde durch einen Zuschuss des ELV (Expertisecentrum Literair Vertalen) möglich gemacht. Zu zehnt diskutierten die Anwesenden über ihre zuvor angefertigten Übersetzungen aus Keizers Gedichtband Onder normale omstandigheden (Polis, 2016).
Eine der Teilnehmerinnen war Hannah Ratuschny, die momentan noch im Bachelor studiert. Sie berichtet für DNLit über den Workshop.

Sprachen sind meine Leidenschaft. Bereits an meinem Studiengang (Niederlandistik, Anglistik und Spanisch) lässt sich erkennen, dass hier wirklich mein großes Interesse liegt. Den Weg der Übersetzung einzuschlagen, ist mir bisher allerdings nie in den Sinn gekommen. Eigentlich sehr kurios, denn ich beschäftige mich gerne mit Sprache, denke gerne über Sprache nach, spreche mehrere Sprachen und nicht zuletzt ist es komisch, da meine Mutter genau diesen Weg gegangen ist; sie ist gelernte Übersetzerin.

Als ich nun eine Einladung bekommen habe, um an einem Übersetzungsworkshop im Haus der Niederlande teilzunehmen, war ich eigentlich direkt Feuer und Flamme. Besonders spannend fand ich dabei, dass der Workshop geleitet werden sollte von zwei Übersetzerinnen des niederländischen Instituts in Zusammenarbeit mit dem Verfasser der Texte persönlich, dem niederländischen Dichter Frank Keizer. Ich bekam im Vorfeld zwei seiner Gedichte zugeschickt und wurde gebeten, diese bereits vor Beginn des Workshops zu übersetzen.

Während des Übersetzens merkte ich erstens, dass es mir großen Spaß machte und zweitens, dass es eine größere Herausforderung war, als ich dachte. Ich stellte fest, dass es oft gar keine exakte Übersetzung mit der gleichen Konnotation gibt, weshalb automatisch ein bisschen Inhalt verloren geht. Die größte Schwierigkeit bestand für mich allerdings darin, den Inhalt korrekt wiederzugeben, ohne dabei das Metrum des Gedichts zu zerstören. Ich musste viele Kompromisse eingehen, um weder den Inhalt noch das Metrum zu kurz kommen zu lassen, bis ich zufrieden – nun ja, zufrieden genug – mit meinen Versionen war.

Der Workshop am 18.01. startete anders als geplant. Der Sturm machte an diesem Tag einigen Menschen einen Strich durch die Rechnung und so verzögerte sich leider auch die Ankunft von Frank Keizer. Flexibel wie wir Studenten sind, machte das aber gar nichts; wir fingen einfach schon mal an. Nachdem Frank Keizer und seine Werke von einer der beiden Übersetzerinnen kurz vorgestellt wurden, nahmen wir uns die beiden Gedichte vor und begannen, sie Vers für Vers zu übersetzen und abzugleichen. Es stellte sich heraus, dass die Stellen, die ich problematisch fand, auch von den Anderen als schwierig empfunden wurden.  Besonders interessant fand ich deshalb, zu sehen, wie die Anderen diese Probleme gelöst haben, zumal ich mich schließlich auch als Laie unter den Geübten befand.

Gerade Gedichte sind sehr subjektiv und lassen viel Raum für Interpretation. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass nicht für jede schwierige Stelle eine Lösung mit einvernehmlichem Zuspruch gefunden werden konnte. Ein bisschen Interpretationsfreiheit ist aber durchaus erlaubt, so viel habe ich gelernt und so hatte am Ende jeder eine leicht abweichende Version. Dringende Fragen schrieben wir auf, um sie Frank vorlegen zu können.

Frank kam kurz vor Schluss an und so kamen wir noch in den Genuss, die Gedichte einmal von ihm vorgetragen zu bekommen. Er gab uns außerdem Einblick in seine Interpretation, wodurch für mich Einiges noch klarer wurde. Es blieb leider nicht mehr so viel Zeit, seine Meinung zu allen Stichpunkten zu hören, aber ich denke, dass auch so sehr gute Übersetzungen zustande gekommen sind, die dann am Abend bei der Lesung von Frank Keizer auch vorgetragen wurden.

Ich hatte eine Menge Spaß und habe Sprachen nochmal aus einem anderen, interessanten Blickwinkel betrachten können. Gerne besuche ich auch künftig wieder ähnliche Veranstaltungen; wenn auch nicht als professionelle Übersetzerin, aber das macht ja nichts, denn auch als Laie wird man sehr herzlich aufgenommen.

Hannah Ratuschny

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Lesung mit Peter Theunynck: „De Slembroucks“

Foto: © Wit-lof

Der flämische Dichter und Schriftsteller Peter Theunynck ist am 24. Januar 2018 zu Gast in Münster und stellt um 19 Uhr in der Bibliothek im Haus der Niederlande seinen 2016 erschienenen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) vor.

Theunynck wird dabei von Studierenden des Masters „Interdisziplinäre Niederlandistik“ vom Institut für Niederländische Philologie begleitet.  Sie werden ins Deutsche übersetzte Fragmente des Romans vorlesen, die unter Anleitung der Übersetzerin Anna Carstens entstanden sind.

Peter Theunynck ist freiberuflicher Dichter, Schriftsteller und Biograf. Nach seiner renommierten Biografie über Karel Van de Woestijne erschien 2016 sein Romandebüt De Slembroucks, eine virtuos geschriebene Geschichte, die ein poetisches Zeitbild einer flämischen Familie der Nachkriegszeit zeichnet: Während die Arbeit als Fahrradmechaniker das Ideal des Vaters bleibt, formen Religion und ein beinahe krankhaftes Streben nach einer höheren gesellschaftlichen Stellung das Lebensziel der Mutter, das sie durch ihre Söhne Gust und Anton zu erreichen versucht. Doch als plötzlich eine Cousine auf der Bildfläche erscheint und nach und nach Familiengeheimnisse gelüftet werden, laufen alle Pläne aus dem Ruder. Es entsteht eine vielschichtige Problematik, die Theunynck in 21 Kapiteln gekonnt in Szene setzt.

Die Masterstudierenden setzten sich in einem Workshop mit der Übersetzerin Anna Carstens mit Auszügen des Romans auseinander. Dabei wurde dieser literarisch anspruchsvolle und poetische Text gemeinsam in eine stilistisch angemessene deutsche Übersetzung übertragen. Die Lesung wird dabei durch ein Gespräch mit dem Autor ergänzt.

Die Veranstaltung wird in deutscher und niederländischer Sprache stattfinden.

Mittwoch, den 24. Januar 2018, 19 Uhr s.t.
Bibliothek im Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, Münster

Der Eintritt ist frei!

Lisa Mensing auf Filter

Nachdem unsere Masterstudentin Lisa Mensing schon auf DNLit über ihre Erfahrungen während der Vertalersfabriek berichtete, stammt nun auch noch die heutige Vertaaldag-Kolumne aus ihrer Feder, die jeden Freitag auf der Website der Zeitschrift Filter erscheintDamit begibt sie sich in die Gesellschaft von uns wohlbekannten Namen wie Christiane Kuby (NL-D), Ton Naaijkens (D-NL), Els Snick (D-NL) und David Colmer (NL-E).

Hier geht es zum Artikel: Kwijt in de ruimtetijd

Lesung mit Frank Keizer

Frank Keizer, niederländischer Dichter, Essayist und Redakteur, ist dem Münsteraner Publikum spätestens seit dem Lyrikertreffen im Mai 2017 bekannt, wo er zusammen mit fünf anderen Künstlern aus den Niederlanden und Flandern auftrat. Am 18. Januar 2018 wird er nach Münster zurückkommen und dabei im Haus der Niederlande einige seiner neuesten Gedichte vortragen. Studierende des Master-Studiengangs Interdisziplinäre Niederlandistik werden die vorgelesenen Gedichte jeweils für das Publikum übersetzen.

Er wird nicht nur aus seinem Werk vorlesen, sondern auch über die Poesielandschaft in den Niederlanden und Flandern berichten und uns einen Einblick in die Welt der Zeitschriften geben, die unter anderem ein wichtiges Medium für debütierende Dichter sind und sehr schnell Trends in der Schreibszene aufgreifen.

Darüber hinaus wird sich Frank Keizer mit uns über die Fragen unterhalten, welche Rolle Lyrik aktuell in der (niederländischen) Gesellschaft spielt, wie man sich als Dichter den Herausforderungen der heutigen Zeit stellt und was man mit politischer Lyrik erreichen kann.

Am selben Tag mittags wird von 12-14 Uhr ein Übersetzungsworkshop angeboten. Anders als bei den Workshops, die im Rahmen der Spezialisierung Literarisches Übersetzen im Master-Studiengang stattfinden, ist in diesem Fall der Hauptmoderator der Autor selbst. Eine solche Konstellation kommt bei Übersetzungsworkshops selten vor, obwohl man auf diese Weise an einer anderen Stelle ansetzt, nämlich beim Verständnis des Lesers und beim Geschriebenwerden des Gedichts, also ganz am Anfang des Prozesses statt erst bei der Übertragung in die Fremdsprache.

Zeit: Donnerstag 18. Januar 2018, 19 Uhr s.t.

Ort: Haus der Niederlande, Bibliothek , Alter Steinweg 6/7, Münster

(Eintritt frei)

Crossing Border Festival & Vertalersfabriek

Lisa Mensing über ihre Erfahrungen in Den Haag und im Vertalershuis Amsterdam.

Anfang November durfte ich für das Crossing Border Festival im Rahmen von The Chronicles die Kolumnen des jungen Autors Roelof ten Napel „live“ in Den Haag übersetzen und anschließend zwei Wochen lang im Übersetzerhaus in Amsterdam zusammen mit Christiane Kuby an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel seines neu erschienenen Romans Het leven zelf (Das Leben selbst) feilen.

Das Crossing Border Festival in Den Haag feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen und fand vom 02. bis zum 04. November statt. Seit Jahren besticht das Festival nicht nur durch ein bunt gemischtes Programm bestehend aus Musikern und Schriftstellern, sondern auch durch das Projekt The Chronicles, bei dem fünf junge Autoren und ihre Übersetzer im Zentrum stehen.

The Chronicles ist ein Förderprogramm für junge Autoren und Übersetzer. Die Autoren sind die Chronisten des Festivals, sie schreiben vor, während und nach dem Festival Kolumnen, welche dann vor Ort innerhalb weniger Stunden übersetzt und in zwei Sprachen auf der Website www.thechronicles.eu online gestellt werden.

Für The Chronicles wurden in diesem Jahr die fünf Autoren Fatma Aydemir (Deutschland), Gerda Blees (Niederlande), Sytske van Koeveringe (Niederlande), Roelof ten Napel (Niederlande) und Diego Zúñiga (Chile) und die fünf Übersetzer Elbert Besaris (Niederlande), Ghislaine van Drunen (Niederlande), Heleen Oomen (Niederlande), Andrea Zampieri (Argentinien) und ich eingeladen.

Donnerstag

Für uns Übersetzer geht das Festival am Donnerstag mit einer Masterclass los. Jedem Chronicles-Übersetzer wird ein erfahrener Übersetzer zugeteilt, mit dem drei Stunden lang die Übersetzung des Prologs besprochen wird, den wir schon Ende Oktober innerhalb von sieben Stunden übersetzen mussten. Dabei geht es vor allem um Fehler, die bei den Übersetzungen der folgenden Kolumnen vermieden werden sollten. Ira Wilhelm und ich besprechen meine Übersetzung von Roelofs erster Kolumne und diskutieren dabei die meiste Zeit über das niederländische Wort zelfuitputting, welches im Niederländischen zwei Bedeutungen hat: aus sich selbst schöpfen und die Selbsterschöpfung im Sinne der körperlichen und psychischen Erschöpfung. Ein zentrales Wort der ersten Kolumne, das ich in meiner ersten Fassung nur mit Selbsterschöpfung übersetzt habe. Wie kann man jedoch beide Bedeutungsebenen in einem deutschen Wort zusammenfassen? Wir überlegen hin und her, diskutieren mit Muttersprachlern, doch die perfekte Lösung finden wir in der kurzen Zeit nicht.

Abends lernen wir Übersetzer unsere Autoren kennen. Beim Dinner sprechen Elbert, Roelof und ich dann auch gleich über Roelofs Schreibstil. Und über die zelfuitputting. Roelof bestätigt, dass beide Bedeutungsebenen im Wort enthalten seien, dass es beim Schreiben jedoch keine bewusste Entscheidung gewesen sei, sondern eher ein Impuls. Ihm sei es an dieser Stelle nicht so wichtig, welche Bedeutungsebene der Leser zuerst erfassen würde, es käme hier auf den Leser an, nicht auf die Intention des Autors. Als ich am nächsten Morgen den Prolog anpasse (bis 12.00 Uhr dürfen wir eine verbesserte Version einreichen) klingen Roelofs Worte nach – ich entscheide mich spontan für das Wort Selbstausschöpfung, da mir diese Bedeutungsebene wichtiger erscheint – zufrieden bin ich aber nicht. Hätte ich doch nur mehr Zeit… (Diesen Gedanken werde ich an diesem Wochenende noch oft haben.)

Freitag

Um acht Uhr weckt mich der Baustellenlärm vom Platz neben dem Hotel – überall sieht man De Stijl, Mondriaan. Ich taste nach meinem Handy, checke die Mails – Roelof hat mir gerade die erste Festivalkolumne geschickt. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Jetzt lohnt es sich, schon aufzustehen. Nach dem Frühstück verschanze ich mich wieder im Hotelzimmer (ich werde wirklich sehr viele Stunden in diesem Zimmer verbringen) und übersetze die erste Kolumne. Um halb drei bin ich schließlich fertig. Arbeitstechnisch, aber auch nervlich. Ich klicke auf den Senden-Button. Es ist kein schönes Gefühl, keine Zeit für einen Text zu haben, ihn nicht noch einen Tag liegen zu lassen, um mit einem frischen Blick nach Ungereimtheiten zu suchen. Immer wieder fegen Satzfetzen der Übersetzung durch meinen Kopf, von denen ich denke, dass sie bestimmt falsch sind. Gleich ist die Übersetzung online. Schnell raus aus dem Hotelzimmer!

Abends geben unsere Autoren eine kleine Lesung, wir Übersetzer schauen uns das natürlich an. Jeder Autor liest ein Stück aus seinem Roman vor, bei Fatma und Diego werden Übersetzungen an die Wand gebeamt. Vorab hatte ich nicht viel Zeit, um Texte von allen Autoren zu lesen, aber jetzt ist meine Neugier geweckt, und ich decke mich mit ihren Büchern ein.

Danach gehe ich zur Lesung von Annelies Verbeke und Lesley Nneka Arimah, die von Roos van Rijswijk interviewt werden. Beide schreiben vornehmlich Kurzgeschichten und erzählen von behaarten Babys und vom Wachwerden als Bär. Nach der Lesung versuche ich die Chronisten und ihre Übersetzer zu finden, doch alle sind verstreut, unauffindbar, also gehe ich schlafen. Morgen wird wieder übersetzt.

Samstag

Erst um zehn Uhr werde ich wach, greife nach dem Handy und sehe, dass Roelof schon wieder verlässlich früh eine Kolumne geschickt hat (eigentlich hätte er bis 12.15 Uhr Zeit). Ich habe wirklich Glück, wird die begrenzte Übersetzungszeit auf diese Weise doch etwas ausgedehnt. Schnell duschen und frühstücken und dann klemme ich mich hinter meinen Laptop.

Fünf Stunden später schicke ich die Übersetzung ab. Heute war es eine echte Herausforderung, Roelof hat über das Thema Blindheit philosophiert und ich musste diese philosophischen Gedanken nicht nur nachvollziehen, sondern auch verständlich in die deutsche Sprache übertragen. Ein Text gespickt mit Zitaten, die ich nicht einfach selbst übersetzen kann, sondern deren ursprüngliche deutsche Übersetzungen ich benötige. Würde ich doch nur in einer Bibliothek leben. Ein stetiger Nachrichtenwechsel mit Roelof und die ausführliche Konsultation des Internets helfen weiter, doch das kostet Zeit, und die ist begrenzt.

Dafür fällt es mir heute leichter, die Kolumne abzuschicken, ich gewöhne mich an den Druck und den Gedanken, dass die Übersetzung gleich für jedermann lesbar im Netz steht. In der Hotellobby treffen wir alle uns, um gemeinsam essen zu gehen.

Abends liegt der Fokus diesmal auf den Übersetzern. Zusammen mit unseren Autoren werden wir auf der Bühne interviewt, mir wird die Frage gestellt, ob das Übersetzen eine abwartende Tätigkeit sei. „Nein“, sage ich. „Ja“, sage ich. Während des Festivals ist das Übersetzen definitiv keine abwartende Tätigkeit, die Zeit rast dahin, der Blick auf die Uhr erinnert an die nahende Deadline, wer hier auf eine plötzliche Eingebung wartet, hat ein Problem. Generell aber könnte man sagen, dass es sich schon auch um eine abwartende Tätigkeit handelt, der Kopf arbeitet weiter, sucht Lösungen für Übersetzungsprobleme und schickt dem Hirn mitten in der Nacht fantastische Wörter, die man schlaftrunken notiert und am nächsten Tag zufrieden in die Übersetzung einarbeitet.

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Es ist komisch, auf der Bühne zu sitzen, in einer fremden Sprache interviewt zu werden, aber es macht auch Spaß, über das Übersetzen zu sprechen, über dieses Fach, von dem die Leute oft zu wenig wissen, obwohl es doch so spannend ist.

Ich verzichte auf die Aftershowparty, mein Gehirn gleicht einer ausgequetschten Apfelsine, nur noch einzelne Wörter könnten aus meinem Mund heraustropfen. Zeit fürs Bett.

Sonntag

Ein abschließendes gemeinsames Frühstück und dann fahren Andrea und ich weiter zum Übersetzerhaus nach Amsterdam, wir wohnen dort für die Zeit der Übersetzerfabrik, alle anderen wohnen in der Nähe und reisen täglich an.

Nach der Ankunft dürfen wir zuerst Bekanntschaft mit unseren Schreibtischen machen, denn wir müssen die vierte Kolumne übersetzen. Heute fällt mir die Arbeit leichter, anscheinend bin ich jetzt in diesem Arbeitsrhythmus angekommen, kann die Übersetzung abschicken, ohne mich zu sehr überwinden zu müssen. Als Belohnung gönnen Andrea und ich uns eine große Portion Pasta in einem nahe gelegenen Restaurant.

Tschüss Crossing Border, Hallo Vertalersfabriek.

Die Übersetzerfabrik

In der Übersetzerfabrik arbeiten Christiane Kuby und ich täglich fünf Stunden lang an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel von Het leven zelf von Roelof ten Napel. Im Übersetzerhaus herrscht ein geschäftiges Treiben, wir fünf jüngeren Übersetzer haben jeweils einen erfahrenen Übersetzer als Mentor an unserer Seite, der uns durch die Irrungen und Wirrungen der Sprachen führt. Im ganzen Haus sitzen wir verteilt, in der Bibliothek, in der Küche, im Wintergarten.

Christiane und ich übersetzen aus dem Niederländischen ins Deutsche, Elbert und Elly Schippers (und in der zweiten Woche Janneke van der Meulen) übersetzen aus dem Deutschen ins Niederländische. Während der zwei Wochen besuchen wir uns gegenseitig immer wieder, um einander sprachspezifische Fragen zu stellen. Sagt man das im Niederländischen wirklich so? Kennt ihr dieses Wort? Wie wird das verwendet? Es entstehen lebhafte Diskussionen und am Ende kommt man einer guten Übersetzung einen Schritt näher.

Die Arbeit in der Vertalersfabriek ist unglaublich intensiv, Christiane und ich nehmen jeden Satz, jedes Wort genau unter die Lupe, denken über Alternativen nach, durchforsten Synonymdatenbanken (oder unser Gehirn) und brainstormen gemeinsam. Es ist das genaue Gegenteil von den Festivalübersetzungen, die unter Zeitdruck und ohne eine zweite Meinung entstehen mussten. Hier haben wir Zeit, die wir nutzen. Und das ist schön.

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Zweimal besucht uns Roelof, und erklärt uns Textstellen, aus denen wir nicht ganz schlau wurden. Wir löchern ihn mit Fragen, und Roelof steht uns Rede und Antwort – nach diesen Gesprächen verstehe ich den Roman, die Struktur, den Stil noch viel besser, was der Übersetzung natürlich zugutekommt.

Abends fühle ich mich meist so, als hätte ich keine Wörter mehr übrig. Ich habe sie einfach alle verbraucht und den passiven Wortschatz zum aktiven gemacht. Gleichzeitig fühle ich aber auch eine große Zufriedenheit, ich lerne unglaublich viel und am Ende der zwei Wochen habe ich zwei übersetzte Kapitel vor mir liegen, mit denen ich sehr zufrieden bin.

 

Zum Abschluss sind wir alle zusammen essen gegangen, ein schönes Ende einer intensiven und großartigen Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennen lernen durfte und unglaublich viel über das Übersetzen gelernt habe.

 

Fotos: Elbert Besaris

Infos:

Übersetzer, die die Masterclass begleitet haben: Jan Gielkens, Jan de Jager, Brigit Kooijman, Philippe Noble und Ira Wilhelm

Mentoren der Übersetzerfabrik: Elly Schippers, Janneke van der Meulen, Philippe Noble, Isabelle Rosselin, Christiane Kuby, Adri Boon und Jan de Jager

Links:

The Chronicles
Crossing Border
Bericht vom Vertalershuis in Amsterdam