Archiv der Kategorie: Bücher

Der ostflämische Westflame: Peter Theunynck zu Gast im Haus der Niederlande

Im Wintersemester besuchten die Studenten des Schwerpunkts Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer einen von Anna Carstens geleiteten Übersetzungsworkshop. Anna Carstens hatte hierfür den flämischen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) ausgewählt, aus dem die Studenten Passagen übersetzten und diese im Workshop besprachen und überarbeiteten. Zum Schluss organisierten die Studenten eine Lesung mit dem Autor, der sein umfangreiches Werk präsentierte und den Studenten Rede und Antwort stand – in einem finalen Workshop und während der Lesung.

Von Oktober bis Dezember hatten die Studenten zusammen mit der Übersetzerin Anna Carstens an den Übersetzungen gearbeitet: Zuerst übersetzte jeder Student die ausgewählten Passagen selbst, dann wurden die verschiedenen Fassungen im Workshop verglichen und diskutiert, woraufhin Fusionsfassungen in Gruppen angefertigt wurden, die ebenfalls mehrmals überarbeitet wurden. Eine Gruppe von drei Studenten fertigte schließlich eine finale Version aus den überarbeiteten Fusionsfassungen an, welche im kommenden Jahr in der Zeitschrift nachbarsprache niederländisch veröffentlicht wird. Doch auch das längste Grübeln – selbst in der Gruppe – führt nicht immer zum perfekten Resultat, weshalb die Studenten gerne noch einmal mit dem Autor selbst sprechen wollten. Wenn einer wissen konnte, was mit genau diesem Wort gemeint sein sollte, war das wohl der Autor selbst.

Am 24. Januar reiste Peter Theunynck, der vor allem für seine Biografie über Karel van de Woestijne und seine preisgekrönten Gedichte bekannt ist, nach Münster, um seinen Debütroman De Slembroucks im Rahmen einer Lesung zu präsentieren und vorab in einem Workshop mit den Studenten die letzten Fragen zu den übersetzten Passagen zu besprechen. Ein Satz, bzw. eine Formulierung hatte die Gruppe während des Semesters besonders lange beschäftigt: „Ze verdedigt haar petekind als een vossenmoer en ze zingt overal en altijd vurig zijn lof.“ Dieser Satz handelt von einer Tante, die ihr Patenkind stets verteidigt und es immer in den höchsten Tönen lobt. Inhaltlich machte der Satz keine Probleme, das Wort „vossenmoer“ irritierte die jungen Übersetzer dann aber doch – „Fuchsmutter“ wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. Eine Fuchsmutter ist im deutschen Sprachraum jedoch nicht dafür bekannt, ihre Kinder besonders kämpferisch zu verteidigen. Der Fuchs an sich steht vor allem für seine Schläue und seine Listigkeit, doch diese Attribute trafen überhaupt nicht auf die besagte Tante zu. Zusammen entschied sich die Gruppe für ein anderes Tier, für die Wolfsmutter: „Sie verteidigt ihr Patenkind wie eine Wolfsmutter ihre Welpen und sie singt immer und überall inbrünstig Lobeshymnen auf ihn.“ Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt, erschien den Studenten passender, waren Wölfe doch Rudeltiere. Gleichzeitig passte die Alliteration „Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt“ gut zum poetischen Stil Theunyncks. Beim Übersetzen muss jedoch immer überlegt werden, ob die Abweichung vom Original gerechtfertigt ist, und so sollte der Autor selbst zu seiner besonderen Wortwahl befragt werden. Theunynck erzählte, dass er in Ostflandern aufgewachsen ist, seine Eltern aber aus Westflandern kamen. Ganz sicher war er sich selbst nicht, doch könne das Wort „vossenmoer“ ein Wort aus dem westflämischen Dialekt sein, es bedeute so viel wie „Urmutter“, so Theunynck. Mit der Übersetzung der Studenten war er sehr zufrieden, tatsächlich stellte er seine Wortwahl sogar selbst kurz infrage. Während des Workshops ging der Autor nicht nur auf diese Frage, sondern auf alle Fragen offen ein, ermutigte die Studenten zu weiteren Fragen und erzählte unterhaltsame Anekdoten zu der Entstehung des Romans. Und so konnten auch die letzten Übersetzungshürden erfolgreich genommen werden, sodass einer Veröffentlichung der übersetzten Passagen nichts mehr im Wege steht.

 

Kurze Zeit später sollte die intensive Arbeit mit einer Lesung gekrönt werden, die nicht nur Peter Theunynck die Möglichkeit gab, seinen Roman einem deutschen Publikum vorzustellen, sondern bei der die Übersetzungen der Studenten das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickten.
Den Abend selbst hatten sechs Masterstudenten vollkommen selbstständig organisiert. Auch die Durchführung lag in der Hand der Studenten. So nahmen neben Peter Theunynck Anna Eble als Dolmetscherin und Thomas Altefrohne sowie Lisa Mensing als Moderatoren auf der Bühne Platz. Zum Einstieg wurde die erste Passage vorgelesen: Peter Theunynck las das niederländischsprachige Original, Anna Delorme die deutsche Übersetzung. Danach erzählte Theunynck dem Publikum, was die Unterschiede im Schreibprozess von Poesie und Prosa waren und wie sein Dichterdasein seinen Familienroman beeinflusst hat, um danach einige Gedichte vorzutragen. Theunynck erzählte zu jedem Gedicht eine Geschichte, wodurch die Gedichte (auch für das nicht-niederländischsprachige Publikum) fühlbar und greifbar wurden. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Theunyncks Liebe für Thomas Manns Die Buddenbrooks und den kanadischen Sänger Leonard Cohen deutlich und auch die unbändige Vielseitigkeit des flämischen Autors stand im Fokus, als über den Roman (und weitere Romanpläne), Gedichtbände und seine Graphic Novels gesprochen wurde. Dank der Vielseitigkeit und Offenheit des Autors konnte ein ebenso vielseitiges Programm auf die Bühne gebracht werden.

 

Nach einem zweistündigen Programm schienen alle Parteien zufrieden zu sein – Peter Theunynck hatte das Publikum für sich gewonnen, beantwortete ausführlich alle Fragen und signierte gekaufte Bücher, die Masterstudenten hatten anscheinend einen erfolgreichen Abend organisiert und zum ersten Mal die eigenen Übersetzungen in die Öffentlichkeit getragen und konnten aufatmen. Außerdem wussten sie endlich, dass hinter der vermeintlich mysteriösen vossenmoer gar kein Geheimnis steckte – und dass der Autor, mit dessen Text sie sich so intensiv auseinandergesetzt hatten, ein sehr sympathischer Schriftsteller ist, der den Dialog mit Übersetzern schätzt – so hatte an diesem Abend eine doppelte, positive Entmystifizierung stattgefunden.

Die Lesung wurde von den folgenden Studenten organisiert und durchgeführt: Thomas Altefrohne, Anna Delorme, Anna Eble, Elena Langner, Lisa Mensin und Lars Unland

An der Übersetzung mitgewirkt haben außerdem: Jasmine Benning, Dirk Haustein, Lisa Luks und Lisa Swager

 

Lisa Mensing

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wer war ich / vor meiner Neukonzeption – Frank Keizers Lyrik

Dass politische Lyrik nach wie vor einen Stellenwert in der zeitgenössischen  Literatur hat, bewies am 18. Januar 2018 der niederländische Dichter Frank Keizer, der zu einer Lesung mit Interview ins Haus der Niederlande eingeladen war. Im Rahmen dieser Abendveranstaltung trug er dem Publikum einige Gedichte aus seinem neuesten Werk Onder normale omstandigheden („Unter normalen Umständen“) vor und erzählte dabei auch von seiner Arbeit als Redakteur bei der flämischen Zeitschrift nY. Seine Gedichte, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen wie der zunehmenden Individualisierung auseinandersetzen, wurden von Studierenden des Masterstudiengangs „Interdisziplinäre Niederlandistik“ jeweils in Übersetzung vorgetragen.

Nachdem Keizer dem Publikum vier seiner Gedichte als Kostprobe präsentiert hatte, sprachen zwei Bachelorstudierende der Niederlandistik mit ihm über seine Arbeit als Dichter und unterzogen ihn dabei auch einem Quick Quiz. Ausgedacht hatten sich die Fragen die Studierenden aus dem Lyrikseminar von Nele Demedts, welche den Abend moderierte und den zweiten Teil des Interviews übernahm. Ebenfalls am Programm beteiligt war Anna Eble, studentische Hilfskraft am Institut für Niederländische Philologie. Sie übertrug jede von Franks Äußerungen aus dem Niederländischen ins Deutsche und sorgte so dafür, dass auch des Niederländischen nicht mächtige Zuhörer einen Einblick in die literarische Welt der Niederlande und Flanderns bekamen.

 

Angesprochen auf die Herausforderungen, mit denen literarische Zeitschriften von heute in einer auf digitale Medien fokussierten Gesellschaft umgehen müssen, erzählte Frank Keizer von den Strategien, mit denen die Zeitschrift den Kontakt zu den Menschen aufrechterhalten will: beispielweise durch Online-Ausgaben, Podcasts oder Kooperationen. Ziel der Zeitschrift sei es, so Keizer, Alternativen für den politischen und gesellschaftlichen Status Quo erst einmal denkbar zu machen, womit er auf die diskursive Macht der Worte verwies.

Neben der Macht der Worte zeigten sich jedoch auch Zweifel an selbiger. In seinen Gedichten lässt Frank Keizer ein Ich auftreten, das sich mit einer zunehmend fragmentierten Welt konfrontiert sieht und hin- und hergerissen zwischen dem Willen zur Akzeptanz und dem Wunsch nach Veränderungen nach der richtigen Haltung sucht, drängt und letzten Endes doch nicht anders kann, als ratlos stehen zu bleiben. Diese Ambivalenz – für Keizer selbst die Essenz seiner Gedichte – ist auch in dem Ton zu hören, in dem das Ich über sein Bild von der heutigen Gesellschaft schreibt: Gerade nicht objektiv, sondern aus einer höchst subjektiven Perspektive nähert es sich den Dingen, die letztlich jeden Menschen betreffen. In der Verletzlichkeit des Menschen, die sich in Keizers Gedichten offenbart, liegt eben auch das verbindende Element zwischen dem Gedicht und dem Leser.

Verletzlichkeit ist auch eines der Themen, das in dem letzten der während der Abendlesung vorgetragenen Gedichte zur Sprache kommt: Voor Herman Gorter. Es ist als eine Ode an ebendiesen niederländischen Dichter zu lesen, der neben dem niederländischen Schriftsteller Frans Kellendonk das dichterische Schaffen Frank Keizers nach dessen Aussage maßgeblich geprägt hat. Bereits die ersten Verse spielen überdeutlich auf das bekannte Gedicht Zie je ik hou van je von Gorter an, neben dessen Wortreichtum sich das Ich sprachlos und unbeholfen vorkommt. Im Wortüberfluss der heutigen Zeit nicht mehr die richtigen Worte finden zu können, mag auch der Grund sein, wieso Keizers Gedichte fragmentarisch, beinahe zerstückelt daherkommen und der leidenschaftliche Ton seiner Lyrik auf einen von Kürzen geprägten, nüchtern anmutenden Rhythmus trifft.

Nele Demedts

 

Anmerkung: Der Titel des Artikels verweist auf Keizers Gedicht „wie was ik“. Die Übersetzung von Lisa Mensing wurde während des Workshops mit dem Dichter überarbeitet.

Lesung mit Peter Theunynck: „De Slembroucks“

Foto: © Wit-lof

Der flämische Dichter und Schriftsteller Peter Theunynck ist am 24. Januar 2018 zu Gast in Münster und stellt um 19 Uhr in der Bibliothek im Haus der Niederlande seinen 2016 erschienenen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) vor.

Theunynck wird dabei von Studierenden des Masters „Interdisziplinäre Niederlandistik“ vom Institut für Niederländische Philologie begleitet.  Sie werden ins Deutsche übersetzte Fragmente des Romans vorlesen, die unter Anleitung der Übersetzerin Anna Carstens entstanden sind.

Peter Theunynck ist freiberuflicher Dichter, Schriftsteller und Biograf. Nach seiner renommierten Biografie über Karel Van de Woestijne erschien 2016 sein Romandebüt De Slembroucks, eine virtuos geschriebene Geschichte, die ein poetisches Zeitbild einer flämischen Familie der Nachkriegszeit zeichnet: Während die Arbeit als Fahrradmechaniker das Ideal des Vaters bleibt, formen Religion und ein beinahe krankhaftes Streben nach einer höheren gesellschaftlichen Stellung das Lebensziel der Mutter, das sie durch ihre Söhne Gust und Anton zu erreichen versucht. Doch als plötzlich eine Cousine auf der Bildfläche erscheint und nach und nach Familiengeheimnisse gelüftet werden, laufen alle Pläne aus dem Ruder. Es entsteht eine vielschichtige Problematik, die Theunynck in 21 Kapiteln gekonnt in Szene setzt.

Die Masterstudierenden setzten sich in einem Workshop mit der Übersetzerin Anna Carstens mit Auszügen des Romans auseinander. Dabei wurde dieser literarisch anspruchsvolle und poetische Text gemeinsam in eine stilistisch angemessene deutsche Übersetzung übertragen. Die Lesung wird dabei durch ein Gespräch mit dem Autor ergänzt.

Die Veranstaltung wird in deutscher und niederländischer Sprache stattfinden.

Mittwoch, den 24. Januar 2018, 19 Uhr s.t.
Bibliothek im Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, Münster

Der Eintritt ist frei!

Wieder zu Gast in Münster: Stefan Hertmans

Wie schon vor einigen Jahren dürfen wir am 30.09.2017 den flämischen Schriftsteller Stefan Hertmans begrüßen, dessen Roman Oorlog en terpentjin (2013) auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde (Der Himmel meines Großvaters (2014), Übersetzung Ira Wilhelm).

Dieses Mal sind es ganze zwei Veranstaltungen, für die Hertmans anreist: Zum einen die deutsche Uraufführung der Antigone in Molenbeek, zum anderen eine Lesung aus seinem neuesten Roman De bekeerlinge (2016), auf Deutsch Die Fremde (2017, Übersetzung Ira Wilhelm).

Uraufführung des Stücks Antigone in Molenbeek
Sa., 30. September 2017, 18 Uhr
Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1, 48149 Münster

Lesung mit Stefan Hertmans aus seinem Roman Die Fremde
So, 1. Oktober 2017, 11 Uhr
Theatertreff, Neubrückenstraße 63, 48143 Münster

Tickets je 7/5€

 


Aus der Veranstaltungsreihe „Paris, Palmyra“ des Literaturvereins Münster e.V.

In einem „Prolog“ zu dieser Reihe hatte der Literaturverein vor einigen Wochen die von Frank-Walter Steinmeier veranlasste Anthologie Glückliche Wirkungen vorgestellt. Für diese Anthologie aus sämtlichen Mitgliedsstaaten der OSZE hatte Stefan Hertmans einen Auszug aus seinem Theatermonolog Antigone in Molenbeek beigetragen. In einer Vorbemerkung leitete die Mitherausgeberin Alida Bremer, Münster, dieses Fragment so ein: „Der Brüsseler Bezirk Molenbeek ist als eine Hochburg des lslamismus bekannt. Hier, wo ‚totes Wasser in alten Bleirohren singt‘, lebt Nuria, die in Brüssel Jura studiert und stolz auf ihren belgischen Pass ist. Doch ihre Schwesterliebe macht sie zu einer Antigone, der berühmten tragischen Gestalt der treuen Schwester aus dem altgriechischen Drama. So hilft uns die Literatur, über alle Grenzen hinweg wahrzunehmen, was wir lieber verdrängen wollen.“

In deutscher Uraufführung präsentieren die Schauspieler Carolin Wirth und Carsten Bender die Antigone in Molenbeek. Sie tun das in einer Umgebung, die zum Assoziationsraum dieses Stückes gehört: am 30. September 2017 um 18 Uhr Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1 (Buslinien 11, 12, 13, 14, 22, 34: Haltestellen Domagkstraße, Jungeblodtplatz, Chirurgie). Der Autor wird anwesend sein.

Stefan Hertmans gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Belgiens; die „New York Times“ hat seinen ins Englische übersetzen Roman „Der Himmel meines Großvaters” zu den 10 besten Büchern des Jahres 2016 gezählt. Soeben ist Hertmans in der Schweiz für seinen neuen Roman „Die Fremde“ mit dem renommierten „Spycher: Literaturpreis Leuk“ ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heißt es, Stefan Hertmans sei ein wahrhaft europäischer Schriftsteller, ein Belgier, der auf Niederländisch schreibt und in Brüssel und in Südfrankreich lebt. Mit Präzision und Empathie zeige er, wie die Wucht der Geschichte in Biographien eingreift: „Stefan Hertmans verfasst keine historischen Romane im klassischen Sinn: Zum einen, weil er sein Schreiben aus heutiger Sicht reflektiert, zum anderen, weil Glaubenskriege, Flucht und Ausgrenzung als Stoffe so relevant und aktuell sind wie eh und je.“ Aus dem jenem neuen Roman „Die Fremde“ wird Stefan Hertmans am Tag nach der Aufführung seiner „Antigone“ lesen, am Sonntag, den 1. Oktober, um 11 Uhr im Theatertreff.
Als Hertmans erfährt, dass seine zweite Heimat, der Ort Monieux in Frankreich, vor tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch die Kreuzritter war, begibt er sich auf Spurensuche. Unter den Überlebenden soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Diese historisch verbürgte Figur lässt ihn nicht mehr los, er begibt sich auf eine Spurensuche. Lothar Müller, der Laudator des Spycher Preises, hat den Roman als ein „Vergegenwärtigungsprojekt“ bezeichnet. Nie mache die fiebrige Einbildungskraft Hertmans‘ ein Hehl daraus, dass sie ein mögliches in ein wirkliches Geschehen verwandele: „Sie schöpft aus historischem Wissen, wenn sie das Europa der christlichen Mobilmachung als eine Gefahrenzone vor Augen stellt, aus der die Fluchtwege nicht hinausführen. Aber die Unruhe dieses Autors ist aus der Gegenwart Europas hervorgegangen.“

 

Foto: Mirjam Devriendt

Lesung mit der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg

In der Welt der Übersetzung sind wahre Sprachwunder keine Seltenheit, man denke nur an Hinrich Schmidt-Henkel, der dieses Jahr gleich zwei große Preise für seine übersetzerischen Leistungen entgegennehmen durfte.
Auch am Institut für Niederländische Philologie gibt es Studenten, die sich auf mehrere Sprachen spezialisieren, wie zum Beispiel Thomas Altefrohne, der in seinem zweiten Masterstudiengang seine Schwedischkenntnisse vertieft und an dieser Stelle über ein Projekt berichtet, das er im Rahmen der Skandinavischen Studien verfolgte.

Schwedens Rolle im Zweiten Weltkrieg. Ein Thema, welches im Schulunterricht nicht vermittelt wird und über das wenige Deutsche etwas wissen. Im Rahmen eines Landeskundeseminars griff Dr. Susanna Stempfle Albrecht, Schwedischdozentin am Institut für Nordische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität, dieses Thema auf. Dabei gliederte sie das 2009 erschienene Buch Mörker, stanna hos mig (dt. Dunkelheit, bleib bei mir, übersetzt durch Eva Scharenberg, 2016) der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg in den Unterricht ein und lud die Autorin ein, nach Münster zu kommen, um aus ihrem Werk zu lesen.

Mörker, stanna hos mig handelt von einem der schwersten politischen Attentate des 20. Jahrhunderts in Schweden und spielt während des Sowjetisch-Finnischen Winterkrieges 1939/40, als die Sowjetunion Finnland angriff und versuchte, die Karelische Landenge in ihr Gebiet einzugliedern. Viele Schweden sympathisierten mit den Finnen und wünschten sich ein aktiveres Eingreifen der schwedischen Regierung, um Finnland zu unterstützen. In weiten Teilen Schwedens herrschte geradezu eine antikommunistische Stimmung, die sich im März 1940 entlud, als das Gebäude der kommunistischen Zeitung Norrskensflamman in Luleå, Nordschweden, in die Luft gesprengt wurde. Bei diesem Attentat starben fünf Menschen, darunter zwei Kinder.

Ljungbergs Roman greift dieses Attentat auf, beschreibt die verheerende Eigendynamik der Tätergruppe und zeichnet ein beeindruckendes Psychogramm ihrer Mitglieder. Eine der Hauptfiguren des Buches ist der Journalist Wilhelmsson. Das Werk folgt ihm und seinem terroristischen Werdegang, der durch Ljungbergs verblüffend genaue Naturschilderungen noch anschaulicher untermalt wird. Dabei ist das Buch in zwei Handlungsstränge gegliedert, einerseits wird das auf das Attentat folgende Gerichtsverfahren beschrieben. Im anderen Strang, der später mit dem ersten vereint wird, geht sie auf den Werdegang der Tätergruppe ein.

Die Lesung fand am 19. Juni 2017 statt und war in einen universitätsinternen und einen öffentlichen Teil gegliedert. Am Nachmittag war die Autorin zu Gast im Institut für Nordische Philologie und beantwortete Fragen der Studierenden zu ihrem Werk und ihrer Autorschaft. Am Abend las sie erneut, diesmal öffentlich, im Alter Ego in Münster. Dabei erklärte sie den bei sommerlicher Hitze gespannt lauschenden Zuhörern die umstrittene Neutralitätspolitik Schwedens während des Zweiten Weltkrieges, sowie ihre Motive dafür, das Buch zu schreiben. In Nordschweden aufgewachsen, war das Attentat einerseits immer Teil ihrer Familiengeschichte, wurde andererseits aber auch immer totgeschwiegen. Erst in den letzten Jahrzenten rückte der Anschlag wieder näher in das Bewusstsein der schwedischen Gesellschaft, als auch die Rolle Schwedens während des Zweiten Weltkrieges kritischer aufgearbeitet wurde.

Als eine Projektarbeit meines Zweitmasters Skandinavische Studien half ich dabei, die Lesung zu organisieren und durchzuführen. Dabei organisierte ich, in enger Absprache mit der Schwedischlektorin des Instituts, die Anreise und Unterbringung der Autorin und ihrer Reisebegleitung. Außerdem mussten die Lokalitäten organisiert und viele noch anfallende, kleinere Aufgaben erledigt werden. Darüber hinaus habe ich mit Hilfe der Hilfskräfte des Instituts die Werbung für die Lesung organisiert, um so viele Menschen wie möglich auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Letztlich war es auch meine Aufgabe, Frau Ljungbergs Buch mit den Studierenden des Landeskundeseminars aufzuarbeiten und das Attentat auf den Norrskensflamman zu besprechen, sodass sie so gut wie möglich auf die Lesung vorbereitet waren. Während der Lesung selbst las ich die deutschen Passagen zu Frau Ljungbergs Auszügen, die sie selbst auf Schwedisch vortrug.

Die Organisation der Lesung war ein sehr interessantes und lehrreiches Projekt. Der Kontakt mit der Autorin gestaltete sich als einfach und angenehm. Vor allem die Deadlines und Kostenaufstellung, sowie die Organisation der Arbeitsschritte und des Zeitplans erforderten viel Aufmerksamkeit, waren gleichzeitig aber eine gute Übung für die Durchführung eines Projekts.

Solche Aufgaben können im weiteren Sinne auch in den Aufgabenbereich des Übersetzers fallen, denn auch er muss ein Werk oft im Literaturbetrieb verorten, eine Synopsis über ein Buch schreiben und anderen potentiellen Lesern den Inhalt vermitteln und näherbringen. Dabei muss er sich Hintergrundwissen oft selbst aneignen und so aufarbeiten, dass es für die Leserschaft, bzw. das Publikum, in einfache Worte gefasst werden kann.

Thomas Altefrohne

Gewinner Libris Literatuur Prijs: Alfred Birney – De tolk van Java

Der Libris Literatuur Prijs ist der Preis für den besten ursprünglich niederländischsprachigen literarischen Roman des letzten Kalenderjahres – es ist der größte Preis dieser Kategorie im niederländischen Sprachraum.

Für das Kalenderjahr 2016 hat Alfred Birney mit seinem Roman De tolk van Java den Libris Literatuur Prijs gewonnen.

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Alfred Birney wurde 1951 als Sohn eines aus Surabaya (Java, Indonesien) stammenden Vaters, der niederländische, chinesische, schottische und ost-javanische Wurzeln hatte, und einer niederländischen Mutter geboren. Birney ist ein niederländischer Schriftsteller, wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Entfremdung von der Familie und das Unvermögen zur Identifikation mit seinem Vater- oder Mutterland. Er hat bereits viele Romane, Essays, Kurzgeschichten, Novellen, Kritiken, Theaterstücke und journalistische Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist er auch für sein veröffentlichtes didaktisches Material zum Gitarrenspiel bekannt. Der große Ruhm als Autor blieb bis zu diesem Preis jedoch aus, doch endlich wurde die Aufmerksamkeit des breiten Publikums durch den Libris Preis auf ihn gelenkt.

Der preisgekrönte Roman De tolk van Java ist ein autobiografischer Roman, der die Beziehung zwischen dem Vater Birneys und Birney selbst aufarbeitet, und dies brillant mit der Aufarbeitung der Beziehung zwischen den Niederlanden und Indonesien verknüpft.

Birneys Vater Arto (Pseudonym) wuchs als Sohn einer Chinesin und eines in Indonesien lebenden Niederländers auf, von dem er jedoch nicht anerkannt wurde. Dadurch hatte es Arto im kolonisierten Indonesien nicht leicht, da er weder zu den Besetzern, den Niederländern, noch zu den Einheimischen, den Indonesiern, zählte. Als die Japaner Indonesien schließlich befreien wollten und es zum Krieg kam, kämpfte Arto an der Seite der Niederländer und der Alliierten und nahm die Position eines Dolmetschers (tolk) ein, doch wechselte er während des lange währenden Unabhängigkeitskrieges mehrfach die Seiten. Am Ende des Krieges flüchtete er als verfolgter Kriegsverbrecher in die Niederlande, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Erlebnisse des Vaters werden in De tolk von Java in Form von Memoiren wiedergegeben, die sein Sohn Alan Nolan (Pseudonym von Alfred Birney) abwechselnd kommentiert und unkommentiert lässt. Die Sprache des Vaters und der Memoiren ist klar, direkt und zeigt dem Leser die schreckliche Brutalität des indonesischen Unabhängigkeitskrieges auf.

Neben den Erinnerungen des Vaters gibt es in Dialogform gehaltene Passagen, in denen Alan seine Mutter zu bestimmten Themen befragt. So werden ihre Erinnerungen daran wiedergegeben, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie er anfing, sie zu schlagen, und wie sie alle vor ihm gewarnt hatten. Die Sprache der Mutter ist einfacher, Birney verwendet viele Elemente der gesprochenen Sprache und durch die gewählte Dialogform sind die Passagen zwischen Mutter und Sohn äußerst lebendig.

Einen Großteil des Romans nehmen neben den Memoiren des Vaters auch die Erinnerungen Alans ein, die von der Beziehung zwischen Alan und seinem Vater erzählen, von der gewaltsamen Kindheit, die Alan erlebte, weil sein Vater stets brutal und unnachsichtig handelte. Alan puzzelt seine Vergangenheit zusammen, erzählt von der fehlenden Liebe seiner Eltern, von der Gewalt und vom späteren Leben im Internat, nachdem die Kinder aus der Familie genommen wurden. Er erzählt von der Zerrissenheit seines Vaters, von dem Suchen einer Heimat zwischen Indonesien und den Niederlanden.

Birney hat mit De tolk van Java einen anspruchsvollen, herausfordernden, vielschichtigen und vor allem aber großartigen Roman geschrieben, der den Leser über die Brutalität des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens aufklärt und die Kolonialgeschichte der Niederlande anhand eines persönlichen Schicksals veranschaulicht, ohne dabei zu belehrend oder zu emotional zu sein.

Lisa Mensing

Frankfurt 2016. Ein Bericht.

Die Frankfurter Buchmesse lässt sich nicht einmal annähernd in Gänze erfassen, geschweige denn beschreiben. Allein die Veranstaltungen des Ehrengasts (Flandern und die Niederlande), die nur einen Bruchteil des gesamten Angebots ausmachen, bieten ein 5 Tage mehr als ausfüllendes Programm. – Für Interessierte an niederländischsprachiger Literatur und all ihren Ausläufern eine so schnell nicht wiederkehrende Goldgrube an Autorenlesungen, Interviews, Gesprächen und vielfältigem Rahmenprogramm. Eine solch hohe Dichte von Literaten und anderen Mitgliedern des Literaturbetriebs findet man selten, wohl nie, zumindest nicht außerhalb von Amsterdam.

Letztendlich ist die Buchmesse vielleicht eine Ansammlung von Sätzen und kurzen Sequenzen, Bildern, die im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht kann schon eine kleine Anzahl solcher Blitzlichter ausreichen, um einen Einblick in die Welt des „weltgrößten Event der Publishing-Welt“ zu geben, wie sich die Buchmesse wenig literarisch selbst nennt.

Frankfurt 2016 ist, wenn Joost de Vries in seinem Tribut an Harry Mulisch über seinen jüngst auf Deutsch erschienenen Roman sagt: „Writing De Republiek was so much fun it should be illegal“.

Wenn man von Elvis Peeters erfährt, dass Hugo Claus ihn ein Jahr seines Lebens gekostet hat, weil er nur noch seine Romane las anstatt für seine Abschlussprüfung zu lernen und ein ganzes Schuljahr wiederholen musste.

Wenn Arnon Grunberg in einem Gespräch über Moedervlekken und das Buch seiner Mutter Hannelore Grünberg-Klein ganz andere Töne anschlägt und die Frage stellt, ob nicht Sterben Leben genug ist.
Wenn das Gespräch viel länger dauert als veranschlagt war und Katharina Borchardt mehrmals rabiat abgewunken wird, zur Freude der Zuhörer aber lieber noch ein wenig plaudert.

Wenn Adriaan van Dis den Nederlandse Spoorwegen nachsagt, sie würden Verspätungen absichtlich generieren, schließlich seien Staus und ähnliche Situationen gut für die Literatur, weil sie Kreativität Raum geben.
Oder wenn er mit Charlotte Van den Broeck darüber spricht, wie viel schöner das in Flandern verbreitetere „vertrappelen“ klingt als das in den Niederlanden gebräuchliche „vertrappen“. Vertrappelen, das ist nämlich, was ein tanzender Elefant im Zug notgedrungen mit den Passagieren macht.

Wenn sich eine belgische Besucherin der Buchmesse ein niederländischsprachiges Gedicht lieber auf Deutsch vorlesen lässt, weil sich das so schön anhört.

Und wenn sich wiederum Tommy Wieringa darüber auslässt, dass Deutsch keine Sprache, sondern Mathematik ist. Außerdem gebe es in den Niederlanden keinen Raum für Abenteuer, man stoße überall auf etwas Menschliches.

Wenn Gustaaf Peek philosophiert: „Wenn man einmal glücklich ist, dann wird man hungrig nach noch mehr Glück. Ist es also konstruktiv, Glück zu haben? Aber was haben wir schon für eine Wahl.“

Und wenn Herman Koch erzählt, dass er so viel Distanz zu seinem Geschriebenen gewinnt, dass er, wenn er eine deutsche Übersetzung in den Händen hält, denkt: „Das ist wirklich kein schlechter Autor. Oh, das bin ja ich!“

Wenn der Gastlandpavillon laut einiger Besucher der einzige Ort auf der Messe ist, der einem Ruhe und eine kleine Verschnaufpause gönnt. Das Meerpanorama in sanfter Beleuchtung, die Liegestühle, der gelegentliche Klang herunterfallender Bücher hinter den Stoffbahnen…

Und wenn am Sonntag um 18 Uhr langsam die Stoffverkleidung vom Messeboden geschnitten wird und die Stände plötzlich leer sind und man sich von nun an nicht mehr mit dem Erleben der Buchmesse, sondern nur noch mit ihrer Nacharbeitung beschäftigen kann.

 

Auch lesenswert: Die Schreibszene Frankfurt hat Besuchern und Mitwirkenden der Messe die Möglichkeit gegeben, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben. Ziel des Projekts war es, die Beobachtenden wiederum in ihrem Schreibprozess zu beobachten. Nachzulesen hier.