Archiv der Kategorie: Flandern

Der ostflämische Westflame: Peter Theunynck zu Gast im Haus der Niederlande

Im Wintersemester besuchten die Studenten des Schwerpunkts Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer einen von Anna Carstens geleiteten Übersetzungsworkshop. Anna Carstens hatte hierfür den flämischen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) ausgewählt, aus dem die Studenten Passagen übersetzten und diese im Workshop besprachen und überarbeiteten. Zum Schluss organisierten die Studenten eine Lesung mit dem Autor, der sein umfangreiches Werk präsentierte und den Studenten Rede und Antwort stand – in einem finalen Workshop und während der Lesung.

Von Oktober bis Dezember hatten die Studenten zusammen mit der Übersetzerin Anna Carstens an den Übersetzungen gearbeitet: Zuerst übersetzte jeder Student die ausgewählten Passagen selbst, dann wurden die verschiedenen Fassungen im Workshop verglichen und diskutiert, woraufhin Fusionsfassungen in Gruppen angefertigt wurden, die ebenfalls mehrmals überarbeitet wurden. Eine Gruppe von drei Studenten fertigte schließlich eine finale Version aus den überarbeiteten Fusionsfassungen an, welche im kommenden Jahr in der Zeitschrift nachbarsprache niederländisch veröffentlicht wird. Doch auch das längste Grübeln – selbst in der Gruppe – führt nicht immer zum perfekten Resultat, weshalb die Studenten gerne noch einmal mit dem Autor selbst sprechen wollten. Wenn einer wissen konnte, was mit genau diesem Wort gemeint sein sollte, war das wohl der Autor selbst.

Am 24. Januar reiste Peter Theunynck, der vor allem für seine Biografie über Karel van de Woestijne und seine preisgekrönten Gedichte bekannt ist, nach Münster, um seinen Debütroman De Slembroucks im Rahmen einer Lesung zu präsentieren und vorab in einem Workshop mit den Studenten die letzten Fragen zu den übersetzten Passagen zu besprechen. Ein Satz, bzw. eine Formulierung hatte die Gruppe während des Semesters besonders lange beschäftigt: „Ze verdedigt haar petekind als een vossenmoer en ze zingt overal en altijd vurig zijn lof.“ Dieser Satz handelt von einer Tante, die ihr Patenkind stets verteidigt und es immer in den höchsten Tönen lobt. Inhaltlich machte der Satz keine Probleme, das Wort „vossenmoer“ irritierte die jungen Übersetzer dann aber doch – „Fuchsmutter“ wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. Eine Fuchsmutter ist im deutschen Sprachraum jedoch nicht dafür bekannt, ihre Kinder besonders kämpferisch zu verteidigen. Der Fuchs an sich steht vor allem für seine Schläue und seine Listigkeit, doch diese Attribute trafen überhaupt nicht auf die besagte Tante zu. Zusammen entschied sich die Gruppe für ein anderes Tier, für die Wolfsmutter: „Sie verteidigt ihr Patenkind wie eine Wolfsmutter ihre Welpen und sie singt immer und überall inbrünstig Lobeshymnen auf ihn.“ Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt, erschien den Studenten passender, waren Wölfe doch Rudeltiere. Gleichzeitig passte die Alliteration „Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt“ gut zum poetischen Stil Theunyncks. Beim Übersetzen muss jedoch immer überlegt werden, ob die Abweichung vom Original gerechtfertigt ist, und so sollte der Autor selbst zu seiner besonderen Wortwahl befragt werden. Theunynck erzählte, dass er in Ostflandern aufgewachsen ist, seine Eltern aber aus Westflandern kamen. Ganz sicher war er sich selbst nicht, doch könne das Wort „vossenmoer“ ein Wort aus dem westflämischen Dialekt sein, es bedeute so viel wie „Urmutter“, so Theunynck. Mit der Übersetzung der Studenten war er sehr zufrieden, tatsächlich stellte er seine Wortwahl sogar selbst kurz infrage. Während des Workshops ging der Autor nicht nur auf diese Frage, sondern auf alle Fragen offen ein, ermutigte die Studenten zu weiteren Fragen und erzählte unterhaltsame Anekdoten zu der Entstehung des Romans. Und so konnten auch die letzten Übersetzungshürden erfolgreich genommen werden, sodass einer Veröffentlichung der übersetzten Passagen nichts mehr im Wege steht.

 

Kurze Zeit später sollte die intensive Arbeit mit einer Lesung gekrönt werden, die nicht nur Peter Theunynck die Möglichkeit gab, seinen Roman einem deutschen Publikum vorzustellen, sondern bei der die Übersetzungen der Studenten das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickten.
Den Abend selbst hatten sechs Masterstudenten vollkommen selbstständig organisiert. Auch die Durchführung lag in der Hand der Studenten. So nahmen neben Peter Theunynck Anna Eble als Dolmetscherin und Thomas Altefrohne sowie Lisa Mensing als Moderatoren auf der Bühne Platz. Zum Einstieg wurde die erste Passage vorgelesen: Peter Theunynck las das niederländischsprachige Original, Anna Delorme die deutsche Übersetzung. Danach erzählte Theunynck dem Publikum, was die Unterschiede im Schreibprozess von Poesie und Prosa waren und wie sein Dichterdasein seinen Familienroman beeinflusst hat, um danach einige Gedichte vorzutragen. Theunynck erzählte zu jedem Gedicht eine Geschichte, wodurch die Gedichte (auch für das nicht-niederländischsprachige Publikum) fühlbar und greifbar wurden. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Theunyncks Liebe für Thomas Manns Die Buddenbrooks und den kanadischen Sänger Leonard Cohen deutlich und auch die unbändige Vielseitigkeit des flämischen Autors stand im Fokus, als über den Roman (und weitere Romanpläne), Gedichtbände und seine Graphic Novels gesprochen wurde. Dank der Vielseitigkeit und Offenheit des Autors konnte ein ebenso vielseitiges Programm auf die Bühne gebracht werden.

 

Nach einem zweistündigen Programm schienen alle Parteien zufrieden zu sein – Peter Theunynck hatte das Publikum für sich gewonnen, beantwortete ausführlich alle Fragen und signierte gekaufte Bücher, die Masterstudenten hatten anscheinend einen erfolgreichen Abend organisiert und zum ersten Mal die eigenen Übersetzungen in die Öffentlichkeit getragen und konnten aufatmen. Außerdem wussten sie endlich, dass hinter der vermeintlich mysteriösen vossenmoer gar kein Geheimnis steckte – und dass der Autor, mit dessen Text sie sich so intensiv auseinandergesetzt hatten, ein sehr sympathischer Schriftsteller ist, der den Dialog mit Übersetzern schätzt – so hatte an diesem Abend eine doppelte, positive Entmystifizierung stattgefunden.

Die Lesung wurde von den folgenden Studenten organisiert und durchgeführt: Thomas Altefrohne, Anna Delorme, Anna Eble, Elena Langner, Lisa Mensin und Lars Unland

An der Übersetzung mitgewirkt haben außerdem: Jasmine Benning, Dirk Haustein, Lisa Luks und Lisa Swager

 

Lisa Mensing

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Lesung mit Peter Theunynck: „De Slembroucks“

Foto: © Wit-lof

Der flämische Dichter und Schriftsteller Peter Theunynck ist am 24. Januar 2018 zu Gast in Münster und stellt um 19 Uhr in der Bibliothek im Haus der Niederlande seinen 2016 erschienenen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) vor.

Theunynck wird dabei von Studierenden des Masters „Interdisziplinäre Niederlandistik“ vom Institut für Niederländische Philologie begleitet.  Sie werden ins Deutsche übersetzte Fragmente des Romans vorlesen, die unter Anleitung der Übersetzerin Anna Carstens entstanden sind.

Peter Theunynck ist freiberuflicher Dichter, Schriftsteller und Biograf. Nach seiner renommierten Biografie über Karel Van de Woestijne erschien 2016 sein Romandebüt De Slembroucks, eine virtuos geschriebene Geschichte, die ein poetisches Zeitbild einer flämischen Familie der Nachkriegszeit zeichnet: Während die Arbeit als Fahrradmechaniker das Ideal des Vaters bleibt, formen Religion und ein beinahe krankhaftes Streben nach einer höheren gesellschaftlichen Stellung das Lebensziel der Mutter, das sie durch ihre Söhne Gust und Anton zu erreichen versucht. Doch als plötzlich eine Cousine auf der Bildfläche erscheint und nach und nach Familiengeheimnisse gelüftet werden, laufen alle Pläne aus dem Ruder. Es entsteht eine vielschichtige Problematik, die Theunynck in 21 Kapiteln gekonnt in Szene setzt.

Die Masterstudierenden setzten sich in einem Workshop mit der Übersetzerin Anna Carstens mit Auszügen des Romans auseinander. Dabei wurde dieser literarisch anspruchsvolle und poetische Text gemeinsam in eine stilistisch angemessene deutsche Übersetzung übertragen. Die Lesung wird dabei durch ein Gespräch mit dem Autor ergänzt.

Die Veranstaltung wird in deutscher und niederländischer Sprache stattfinden.

Mittwoch, den 24. Januar 2018, 19 Uhr s.t.
Bibliothek im Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, Münster

Der Eintritt ist frei!

Wieder zu Gast in Münster: Stefan Hertmans

Wie schon vor einigen Jahren dürfen wir am 30.09.2017 den flämischen Schriftsteller Stefan Hertmans begrüßen, dessen Roman Oorlog en terpentjin (2013) auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde (Der Himmel meines Großvaters (2014), Übersetzung Ira Wilhelm).

Dieses Mal sind es ganze zwei Veranstaltungen, für die Hertmans anreist: Zum einen die deutsche Uraufführung der Antigone in Molenbeek, zum anderen eine Lesung aus seinem neuesten Roman De bekeerlinge (2016), auf Deutsch Die Fremde (2017, Übersetzung Ira Wilhelm).

Uraufführung des Stücks Antigone in Molenbeek
Sa., 30. September 2017, 18 Uhr
Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1, 48149 Münster

Lesung mit Stefan Hertmans aus seinem Roman Die Fremde
So, 1. Oktober 2017, 11 Uhr
Theatertreff, Neubrückenstraße 63, 48143 Münster

Tickets je 7/5€

 


Aus der Veranstaltungsreihe „Paris, Palmyra“ des Literaturvereins Münster e.V.

In einem „Prolog“ zu dieser Reihe hatte der Literaturverein vor einigen Wochen die von Frank-Walter Steinmeier veranlasste Anthologie Glückliche Wirkungen vorgestellt. Für diese Anthologie aus sämtlichen Mitgliedsstaaten der OSZE hatte Stefan Hertmans einen Auszug aus seinem Theatermonolog Antigone in Molenbeek beigetragen. In einer Vorbemerkung leitete die Mitherausgeberin Alida Bremer, Münster, dieses Fragment so ein: „Der Brüsseler Bezirk Molenbeek ist als eine Hochburg des lslamismus bekannt. Hier, wo ‚totes Wasser in alten Bleirohren singt‘, lebt Nuria, die in Brüssel Jura studiert und stolz auf ihren belgischen Pass ist. Doch ihre Schwesterliebe macht sie zu einer Antigone, der berühmten tragischen Gestalt der treuen Schwester aus dem altgriechischen Drama. So hilft uns die Literatur, über alle Grenzen hinweg wahrzunehmen, was wir lieber verdrängen wollen.“

In deutscher Uraufführung präsentieren die Schauspieler Carolin Wirth und Carsten Bender die Antigone in Molenbeek. Sie tun das in einer Umgebung, die zum Assoziationsraum dieses Stückes gehört: am 30. September 2017 um 18 Uhr Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1 (Buslinien 11, 12, 13, 14, 22, 34: Haltestellen Domagkstraße, Jungeblodtplatz, Chirurgie). Der Autor wird anwesend sein.

Stefan Hertmans gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Belgiens; die „New York Times“ hat seinen ins Englische übersetzen Roman „Der Himmel meines Großvaters” zu den 10 besten Büchern des Jahres 2016 gezählt. Soeben ist Hertmans in der Schweiz für seinen neuen Roman „Die Fremde“ mit dem renommierten „Spycher: Literaturpreis Leuk“ ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heißt es, Stefan Hertmans sei ein wahrhaft europäischer Schriftsteller, ein Belgier, der auf Niederländisch schreibt und in Brüssel und in Südfrankreich lebt. Mit Präzision und Empathie zeige er, wie die Wucht der Geschichte in Biographien eingreift: „Stefan Hertmans verfasst keine historischen Romane im klassischen Sinn: Zum einen, weil er sein Schreiben aus heutiger Sicht reflektiert, zum anderen, weil Glaubenskriege, Flucht und Ausgrenzung als Stoffe so relevant und aktuell sind wie eh und je.“ Aus dem jenem neuen Roman „Die Fremde“ wird Stefan Hertmans am Tag nach der Aufführung seiner „Antigone“ lesen, am Sonntag, den 1. Oktober, um 11 Uhr im Theatertreff.
Als Hertmans erfährt, dass seine zweite Heimat, der Ort Monieux in Frankreich, vor tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch die Kreuzritter war, begibt er sich auf Spurensuche. Unter den Überlebenden soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Diese historisch verbürgte Figur lässt ihn nicht mehr los, er begibt sich auf eine Spurensuche. Lothar Müller, der Laudator des Spycher Preises, hat den Roman als ein „Vergegenwärtigungsprojekt“ bezeichnet. Nie mache die fiebrige Einbildungskraft Hertmans‘ ein Hehl daraus, dass sie ein mögliches in ein wirkliches Geschehen verwandele: „Sie schöpft aus historischem Wissen, wenn sie das Europa der christlichen Mobilmachung als eine Gefahrenzone vor Augen stellt, aus der die Fluchtwege nicht hinausführen. Aber die Unruhe dieses Autors ist aus der Gegenwart Europas hervorgegangen.“

 

Foto: Mirjam Devriendt

Poesiefestivals – Review und Preview

Der Mai und der Juni sind besonders umtriebige Monate, was deutsche und niederländische Poesiefestivals angeht. In einer kleinen Übersicht präsentieren wir hier vier kleinere und größere Events, die einen (alljährlichen) Besuch wert sind.

Im Falle des Lyrikertreffens Münster ist ebendieses Vorhaben leider ein Ding der Unmöglichkeit: Nur alle zwei Jahre findet das Lyrikertreffen statt, dieses Jahr vom 19.-21. Mai 2017. Das ausführliche Vorprogramm POETRY erwähnten wir bereits – einen Bericht zum Stummfilmabend des niederländischen Dichters Erik Lindner finden Sie hier.
Außer Erik Lindner sind dieses Jahr noch fünf weitere niederländischsprachige Gäste eingeladen: Frank Keizer, Tsead Bruinja, Lies Van Gasse, Els Moors und Broeder Dieleman, die zusammen mit dem in den Niederlanden lebenden Musiker Jan Klug ihr Programm „Songs, Grooves & Gedachte“ aufführen, mit dem sie schon im Oktober vergangenen Jahres in Münster auftraten. Wir berichteten an dieser Stelle.
Das Lyrikertreffen beginnt mit einem Abendessen, bei dem sich die DichterInnen und ihre DolmetscherInnen, die Organisierenden und die LehrerInnen kennenlernen können, bei denen Schullesungen stattfinden, und endet am Sonntag, den 21. Mai mit der Preisverleihung des Lyrikpreises der Stadt Münster an Jon Fosse und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband Diese unerklärliche Stille / Denne uforklarlege stille, der 2015 bei Kleinheinrich erschienen ist.
Die Tage dazwischen sind mit einem Reichtum an Veranstaltungen gefüllt, von besagten Schullesungen (schulinterne Berichte zu den Lesungen von Frank Keizer und Erik Lindner) über Rahmenveranstaltungen von Hans-Dieter Gelfert und Marcel Beyer bis zu den beiden großen Abendlesungen, bei denen alle Lyriker und Lyrikerinnen auftreten.
Link zum Festival

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Frank Keizer am Mikrofon, Broeder Dieleman am Banjo

 

Das größte Poesiefestival der Niederlande, das Poetry International Festival in Rotterdam, hat in den letzten Jahren zwar abgespeckt, ist aber mit einer diesjährigen Laufdauer vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2017 und mit zwanzig eingeladenen DichterInnen immer noch eine enorm große Veranstaltung. Aus dem niederländischsprachigen Raum sind zu Gast: Mischa Andriessen, Hannah van Binsbergen, Cees Nooteboom (Kurzbericht zur Lesung im September 2016 in Münster) und Stefan Hertmans, den wir schon einmal im Haus der Niederlande begrüßen durften (mehr dazu hier).
Im Rahmen eines in den Niederlanden stattfindenden Festivals lässt sich nicht viel zu Übersetzungen ins Deutsche sagen, doch der Transfer funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Im sogenannten Vertaalbedrijf sprechen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit. Neben anderen Top-Übersetzern (Kim Andringa, Arie Pos und Tsead Bruinja) spricht auch Ria van Hengel, die Übersetzerin des deutschen Dichters Jan Wagner ins Niederländische. Zum Beispiel anhand seines Gedichts giersch erklärt sie kleinschrittig, wie sie zu ihrer Übersetzung kam und lässt den ihr anvertrauten Dichter zwischendurch auch ans Rednerpult treten.
Durch den Vertaalbedrijf, die Übersetzungsworkshops, die von Übersetzern von Festivaldichtern geleitet werden, und den Einblicks in die Arbeit der Gruppe rund um das Poettrio Experiment wird die Übersetzungsarbeit, die für die Vorbereitung und Durchführung eines solchen internationalen Festivals geleistet wird, in hohem Maße gewürdigt und in den Festivalalltag integriert.
Neben mehreren langen Abendlesungen, bei denen je drei DichterInnen ihr Werk präsentieren, gibt es auch Veranstaltungen wie das Poëziecafé (moderiert von Maud Vanhauwaert und Thomas Möhlmann, siehe Foto von Stefan Hertmans unten), bei dem Zeit für ausführliche Gespräche, Buchpräsentationen und Lokales ist. Außerdem wird im Rahmen des Festivals der C. Buddingh-Preis für das beste Debüt verliehen (Preisträgerin dieses Jahr ist Vicky Francken für Röntgenfotomodel). Am Abend der Preisverleihung steigt der Anteil der niederländischen DichterInnen im Publikum merklich an.
Link zum Festival

 

 

Wer wie die Festivalleiterin Regina Dyck direkt im Anschluss zu Poetry On The Road in Bremen fährt, dem bleibt nur eine kurze Atempause: Auch hier kommen jährlich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zusammen. Vom 7. bis 12. Juni 2017 konnte das interessierte Publikum Vorträgen und Lesungen lauschen, zum Beispiel von Charlotte Van den Broeck und Connie Palmen.
Link zum Festival

Das Berliner Haus für Poesie, das auch Gastgeber des ZEBRA Film Poetry Festivals war (bis zur ersten Ausgabe in Münster), veranstaltet vom 16. bis 24. Juni 2017 das Poesiefestival Berlin, bei dem unter anderem Arnon Grunberg und Charlotte Van den Broeck zu Gast sein werden. Die beiden eröffneten im Oktober auf beeindruckende Weise gemeinsam die Frankfurter Buchmesse (zum Bericht).
Link zum Festival

Bei all diesen Festivals nehmen die Übersetzungen einen wichtigen Platz ein: Bei Auftritten fremdsprachiger Autoren führt sie zum besseren Verständnis der vorgetragenen Gedichte. Ob die Übersetzung an die Wand projiziert oder vorgelesen wird, wie die Übersetzung vorgelesen wird, ob sie nur in einer Sprache oder wie beim Poetry International Festival nicht nur auf Niederländisch, sondern immer auch auf Englisch verfügbar ist, all das sind Faktoren, die ein Festivalerlebnis mitprägen.
Zugleich sind Festivals eine wichtige Plattform für Übersetzer – sie können sich in die Karten schauen lassen, den Übersetzungsprozess offenlegen, mit anderen Übersetzern diskutieren und neue Autoren kennenlernen, deren Werk sie interessant finden.

Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können

Vier Künstler und eine Stadt. Das Ergebnis: Wundervoll verschiedene Texte und Bilder über Münster.

Die belgische Organisation deBuren hat im Rahmen von Citybooks vier Künstler ausgewählt, die über Münster schreiben und die Stadt fotografieren durften. Zuerst residierte die niederländische Fotografin Sofie Knijff zwei Wochen lang in Münster, darauf folgte die junge Flämin Carmien Michels und schließlich besuchte auch der niederländische Dichter Erik Lindner die Stadt. Die Residenz der deutsch-kroatischen Autorin Alida Bremer dauert nun schon mehrere Jahrzehnte an. Am 15. November 2016 wurden die vier Künstler erneut nach Münster eingeladen, um die Ergebnisse ihrer Residenz vorzustellen.

Schon während der Einleitung des Vorsitzenden des Literaturvereins Hermann Wallmann und Willem Bongers-Dek von deBuren richteten sich die Blicke des Publikums stur geradeaus – dabei standen die beiden Redner doch rechts von der Bühne. Links neben ihnen, über der Bühne, wurden jedoch schon die Bilder von Sofie Knijff an die Wand projiziert, Bilder, auf denen Menschen zu sehen waren. Pro Bild ein Mensch. Immer mit dem gleichen Hintergrund, immer gleich beleuchtet, doch immer in einer anderen Pose. Ernst haben sie geschaut, die Portraitierten. Nicht aufgesetzt ernst, sondern mit einem Ernst in den Augen, der das Leben widerspiegelt. Sofie Knijff hat mit ihren Portraits die Vielfalt, die in Münster lebt, abgebildet und dabei jeden Menschen gleichwertig und wirkend inszeniert. In den Gesichtern kann man Geschichten lesen, Geschichten über das Vergangene, über das Hier und Jetzt, über Münster und über die Menschen, die in dieser Stadt leben, Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können.

Schließlich werden die Bilder ausgeblendet, denn die erste Autorin betritt zusammen mit Anna Eble, die dolmetschend allen zur Seite steht und die deutschen Übersetzungen der Texte liest, die Bühne. Die Slam-Poetin Carmien Michels liest das Intro ihrer Kurzgeschichte Niet lang meer vor, und springt gekonnt zwischen Münsteraner Idylle und Kriegsvergangenheit hin und her. Glaubt man sich erst in einer friedvollen Szenerie wiederzufinden, nimmt Michels die Vergangenheit Münsters Schicht für Schicht, Stein für Stein auseinander, um uns daran zu erinnern, wie es war, und wie es immer wieder sein könnte. Ausgehend vom Gesamtbild der Stadt wagt sich Michels immer näher an das Individuum heran, wählt sich eine junge Frau zur Protagonistin, und scheut sich nicht vor Grenzüberschreitungen, vor dem Heraustreten aus der Komfortzone der Münsteraner. Die Waage kann in dieser Geschichte jederzeit kippen, vom Frieden zum Krieg. Mit Niet lang meer hat Michels ein aktuelles Thema auf die Stadt Münster übertragen, und führt den Hörern vor, wie wertvoll das, was wir haben, doch ist.

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Carmien Michels, Hermann Wallmann. Foto: Ali el Baya

Erik Lindner wählt die Worte, die Buchstaben in seinen Gedichten so präzise, dass sie den Rhythmus des Gedichtes, den Takt vorgeben. Wie ein Musiker spielt Lindner mit seinem Gedicht, gekonnt liest er stakkato und legato und ein Sog entsteht, der den Leser, der vor allem aber den Hörer in seinen Bann schlägt. Liebt man das Niederländische noch nicht, so sollte man ihm doch völlig verfallen, wenn man Lindner dabei zuhört, wie er die Laute seiner Sprache spricht, wie er sie formt und ihnen Kraft verleiht, wie allein durch den Klang der Sinn entsteht, und man es nur wirken lassen muss, um es zu verstehen. Mit Roeiers op de Aasee hat Lindner Münster nun ein solches Gedicht geschenkt, ein Gedicht, das auf Münster eingeht, ohne Klischees zu bedienen, das Bilder zeichnet, die diese Stadt zeigen, und doch eine ganz eigene Geschichte erzählen.
Wandernd hat Lindner die Stadt eingenommen, jede Straße, jeden Winkel hat er mit seinen Sohlen betreten. Immer aufmerksam, die Stimmung der Stadt einatmend, hat er schließlich die niederländische Sprache und seine Poesie wie ein feines Netz über die Stadt gelegt und dieses intensive Gedicht geschrieben.

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Erik Lindner. Foto: Ali el Baya

Alida Bremer ist eine kroatisch-deutsche Autorin und Übersetzerin, die schon lange in Münster lebt und arbeitet. Die Ausgangssituation war für sie deshalb natürlich eine andere als bei den niederländischsprachigen Gästen. So setzt sich ihre Kurzgeschichte auch thematisch ab und greift das Ankommen in Münster, das Fremdeln und das Zusammenwachsen mit der Stadt, mit den Menschen auf. Die Sehnsucht nach dem Wasser, nach dem Meer verzehrte sie anfangs, bis sie einen ehemaligen Marineoffizier traf, der ihr riet, zur Nordsee zu fahren, mit dem sie sich anfreundete, und der ihr zeigte, dass die westfälische Verschlossenheit sich in eine herzliche, warme Freundschaft wandeln kann. Aus dem Blickwinkel der Einheimischen in der Fremde führt sie dem Hörer die kleinen Macken und die großen Stärken Münsters vor, zaubert ein Lächeln in die Gesichter und zeichnet ihre autobiografische, herzergreifende Geschichte nach. Ein schöner Abschluss eines gelungenen Abends.

Die im Rahmen von Citybooks entstandenen Texte und Fotos über Münster (und über viele andere Städte) können in Kürze unter www.citybooks.eu eingesehen und als Audiodateien heruntergeladen werden.
Die Fotos von Sofie Knijff und das Gedicht von Erik Lindner sind bereits online.
Lisa Mensing

Links:

Website Citybooks
Website Sofie Knijff
Website Carmien Michels
Website Erik Lindner
Website Alida Bremer
Website Literaturverein Münster

Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven am 14. November in der Stadtbücherei

Als erbitterte Buchstabierrivalen werden Gerbrand Bakker und Diane Broeckhoven vom Moderator Hermann Wallmann mit einem Augenzwinkern vorgestellt, weil sie sich einst in einer TV-Sendung duellierten. Während der Lesung verstehen sich die flämische Autorin und der niederländische Autor dann aber doch ganz gut, ergänzen sich Bakkers direkte Art und Broeckhovens sanftere Zurückhaltung doch perfekt zu einem literarischen Duo.

Gerbrand Bakker stellt an diesem Abend sein jüngstes Buch Jasper und sein Knecht vor, und ich wähle das undefinierte Wort „Buch“ bewusst, denn schon entsteht eine erste Diskussion über das Textgenre dieser Veröffentlichung. Während der niederländische Text in der Reihe „privé-domein“ erschienen ist, eine in den Niederlanden bekannte, eindeutig autobiografische Veröffentlichungsreihe, steht auf der deutschen Version des Suhrkamp-Verlags schlicht…nichts. Der Name des Autors, der Titel, kein Genre. Kein Roman, kein Tagebuch. Doch ist Bakkers Jasper und sein Knecht genau das, eine autobiografische Erzählung, ein Tagebuch, denn, so Bakker, er könne keine Romane mehr schreiben. Also schreibt er über sein Leben in der Eifel, über das Leben, das er zusammen mit seinem Hund Jasper führt und über das Leben, das gewesen ist.

Die von Bakker im Deutschen vorgelesenen Ausschnitte verdeutlichen ziemlich schnell, wie intensiv und gefühlvoll die Geschichte von Jasper und seinem Knecht ist. Die kurzen Passagen ziehen den Hörer direkt in ihren Bann, während Bakker schildert, wie ein Leben mit Depressionen aussieht und wie es sich von dem Leben „fröhlicher“ Menschen unterscheidet. Im Gegensatz zum depressiven Mensch müsse sich ein positiver, lebensbejahender Mensch nie für seine (gute) Laune rechtfertigen. Wahre Worte, die man in Bakkers neuester Veröffentlichung häufig finden kann.

Diane Broeckhoven präsentiert ihren neuen Roman Was ich noch weiß – hier ist das Genre eindeutig, das Wort Roman steht auf dem Buchumschlag. Auch die Frage Bakkers, ob sich hier denn nicht auch autobiografische Passagen verstecken würden, verneint Broeckhoven, es sei einfach ein Roman. Eine Geschichte von Mutter und Sohn, die nach dem Schlaganfall der Mutter neue Richtungen einschlägt. Einfühlsam, doch niemals kitschig, haucht Broeckhoven den Protagonisten und der Mutter-Sohn-Beziehung beim Vorlesen Leben ein, lässt sie vor dem inneren Auge des Hörers plastisch werden, wenn sie das Leben so beschreibt, wie es sein kann, wie es ist. Broeckhoven hat ein Gespür für feine Nuancen und wundervolle Details, die Was ich noch weiß zu einer ganz besonderen Geschichte machen.

Das Zusammenspiel zwischen Bakker und Broeckhoven funktioniert an diesem Abend perfekt, auf beiden Seiten werden Anekdoten zum Besten gegeben: von unverständlich „Eiflisch“-sprechenden Eifelbewohnern, von panischen Schüler-E-Mails, in denen komplizierte Fragen zu den Büchern gestellt werden, die die Autoren selbst nicht beantworten können, und vom immer gegenwärtigen Thema – dem Schreiben.  So entstand ein lebendiger, diskussionsfreudiger und vor allem literarischer Abend in der Stadtbücherei.

Lisa Mensing

 

Gerbrand Bakker stellte die deutsche Übersetzung seines Buchs Jasper en zijn knecht (2016) vor: Jasper und sein Knecht, im September bei Suhrkamp erschienen, Übersetzung: Andreas Ecke.
Auch Diane Broeckhovens Buch Wat ik nog weet (2013) ist diesen September in deutscher Übersetzung erschienen (Was ich noch weiß, C.H.Beck, übersetzt von Isabel Hessel).

Frankfurt 2016. Ein Bericht.

Die Frankfurter Buchmesse lässt sich nicht einmal annähernd in Gänze erfassen, geschweige denn beschreiben. Allein die Veranstaltungen des Ehrengasts (Flandern und die Niederlande), die nur einen Bruchteil des gesamten Angebots ausmachen, bieten ein 5 Tage mehr als ausfüllendes Programm. – Für Interessierte an niederländischsprachiger Literatur und all ihren Ausläufern eine so schnell nicht wiederkehrende Goldgrube an Autorenlesungen, Interviews, Gesprächen und vielfältigem Rahmenprogramm. Eine solch hohe Dichte von Literaten und anderen Mitgliedern des Literaturbetriebs findet man selten, wohl nie, zumindest nicht außerhalb von Amsterdam.

Letztendlich ist die Buchmesse vielleicht eine Ansammlung von Sätzen und kurzen Sequenzen, Bildern, die im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht kann schon eine kleine Anzahl solcher Blitzlichter ausreichen, um einen Einblick in die Welt des „weltgrößten Event der Publishing-Welt“ zu geben, wie sich die Buchmesse wenig literarisch selbst nennt.

Frankfurt 2016 ist, wenn Joost de Vries in seinem Tribut an Harry Mulisch über seinen jüngst auf Deutsch erschienenen Roman sagt: „Writing De Republiek was so much fun it should be illegal“.

Wenn man von Elvis Peeters erfährt, dass Hugo Claus ihn ein Jahr seines Lebens gekostet hat, weil er nur noch seine Romane las anstatt für seine Abschlussprüfung zu lernen und ein ganzes Schuljahr wiederholen musste.

Wenn Arnon Grunberg in einem Gespräch über Moedervlekken und das Buch seiner Mutter Hannelore Grünberg-Klein ganz andere Töne anschlägt und die Frage stellt, ob nicht Sterben Leben genug ist.
Wenn das Gespräch viel länger dauert als veranschlagt war und Katharina Borchardt mehrmals rabiat abgewunken wird, zur Freude der Zuhörer aber lieber noch ein wenig plaudert.

Wenn Adriaan van Dis den Nederlandse Spoorwegen nachsagt, sie würden Verspätungen absichtlich generieren, schließlich seien Staus und ähnliche Situationen gut für die Literatur, weil sie Kreativität Raum geben.
Oder wenn er mit Charlotte Van den Broeck darüber spricht, wie viel schöner das in Flandern verbreitetere „vertrappelen“ klingt als das in den Niederlanden gebräuchliche „vertrappen“. Vertrappelen, das ist nämlich, was ein tanzender Elefant im Zug notgedrungen mit den Passagieren macht.

Wenn sich eine belgische Besucherin der Buchmesse ein niederländischsprachiges Gedicht lieber auf Deutsch vorlesen lässt, weil sich das so schön anhört.

Und wenn sich wiederum Tommy Wieringa darüber auslässt, dass Deutsch keine Sprache, sondern Mathematik ist. Außerdem gebe es in den Niederlanden keinen Raum für Abenteuer, man stoße überall auf etwas Menschliches.

Wenn Gustaaf Peek philosophiert: „Wenn man einmal glücklich ist, dann wird man hungrig nach noch mehr Glück. Ist es also konstruktiv, Glück zu haben? Aber was haben wir schon für eine Wahl.“

Und wenn Herman Koch erzählt, dass er so viel Distanz zu seinem Geschriebenen gewinnt, dass er, wenn er eine deutsche Übersetzung in den Händen hält, denkt: „Das ist wirklich kein schlechter Autor. Oh, das bin ja ich!“

Wenn der Gastlandpavillon laut einiger Besucher der einzige Ort auf der Messe ist, der einem Ruhe und eine kleine Verschnaufpause gönnt. Das Meerpanorama in sanfter Beleuchtung, die Liegestühle, der gelegentliche Klang herunterfallender Bücher hinter den Stoffbahnen…

Und wenn am Sonntag um 18 Uhr langsam die Stoffverkleidung vom Messeboden geschnitten wird und die Stände plötzlich leer sind und man sich von nun an nicht mehr mit dem Erleben der Buchmesse, sondern nur noch mit ihrer Nacharbeitung beschäftigen kann.

 

Auch lesenswert: Die Schreibszene Frankfurt hat Besuchern und Mitwirkenden der Messe die Möglichkeit gegeben, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben. Ziel des Projekts war es, die Beobachtenden wiederum in ihrem Schreibprozess zu beobachten. Nachzulesen hier.