Archiv der Kategorie: Literatur

Lesung mit der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg

In der Welt der Übersetzung sind wahre Sprachwunder keine Seltenheit, man denke nur an Hinrich Schmidt-Henkel, der dieses Jahr gleich zwei große Preise für seine übersetzerischen Leistungen entgegennehmen durfte.
Auch am Institut für Niederländische Philologie gibt es Studenten, die sich auf mehrere Sprachen spezialisieren, wie zum Beispiel Thomas Altefrohne, der in seinem zweiten Masterstudiengang seine Schwedischkenntnisse vertieft und an dieser Stelle über ein Projekt berichtet, das er im Rahmen der Skandinavischen Studien verfolgte.

Schwedens Rolle im Zweiten Weltkrieg. Ein Thema, welches im Schulunterricht nicht vermittelt wird und über das wenige Deutsche etwas wissen. Im Rahmen eines Landeskundeseminars griff Dr. Susanna Stempfle Albrecht, Schwedischdozentin am Institut für Nordische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität, dieses Thema auf. Dabei gliederte sie das 2009 erschienene Buch Mörker, stanna hos mig (dt. Dunkelheit, bleib bei mir, übersetzt durch Eva Scharenberg, 2016) der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg in den Unterricht ein und lud die Autorin ein, nach Münster zu kommen, um aus ihrem Werk zu lesen.

Mörker, stanna hos mig handelt von einem der schwersten politischen Attentate des 20. Jahrhunderts in Schweden und spielt während des Sowjetisch-Finnischen Winterkrieges 1939/40, als die Sowjetunion Finnland angriff und versuchte, die Karelische Landenge in ihr Gebiet einzugliedern. Viele Schweden sympathisierten mit den Finnen und wünschten sich ein aktiveres Eingreifen der schwedischen Regierung, um Finnland zu unterstützen. In weiten Teilen Schwedens herrschte geradezu eine antikommunistische Stimmung, die sich im März 1940 entlud, als das Gebäude der kommunistischen Zeitung Norrskensflamman in Luleå, Nordschweden, in die Luft gesprengt wurde. Bei diesem Attentat starben fünf Menschen, darunter zwei Kinder.

Ljungbergs Roman greift dieses Attentat auf, beschreibt die verheerende Eigendynamik der Tätergruppe und zeichnet ein beeindruckendes Psychogramm ihrer Mitglieder. Eine der Hauptfiguren des Buches ist der Journalist Wilhelmsson. Das Werk folgt ihm und seinem terroristischen Werdegang, der durch Ljungbergs verblüffend genaue Naturschilderungen noch anschaulicher untermalt wird. Dabei ist das Buch in zwei Handlungsstränge gegliedert, einerseits wird das auf das Attentat folgende Gerichtsverfahren beschrieben. Im anderen Strang, der später mit dem ersten vereint wird, geht sie auf den Werdegang der Tätergruppe ein.

Die Lesung fand am 19. Juni 2017 statt und war in einen universitätsinternen und einen öffentlichen Teil gegliedert. Am Nachmittag war die Autorin zu Gast im Institut für Nordische Philologie und beantwortete Fragen der Studierenden zu ihrem Werk und ihrer Autorschaft. Am Abend las sie erneut, diesmal öffentlich, im Alter Ego in Münster. Dabei erklärte sie den bei sommerlicher Hitze gespannt lauschenden Zuhörern die umstrittene Neutralitätspolitik Schwedens während des Zweiten Weltkrieges, sowie ihre Motive dafür, das Buch zu schreiben. In Nordschweden aufgewachsen, war das Attentat einerseits immer Teil ihrer Familiengeschichte, wurde andererseits aber auch immer totgeschwiegen. Erst in den letzten Jahrzenten rückte der Anschlag wieder näher in das Bewusstsein der schwedischen Gesellschaft, als auch die Rolle Schwedens während des Zweiten Weltkrieges kritischer aufgearbeitet wurde.

Als eine Projektarbeit meines Zweitmasters Skandinavische Studien half ich dabei, die Lesung zu organisieren und durchzuführen. Dabei organisierte ich, in enger Absprache mit der Schwedischlektorin des Instituts, die Anreise und Unterbringung der Autorin und ihrer Reisebegleitung. Außerdem mussten die Lokalitäten organisiert und viele noch anfallende, kleinere Aufgaben erledigt werden. Darüber hinaus habe ich mit Hilfe der Hilfskräfte des Instituts die Werbung für die Lesung organisiert, um so viele Menschen wie möglich auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Letztlich war es auch meine Aufgabe, Frau Ljungbergs Buch mit den Studierenden des Landeskundeseminars aufzuarbeiten und das Attentat auf den Norrskensflamman zu besprechen, sodass sie so gut wie möglich auf die Lesung vorbereitet waren. Während der Lesung selbst las ich die deutschen Passagen zu Frau Ljungbergs Auszügen, die sie selbst auf Schwedisch vortrug.

Die Organisation der Lesung war ein sehr interessantes und lehrreiches Projekt. Der Kontakt mit der Autorin gestaltete sich als einfach und angenehm. Vor allem die Deadlines und Kostenaufstellung, sowie die Organisation der Arbeitsschritte und des Zeitplans erforderten viel Aufmerksamkeit, waren gleichzeitig aber eine gute Übung für die Durchführung eines Projekts.

Solche Aufgaben können im weiteren Sinne auch in den Aufgabenbereich des Übersetzers fallen, denn auch er muss ein Werk oft im Literaturbetrieb verorten, eine Synopsis über ein Buch schreiben und anderen potentiellen Lesern den Inhalt vermitteln und näherbringen. Dabei muss er sich Hintergrundwissen oft selbst aneignen und so aufarbeiten, dass es für die Leserschaft, bzw. das Publikum, in einfache Worte gefasst werden kann.

Thomas Altefrohne

Gewinner Libris Literatuur Prijs: Alfred Birney – De tolk van Java

Der Libris Literatuur Prijs ist der Preis für den besten ursprünglich niederländischsprachigen literarischen Roman des letzten Kalenderjahres – es ist der größte Preis dieser Kategorie im niederländischen Sprachraum.

Für das Kalenderjahr 2016 hat Alfred Birney mit seinem Roman De tolk van Java den Libris Literatuur Prijs gewonnen.

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Alfred Birney wurde 1951 als Sohn eines aus Surabaya (Java, Indonesien) stammenden Vaters, der niederländische, chinesische, schottische und ost-javanische Wurzeln hatte, und einer niederländischen Mutter geboren. Birney ist ein niederländischer Schriftsteller, wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Entfremdung von der Familie und das Unvermögen zur Identifikation mit seinem Vater- oder Mutterland. Er hat bereits viele Romane, Essays, Kurzgeschichten, Novellen, Kritiken, Theaterstücke und journalistische Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist er auch für sein veröffentlichtes didaktisches Material zum Gitarrenspiel bekannt. Der große Ruhm als Autor blieb bis zu diesem Preis jedoch aus, doch endlich wurde die Aufmerksamkeit des breiten Publikums durch den Libris Preis auf ihn gelenkt.

Der preisgekrönte Roman De tolk van Java ist ein autobiografischer Roman, der die Beziehung zwischen dem Vater Birneys und Birney selbst aufarbeitet, und dies brillant mit der Aufarbeitung der Beziehung zwischen den Niederlanden und Indonesien verknüpft.

Birneys Vater Arto (Pseudonym) wuchs als Sohn einer Chinesin und eines in Indonesien lebenden Niederländers auf, von dem er jedoch nicht anerkannt wurde. Dadurch hatte es Arto im kolonisierten Indonesien nicht leicht, da er weder zu den Besetzern, den Niederländern, noch zu den Einheimischen, den Indonesiern, zählte. Als die Japaner Indonesien schließlich befreien wollten und es zum Krieg kam, kämpfte Arto an der Seite der Niederländer und der Alliierten und nahm die Position eines Dolmetschers (tolk) ein, doch wechselte er während des lange währenden Unabhängigkeitskrieges mehrfach die Seiten. Am Ende des Krieges flüchtete er als verfolgter Kriegsverbrecher in die Niederlande, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Erlebnisse des Vaters werden in De tolk von Java in Form von Memoiren wiedergegeben, die sein Sohn Alan Nolan (Pseudonym von Alfred Birney) abwechselnd kommentiert und unkommentiert lässt. Die Sprache des Vaters und der Memoiren ist klar, direkt und zeigt dem Leser die schreckliche Brutalität des indonesischen Unabhängigkeitskrieges auf.

Neben den Erinnerungen des Vaters gibt es in Dialogform gehaltene Passagen, in denen Alan seine Mutter zu bestimmten Themen befragt. So werden ihre Erinnerungen daran wiedergegeben, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie er anfing, sie zu schlagen, und wie sie alle vor ihm gewarnt hatten. Die Sprache der Mutter ist einfacher, Birney verwendet viele Elemente der gesprochenen Sprache und durch die gewählte Dialogform sind die Passagen zwischen Mutter und Sohn äußerst lebendig.

Einen Großteil des Romans nehmen neben den Memoiren des Vaters auch die Erinnerungen Alans ein, die von der Beziehung zwischen Alan und seinem Vater erzählen, von der gewaltsamen Kindheit, die Alan erlebte, weil sein Vater stets brutal und unnachsichtig handelte. Alan puzzelt seine Vergangenheit zusammen, erzählt von der fehlenden Liebe seiner Eltern, von der Gewalt und vom späteren Leben im Internat, nachdem die Kinder aus der Familie genommen wurden. Er erzählt von der Zerrissenheit seines Vaters, von dem Suchen einer Heimat zwischen Indonesien und den Niederlanden.

Birney hat mit De tolk van Java einen anspruchsvollen, herausfordernden, vielschichtigen und vor allem aber großartigen Roman geschrieben, der den Leser über die Brutalität des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens aufklärt und die Kolonialgeschichte der Niederlande anhand eines persönlichen Schicksals veranschaulicht, ohne dabei zu belehrend oder zu emotional zu sein.

Lisa Mensing

Poesiefestivals – Review und Preview

Der Mai und der Juni sind besonders umtriebige Monate, was deutsche und niederländische Poesiefestivals angeht. In einer kleinen Übersicht präsentieren wir hier vier kleinere und größere Events, die einen (alljährlichen) Besuch wert sind.

Im Falle des Lyrikertreffens Münster ist ebendieses Vorhaben leider ein Ding der Unmöglichkeit: Nur alle zwei Jahre findet das Lyrikertreffen statt, dieses Jahr vom 19.-21. Mai 2017. Das ausführliche Vorprogramm POETRY erwähnten wir bereits – einen Bericht zum Stummfilmabend des niederländischen Dichters Erik Lindner finden Sie hier.
Außer Erik Lindner sind dieses Jahr noch fünf weitere niederländischsprachige Gäste eingeladen: Frank Keizer, Tsead Bruinja, Lies Van Gasse, Els Moors und Broeder Dieleman, die zusammen mit dem in den Niederlanden lebenden Musiker Jan Klug ihr Programm „Songs, Grooves & Gedachte“ aufführen, mit dem sie schon im Oktober vergangenen Jahres in Münster auftraten. Wir berichteten an dieser Stelle.
Das Lyrikertreffen beginnt mit einem Abendessen, bei dem sich die DichterInnen und ihre DolmetscherInnen, die Organisierenden und die LehrerInnen kennenlernen können, bei denen Schullesungen stattfinden, und endet am Sonntag, den 21. Mai mit der Preisverleihung des Lyrikpreises der Stadt Münster an Jon Fosse und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband Diese unerklärliche Stille / Denne uforklarlege stille, der 2015 bei Kleinheinrich erschienen ist.
Die Tage dazwischen sind mit einem Reichtum an Veranstaltungen gefüllt, von besagten Schullesungen (schulinterne Berichte zu den Lesungen von Frank Keizer und Erik Lindner) über Rahmenveranstaltungen von Hans-Dieter Gelfert und Marcel Beyer bis zu den beiden großen Abendlesungen, bei denen alle Lyriker und Lyrikerinnen auftreten.
Link zum Festival

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Frank Keizer am Mikrofon, Broeder Dieleman am Banjo

 

Das größte Poesiefestival der Niederlande, das Poetry International Festival in Rotterdam, hat in den letzten Jahren zwar abgespeckt, ist aber mit einer diesjährigen Laufdauer vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2017 und mit zwanzig eingeladenen DichterInnen immer noch eine enorm große Veranstaltung. Aus dem niederländischsprachigen Raum sind zu Gast: Mischa Andriessen, Hannah van Binsbergen, Cees Nooteboom (Kurzbericht zur Lesung im September 2016 in Münster) und Stefan Hertmans, den wir schon einmal im Haus der Niederlande begrüßen durften (mehr dazu hier).
Im Rahmen eines in den Niederlanden stattfindenden Festivals lässt sich nicht viel zu Übersetzungen ins Deutsche sagen, doch der Transfer funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Im sogenannten Vertaalbedrijf sprechen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit. Neben anderen Top-Übersetzern (Kim Andringa, Arie Pos und Tsead Bruinja) spricht auch Ria van Hengel, die Übersetzerin des deutschen Dichters Jan Wagner ins Niederländische. Zum Beispiel anhand seines Gedichts giersch erklärt sie kleinschrittig, wie sie zu ihrer Übersetzung kam und lässt den ihr anvertrauten Dichter zwischendurch auch ans Rednerpult treten.
Durch den Vertaalbedrijf, die Übersetzungsworkshops, die von Übersetzern von Festivaldichtern geleitet werden, und den Einblicks in die Arbeit der Gruppe rund um das Poettrio Experiment wird die Übersetzungsarbeit, die für die Vorbereitung und Durchführung eines solchen internationalen Festivals geleistet wird, in hohem Maße gewürdigt und in den Festivalalltag integriert.
Neben mehreren langen Abendlesungen, bei denen je drei DichterInnen ihr Werk präsentieren, gibt es auch Veranstaltungen wie das Poëziecafé (moderiert von Maud Vanhauwaert und Thomas Möhlmann, siehe Foto von Stefan Hertmans unten), bei dem Zeit für ausführliche Gespräche, Buchpräsentationen und Lokales ist. Außerdem wird im Rahmen des Festivals der C. Buddingh-Preis für das beste Debüt verliehen (Preisträgerin dieses Jahr ist Vicky Francken für Röntgenfotomodel). Am Abend der Preisverleihung steigt der Anteil der niederländischen DichterInnen im Publikum merklich an.
Link zum Festival

 

 

Wer wie die Festivalleiterin Regina Dyck direkt im Anschluss zu Poetry On The Road in Bremen fährt, dem bleibt nur eine kurze Atempause: Auch hier kommen jährlich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zusammen. Vom 7. bis 12. Juni 2017 konnte das interessierte Publikum Vorträgen und Lesungen lauschen, zum Beispiel von Charlotte Van den Broeck und Connie Palmen.
Link zum Festival

Das Berliner Haus für Poesie, das auch Gastgeber des ZEBRA Film Poetry Festivals war (bis zur ersten Ausgabe in Münster), veranstaltet vom 16. bis 24. Juni 2017 das Poesiefestival Berlin, bei dem unter anderem Arnon Grunberg und Charlotte Van den Broeck zu Gast sein werden. Die beiden eröffneten im Oktober auf beeindruckende Weise gemeinsam die Frankfurter Buchmesse (zum Bericht).
Link zum Festival

Bei all diesen Festivals nehmen die Übersetzungen einen wichtigen Platz ein: Bei Auftritten fremdsprachiger Autoren führt sie zum besseren Verständnis der vorgetragenen Gedichte. Ob die Übersetzung an die Wand projiziert oder vorgelesen wird, wie die Übersetzung vorgelesen wird, ob sie nur in einer Sprache oder wie beim Poetry International Festival nicht nur auf Niederländisch, sondern immer auch auf Englisch verfügbar ist, all das sind Faktoren, die ein Festivalerlebnis mitprägen.
Zugleich sind Festivals eine wichtige Plattform für Übersetzer – sie können sich in die Karten schauen lassen, den Übersetzungsprozess offenlegen, mit anderen Übersetzern diskutieren und neue Autoren kennenlernen, deren Werk sie interessant finden.

Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

Der Verlauf der Jahre. Biopic über Remco Campert

Das Vorprogramm poetry des diesjährigen Lyrikertreffens der Stadt Münster (19.-21.05.) ist in vollem Gange. Teil von poetry ist auch eine Filmreihe des niederländischen Filmemachers John Albert Jansen. In drei Biopics stellt er Wisława Szymborska, Adonis und den berühmten niederländischen Dichter, Kolumnisten und Schriftsteller Remco Campert vor.

Der 1929 geborene Remco Campert war zusammen mit unter anderem Lucebert, Gerrit Kouwenaar, Hugo Claus und Bert Schierbeek Teil der literarischen Bewegung der Vijftigers.
Inzwischen kann er mit einer langen Liste an Publikationen und Preisen aufwarten, die letzte Prosaveröffentlichung war Hôtel du Nord (2013), der letzte Gedichtband trägt den Titel Langs de kaai und erschien in einer kleinen Auflage bei Demian (2016). 2015 wurde Campert der Prijs der Nederlandse Letteren verliehen.

Im Film ist eine Auswahl aus Gedichten aus den folgenden drei Bänden zu hören:

 

Filmemacher John Albert Jansen reist aus Amsterdam an und steht nach dem Film für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18 Uhr im Schloßtheater (Melchersstraße 81, Münster)
Der Film wird im niederländischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.

„Einem Reiher fehlt es an Effizienz.“ Elmar Kuiper in deutscher Übersetzung

Den friesischen Dichter Elmar Kuiper kann man jetzt auch auf Deutsch lesen: Sein erster deutscher Gedichtband da scharwenzeln spottvögel mit der schwerkraft (in Übersetzung von Stefan Wieczorek) ist im März bei Edition Virgines erschienen.

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„Dass Elmar Kuiper Klang und Rhythmus liebt, merkt man schnell, wenn man sich mit seinem Werk beschäftigt. Hinzu kommen Bilder, die sich dem Leser nicht unmittelbar erschließen. Diese starken Bilder sprechen für sich selbst.“, schreibt Geart Tigchelaar im Nachwort des Bandes.

Es liegt nahe, Kuipers Klänge konkret im Vergleich mit der friesischen und niederländischen Version eines Gedichtfragments kennenzulernen:

 


Ik wol de sfear net ferpeste

Myn potlead stammet ôf fan in beam.

Ik neam dyn namme, do stapst
út in skiere wrâld
en komst fleurich op my ta.

In fûgel knip ik út in boekje.
In fûgel plak ik yn in reade loft.

(aus Ut namme van mysels, 2006)


Ik wil de sfeer niet verpesten

Mijn potlood stamt af van een boom.

Ik niem je naam, jij stapt
uit een grauwe wereld
en komt vrolijk naar me toe.

Een vogel knip ik uit een boekje.
Een vogel plak ik in de rode lucht.

(aus Roep de rottweiler op!, 2006)


ich will die stimmung nicht versauen 

mein bleistift stammt von einem baum ab.

ich rufe deinen namen, du trittst aus einer aschgrauen welt
und kommst fröhlich auf mich zu.

einen vogel schneide ich aus einem heft.
einen vogel klebe ich in den roten himmel.

(aus da scharwenzeln spottvögel mit der schwerkraft, 2017)


Auch auf der Leipziger Buchmesse Mitte März war Elmar Kuiper (neben unter anderem Els Moors, Tsead Bruinja und Herman Koch) zu Gast.

Tagung „Fakt und Fiktion“ und Lesung Frank Westerman

Am 26. Januar 2017 fand die Veranstaltung Fakt und Fiktion – Erkundungen der Grenzen kreativer Sachbücher aus unserem Nachbarland Niederlande im Franz-Hitze-Haus in Münster statt.

Fester Bestandteil der niederländischen Literaturlandschaft ist die „literarische Non-Fiktion“, die nicht zuletzt durch Bücher von Autoren wie Frank Westerman und Geert Mak in den Fokus gerückt wird. Während der Veranstaltung konnten die Zuhörer Bekanntschaft mit verschiedensten Herangehensweisen ans Thema machen. Das Verwischen der Grenzen von Fakt und Fiktion beim Schreiben kann sich auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken.
Die Problematik des Begriffes wurde spätestens beim Willkommensgruß von Prof. Dr. Lut Missinne vom Institut für Niederländische Philologie in Münster deutlich. Im deutschen Sprachgebrauch wird eher der Begriff „kreative Sachbücher“ verwendet. Doch wie kann Literatur Wirklichkeit darstellen? Die Spannung zwischen echtheid vs. werkelijkheid zog sich durch alle Vorträge hindurch.

Die Veranstaltung bot drei aufschlussreiche, aber voneinander thematisch unterschiedliche Vorträge an. Der erste Vortrag wurde von Dr. Beatrix van Dam, ebenfalls vom Institut für Niederländische Philologie in Münster, zu dem Thema Belegen oder beleben? Zur Fiktion in der Geschichtsschreibung gehalten. Auch sie stellte heraus, dass es sich bei der literarischen Non-Fiktion oft um Genre-Vermischungen handelt und nicht um die bloße Wiedergabe von Fakten. Anhand von konkreten Textbeispielen aus drei Werken, In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak, Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom und Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck machte sie auf drei verschiedene Erzählformen aufmerksam. Anhand des Werkes Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom zeigte sie das „szenische Erzählen“ auf, welches für die unmittelbare Momentwahrnehmung sorgt, ein Erzählverfahren, um vor allem der Vergangenheit näherzukommen.
Das zweite Beispiel In Europa: Eine Reise durchs 20. Jahrhundert von Geert Mak illustrierte den „overt narrator“. So wird im Werk mit einer Ich-Person im Präsens gearbeitet, diese taucht aber zum Beispiel mithilfe eines historischen Baedeker Paris Reiseführers auch in die Vergangenheit ein. So wird teilweise deutlich das faktuale Niveau überschritten. Dadurch ist es für den Leser nicht ersichtlich, ob es tatsächlich stattgefunden hat.
Beim Werk Kongo: Eine Geschichte von David Van Reybrouck wird mit Augenzeugen und somit mit dem Spiel von Perspektiven gearbeitet. So werden Fakten aus erster Hand erzählt, um eine Annäherung mit der Vergangenheit zu evozieren.
Bei allen drei Werken wurde jeweils eine Verbindung vom Text zum Buchdeckel aufgezeigt, die als Orientierung dienen kann.
Am Ende wurde noch einmal betont, dass es oftmals für den Leser bei der Wahl eines Buches von großer Wichtigkeit ist, ob es sich um Fakt oder Fiktion handelt.

Die zweite Sprecherin, die Belgierin Lieselot de Taeye M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin für Niederländische Literatur an der Freien Universität Brüssel, gab mithilfe ihres Vortrags einen Einblick in ihr Promotionsthema zu dokumentarischen Tendenzen in der niederländischen Literatur der sechziger Jahre. Anhand des Werkes Paris, Mai 1968 von Cees Nooteboom zeigte sie auf, dass der Autor mehrere Genres miteinander kombiniert hat. Das Werk ist eine Sammlung von zwölf Beiträgen Nootebooms für die niederländische Tageszeitung De Volkskrant. De Taeye wies darauf hin, dass Genres oftmals die Erwartungen des Lesers steuern.

Der niederländische Historiker, Journalist und Radiopräsentator Jos Palm aus Amsterdam sprach über sein Buch Moederkerk. Palm erzählte die persönliche Geschichte seiner Mutter (1916–2006), die sehr eng verwurzelt war mit dem Glauben der katholischen Kirche. Trotz der völligen Zuwendung zur katholischen Kirche wollte Palm Momente von Autonomie aufzeigen, wie zum Beispiel den Kommentar seiner Mutter zu einem Absatz in einem Katechismus: übertrieben. Thematisiert wurden unter anderem die Frage nach dem richtigen Schreibstil und der adäquate Umgang mit Quellen.

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Jos Palm, Lut Missinne, Lieselot De Taeye, Beatrix van Dam, Gabriele Osthues

Am Abend versammelten sich die Teilnehmer in der Bibliothek vom Haus der Niederlande zur Lesung des niederländischen Autors Frank Westerman. Sein ins Deutsche übersetztes Buch Reden. Reden? Reden! – Spricht man mit Terroristen? stand im Fokus. Das Gespräch wurde moderiert und gedolmetscht vom Übersetzer Gerd Busse, der vor allem bekannt geworden ist durch die Übersetzung des Romanzyklus Das Büro von J. J. Voskuil und Werken von Willem Elsschot. (Siehe Titelbild: links Gerd Busse, rechts Frank Westerman.)

Im Gespräch mit Westerman wurde eine Vielzahl von Facetten beleuchtet, wie zum Beispiel mit Gesetzesbrechern, gewaltbereiten Menschen und Terroristen umgegangen wird. Bei seinem Perspektivwechsel beschäftigt ihn durchweg die Warum-Frage. Selbst hat Westerman an mehreren Deeskalisationstrainings und Terrorübungen teilgenommen, um den Umgang mit Gewalt auch von der anderen Seite zu verstehen.
In den siebziger Jahren ist Westerman in Drenthe aufgewachsen, wo sich in der Nähe die Zugentführungen durch Molukker ereigneten, und war somit ein Betroffener. Somit beschäftigte sich Westerman mit dem Umgang der niederländischen Regierung mit den Geschehnissen. In diesem Zusammenhang sprach Westerman den „Dutch approach“ an, was so viel bedeutet wie reden, verhandeln und Dialog führen, also der einen gewaltfreien Umgang der Niederlande mit dem damaligen Geschehen vorsah und setzte diesem dem „Russian approach“ gegenüber, der in eine völlig andere Richtung geht, nämlich zu einer konzentrierten Machtausübung. Bei seiner Berichterstattung gehe es Westerman darum, die Wahrheit wiederzugeben, sodass er auch Gefühle und Gedanken der jeweiligen Terroristen in seinem Buch thematisiert. So berichtete er auch vom Gespräch mit einem der involvierten Haupttäter des damaligen Überfalls. Der Terrorist, der während seines Gefängnisaufenthaltes selbst angefangen hat, Gedichte zu schreiben, bestätigt Westermans Denkansatz „de kracht van het woord“. Laut Westerman hat der Terrorist gelernt, sich zu „verwoorden“, also in Wörtern auszudrücken. Er betonte mehrfach „de kracht van het woord“, also die Kraft des Wortes gegenüber der Gewalt. Es ist falsch, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. So liege die wahre Kraft im Stift, also im Ausdruck.
In der Diskussion wurden ebenfalls Vergleiche zum gegenwärtigen Terror in Paris, Brüssel und Berlin gezogen. So müsse man zur aktuellen Situation neue Konzepte und Methoden finden.
Auch wurde die Frage angesprochen, ob es wirklich um ein reines Sachbuch geht oder inwieweit sein Werk literarisch geprägt ist. In diesem Zusammenhang wurde die Frage erörtert, inwieweit er seine historischen Fakten subjektiviert, wie zum Beispiel bei der Wiedergabe von persönlichen Eindrücken der Terroristen.
Abschließend bekräftigte Westerman seine Überzeugung, dass der Stift mächtiger ist als das Schwert.

Dirk Haustein