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Crossing Border Festival & Vertalersfabriek

Lisa Mensing über ihre Erfahrungen in Den Haag und im Vertalershuis Amsterdam.

Anfang November durfte ich für das Crossing Border Festival im Rahmen von The Chronicles die Kolumnen des jungen Autors Roelof ten Napel „live“ in Den Haag übersetzen und anschließend zwei Wochen lang im Übersetzerhaus in Amsterdam zusammen mit Christiane Kuby an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel seines neu erschienenen Romans Het leven zelf (Das Leben selbst) feilen.

Das Crossing Border Festival in Den Haag feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen und fand vom 02. bis zum 04. November statt. Seit Jahren besticht das Festival nicht nur durch ein bunt gemischtes Programm bestehend aus Musikern und Schriftstellern, sondern auch durch das Projekt The Chronicles, bei dem fünf junge Autoren und ihre Übersetzer im Zentrum stehen.

The Chronicles ist ein Förderprogramm für junge Autoren und Übersetzer. Die Autoren sind die Chronisten des Festivals, sie schreiben vor, während und nach dem Festival Kolumnen, welche dann vor Ort innerhalb weniger Stunden übersetzt und in zwei Sprachen auf der Website www.thechronicles.eu online gestellt werden.

Für The Chronicles wurden in diesem Jahr die fünf Autoren Fatma Aydemir (Deutschland), Gerda Blees (Niederlande), Sytske van Koeveringe (Niederlande), Roelof ten Napel (Niederlande) und Diego Zúñiga (Chile) und die fünf Übersetzer Elbert Besaris (Niederlande), Ghislaine van Drunen (Niederlande), Heleen Oomen (Niederlande), Andrea Zampieri (Argentinien) und ich eingeladen.

Donnerstag

Für uns Übersetzer geht das Festival am Donnerstag mit einer Masterclass los. Jedem Chronicles-Übersetzer wird ein erfahrener Übersetzer zugeteilt, mit dem drei Stunden lang die Übersetzung des Prologs besprochen wird, den wir schon Ende Oktober innerhalb von sieben Stunden übersetzen mussten. Dabei geht es vor allem um Fehler, die bei den Übersetzungen der folgenden Kolumnen vermieden werden sollten. Ira Wilhelm und ich besprechen meine Übersetzung von Roelofs erster Kolumne und diskutieren dabei die meiste Zeit über das niederländische Wort zelfuitputting, welches im Niederländischen zwei Bedeutungen hat: aus sich selbst schöpfen und die Selbsterschöpfung im Sinne der körperlichen und psychischen Erschöpfung. Ein zentrales Wort der ersten Kolumne, das ich in meiner ersten Fassung nur mit Selbsterschöpfung übersetzt habe. Wie kann man jedoch beide Bedeutungsebenen in einem deutschen Wort zusammenfassen? Wir überlegen hin und her, diskutieren mit Muttersprachlern, doch die perfekte Lösung finden wir in der kurzen Zeit nicht.

Abends lernen wir Übersetzer unsere Autoren kennen. Beim Dinner sprechen Elbert, Roelof und ich dann auch gleich über Roelofs Schreibstil. Und über die zelfuitputting. Roelof bestätigt, dass beide Bedeutungsebenen im Wort enthalten seien, dass es beim Schreiben jedoch keine bewusste Entscheidung gewesen sei, sondern eher ein Impuls. Ihm sei es an dieser Stelle nicht so wichtig, welche Bedeutungsebene der Leser zuerst erfassen würde, es käme hier auf den Leser an, nicht auf die Intention des Autors. Als ich am nächsten Morgen den Prolog anpasse (bis 12.00 Uhr dürfen wir eine verbesserte Version einreichen) klingen Roelofs Worte nach – ich entscheide mich spontan für das Wort Selbstausschöpfung, da mir diese Bedeutungsebene wichtiger erscheint – zufrieden bin ich aber nicht. Hätte ich doch nur mehr Zeit… (Diesen Gedanken werde ich an diesem Wochenende noch oft haben.)

Freitag

Um acht Uhr weckt mich der Baustellenlärm vom Platz neben dem Hotel – überall sieht man De Stijl, Mondriaan. Ich taste nach meinem Handy, checke die Mails – Roelof hat mir gerade die erste Festivalkolumne geschickt. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Jetzt lohnt es sich, schon aufzustehen. Nach dem Frühstück verschanze ich mich wieder im Hotelzimmer (ich werde wirklich sehr viele Stunden in diesem Zimmer verbringen) und übersetze die erste Kolumne. Um halb drei bin ich schließlich fertig. Arbeitstechnisch, aber auch nervlich. Ich klicke auf den Senden-Button. Es ist kein schönes Gefühl, keine Zeit für einen Text zu haben, ihn nicht noch einen Tag liegen zu lassen, um mit einem frischen Blick nach Ungereimtheiten zu suchen. Immer wieder fegen Satzfetzen der Übersetzung durch meinen Kopf, von denen ich denke, dass sie bestimmt falsch sind. Gleich ist die Übersetzung online. Schnell raus aus dem Hotelzimmer!

Abends geben unsere Autoren eine kleine Lesung, wir Übersetzer schauen uns das natürlich an. Jeder Autor liest ein Stück aus seinem Roman vor, bei Fatma und Diego werden Übersetzungen an die Wand gebeamt. Vorab hatte ich nicht viel Zeit, um Texte von allen Autoren zu lesen, aber jetzt ist meine Neugier geweckt, und ich decke mich mit ihren Büchern ein.

Danach gehe ich zur Lesung von Annelies Verbeke und Lesley Nneka Arimah, die von Roos van Rijswijk interviewt werden. Beide schreiben vornehmlich Kurzgeschichten und erzählen von behaarten Babys und vom Wachwerden als Bär. Nach der Lesung versuche ich die Chronisten und ihre Übersetzer zu finden, doch alle sind verstreut, unauffindbar, also gehe ich schlafen. Morgen wird wieder übersetzt.

Samstag

Erst um zehn Uhr werde ich wach, greife nach dem Handy und sehe, dass Roelof schon wieder verlässlich früh eine Kolumne geschickt hat (eigentlich hätte er bis 12.15 Uhr Zeit). Ich habe wirklich Glück, wird die begrenzte Übersetzungszeit auf diese Weise doch etwas ausgedehnt. Schnell duschen und frühstücken und dann klemme ich mich hinter meinen Laptop.

Fünf Stunden später schicke ich die Übersetzung ab. Heute war es eine echte Herausforderung, Roelof hat über das Thema Blindheit philosophiert und ich musste diese philosophischen Gedanken nicht nur nachvollziehen, sondern auch verständlich in die deutsche Sprache übertragen. Ein Text gespickt mit Zitaten, die ich nicht einfach selbst übersetzen kann, sondern deren ursprüngliche deutsche Übersetzungen ich benötige. Würde ich doch nur in einer Bibliothek leben. Ein stetiger Nachrichtenwechsel mit Roelof und die ausführliche Konsultation des Internets helfen weiter, doch das kostet Zeit, und die ist begrenzt.

Dafür fällt es mir heute leichter, die Kolumne abzuschicken, ich gewöhne mich an den Druck und den Gedanken, dass die Übersetzung gleich für jedermann lesbar im Netz steht. In der Hotellobby treffen wir alle uns, um gemeinsam essen zu gehen.

Abends liegt der Fokus diesmal auf den Übersetzern. Zusammen mit unseren Autoren werden wir auf der Bühne interviewt, mir wird die Frage gestellt, ob das Übersetzen eine abwartende Tätigkeit sei. „Nein“, sage ich. „Ja“, sage ich. Während des Festivals ist das Übersetzen definitiv keine abwartende Tätigkeit, die Zeit rast dahin, der Blick auf die Uhr erinnert an die nahende Deadline, wer hier auf eine plötzliche Eingebung wartet, hat ein Problem. Generell aber könnte man sagen, dass es sich schon auch um eine abwartende Tätigkeit handelt, der Kopf arbeitet weiter, sucht Lösungen für Übersetzungsprobleme und schickt dem Hirn mitten in der Nacht fantastische Wörter, die man schlaftrunken notiert und am nächsten Tag zufrieden in die Übersetzung einarbeitet.

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Es ist komisch, auf der Bühne zu sitzen, in einer fremden Sprache interviewt zu werden, aber es macht auch Spaß, über das Übersetzen zu sprechen, über dieses Fach, von dem die Leute oft zu wenig wissen, obwohl es doch so spannend ist.

Ich verzichte auf die Aftershowparty, mein Gehirn gleicht einer ausgequetschten Apfelsine, nur noch einzelne Wörter könnten aus meinem Mund heraustropfen. Zeit fürs Bett.

Sonntag

Ein abschließendes gemeinsames Frühstück und dann fahren Andrea und ich weiter zum Übersetzerhaus nach Amsterdam, wir wohnen dort für die Zeit der Übersetzerfabrik, alle anderen wohnen in der Nähe und reisen täglich an.

Nach der Ankunft dürfen wir zuerst Bekanntschaft mit unseren Schreibtischen machen, denn wir müssen die vierte Kolumne übersetzen. Heute fällt mir die Arbeit leichter, anscheinend bin ich jetzt in diesem Arbeitsrhythmus angekommen, kann die Übersetzung abschicken, ohne mich zu sehr überwinden zu müssen. Als Belohnung gönnen Andrea und ich uns eine große Portion Pasta in einem nahe gelegenen Restaurant.

Tschüss Crossing Border, Hallo Vertalersfabriek.

Die Übersetzerfabrik

In der Übersetzerfabrik arbeiten Christiane Kuby und ich täglich fünf Stunden lang an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel von Het leven zelf von Roelof ten Napel. Im Übersetzerhaus herrscht ein geschäftiges Treiben, wir fünf jüngeren Übersetzer haben jeweils einen erfahrenen Übersetzer als Mentor an unserer Seite, der uns durch die Irrungen und Wirrungen der Sprachen führt. Im ganzen Haus sitzen wir verteilt, in der Bibliothek, in der Küche, im Wintergarten.

Christiane und ich übersetzen aus dem Niederländischen ins Deutsche, Elbert und Elly Schippers (und in der zweiten Woche Janneke van der Meulen) übersetzen aus dem Deutschen ins Niederländische. Während der zwei Wochen besuchen wir uns gegenseitig immer wieder, um einander sprachspezifische Fragen zu stellen. Sagt man das im Niederländischen wirklich so? Kennt ihr dieses Wort? Wie wird das verwendet? Es entstehen lebhafte Diskussionen und am Ende kommt man einer guten Übersetzung einen Schritt näher.

Die Arbeit in der Vertalersfabriek ist unglaublich intensiv, Christiane und ich nehmen jeden Satz, jedes Wort genau unter die Lupe, denken über Alternativen nach, durchforsten Synonymdatenbanken (oder unser Gehirn) und brainstormen gemeinsam. Es ist das genaue Gegenteil von den Festivalübersetzungen, die unter Zeitdruck und ohne eine zweite Meinung entstehen mussten. Hier haben wir Zeit, die wir nutzen. Und das ist schön.

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Zweimal besucht uns Roelof, und erklärt uns Textstellen, aus denen wir nicht ganz schlau wurden. Wir löchern ihn mit Fragen, und Roelof steht uns Rede und Antwort – nach diesen Gesprächen verstehe ich den Roman, die Struktur, den Stil noch viel besser, was der Übersetzung natürlich zugutekommt.

Abends fühle ich mich meist so, als hätte ich keine Wörter mehr übrig. Ich habe sie einfach alle verbraucht und den passiven Wortschatz zum aktiven gemacht. Gleichzeitig fühle ich aber auch eine große Zufriedenheit, ich lerne unglaublich viel und am Ende der zwei Wochen habe ich zwei übersetzte Kapitel vor mir liegen, mit denen ich sehr zufrieden bin.

 

Zum Abschluss sind wir alle zusammen essen gegangen, ein schönes Ende einer intensiven und großartigen Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennen lernen durfte und unglaublich viel über das Übersetzen gelernt habe.

 

Fotos: Elbert Besaris

Infos:

Übersetzer, die die Masterclass begleitet haben: Jan Gielkens, Jan de Jager, Brigit Kooijman, Philippe Noble und Ira Wilhelm

Mentoren der Übersetzerfabrik: Elly Schippers, Janneke van der Meulen, Philippe Noble, Isabelle Rosselin, Christiane Kuby, Adri Boon und Jan de Jager

Links:

The Chronicles
Crossing Border
Bericht vom Vertalershuis in Amsterdam

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Wieder zu Gast in Münster: Stefan Hertmans

Wie schon vor einigen Jahren dürfen wir am 30.09.2017 den flämischen Schriftsteller Stefan Hertmans begrüßen, dessen Roman Oorlog en terpentjin (2013) auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde (Der Himmel meines Großvaters (2014), Übersetzung Ira Wilhelm).

Dieses Mal sind es ganze zwei Veranstaltungen, für die Hertmans anreist: Zum einen die deutsche Uraufführung der Antigone in Molenbeek, zum anderen eine Lesung aus seinem neuesten Roman De bekeerlinge (2016), auf Deutsch Die Fremde (2017, Übersetzung Ira Wilhelm).

Uraufführung des Stücks Antigone in Molenbeek
Sa., 30. September 2017, 18 Uhr
Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1, 48149 Münster

Lesung mit Stefan Hertmans aus seinem Roman Die Fremde
So, 1. Oktober 2017, 11 Uhr
Theatertreff, Neubrückenstraße 63, 48143 Münster

Tickets je 7/5€

 


Aus der Veranstaltungsreihe „Paris, Palmyra“ des Literaturvereins Münster e.V.

In einem „Prolog“ zu dieser Reihe hatte der Literaturverein vor einigen Wochen die von Frank-Walter Steinmeier veranlasste Anthologie Glückliche Wirkungen vorgestellt. Für diese Anthologie aus sämtlichen Mitgliedsstaaten der OSZE hatte Stefan Hertmans einen Auszug aus seinem Theatermonolog Antigone in Molenbeek beigetragen. In einer Vorbemerkung leitete die Mitherausgeberin Alida Bremer, Münster, dieses Fragment so ein: „Der Brüsseler Bezirk Molenbeek ist als eine Hochburg des lslamismus bekannt. Hier, wo ‚totes Wasser in alten Bleirohren singt‘, lebt Nuria, die in Brüssel Jura studiert und stolz auf ihren belgischen Pass ist. Doch ihre Schwesterliebe macht sie zu einer Antigone, der berühmten tragischen Gestalt der treuen Schwester aus dem altgriechischen Drama. So hilft uns die Literatur, über alle Grenzen hinweg wahrzunehmen, was wir lieber verdrängen wollen.“

In deutscher Uraufführung präsentieren die Schauspieler Carolin Wirth und Carsten Bender die Antigone in Molenbeek. Sie tun das in einer Umgebung, die zum Assoziationsraum dieses Stückes gehört: am 30. September 2017 um 18 Uhr Hörsaal der Chirurgischen Klinik, Waldeyerstraße 1 (Buslinien 11, 12, 13, 14, 22, 34: Haltestellen Domagkstraße, Jungeblodtplatz, Chirurgie). Der Autor wird anwesend sein.

Stefan Hertmans gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Belgiens; die „New York Times“ hat seinen ins Englische übersetzen Roman „Der Himmel meines Großvaters” zu den 10 besten Büchern des Jahres 2016 gezählt. Soeben ist Hertmans in der Schweiz für seinen neuen Roman „Die Fremde“ mit dem renommierten „Spycher: Literaturpreis Leuk“ ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heißt es, Stefan Hertmans sei ein wahrhaft europäischer Schriftsteller, ein Belgier, der auf Niederländisch schreibt und in Brüssel und in Südfrankreich lebt. Mit Präzision und Empathie zeige er, wie die Wucht der Geschichte in Biographien eingreift: „Stefan Hertmans verfasst keine historischen Romane im klassischen Sinn: Zum einen, weil er sein Schreiben aus heutiger Sicht reflektiert, zum anderen, weil Glaubenskriege, Flucht und Ausgrenzung als Stoffe so relevant und aktuell sind wie eh und je.“ Aus dem jenem neuen Roman „Die Fremde“ wird Stefan Hertmans am Tag nach der Aufführung seiner „Antigone“ lesen, am Sonntag, den 1. Oktober, um 11 Uhr im Theatertreff.
Als Hertmans erfährt, dass seine zweite Heimat, der Ort Monieux in Frankreich, vor tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch die Kreuzritter war, begibt er sich auf Spurensuche. Unter den Überlebenden soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Diese historisch verbürgte Figur lässt ihn nicht mehr los, er begibt sich auf eine Spurensuche. Lothar Müller, der Laudator des Spycher Preises, hat den Roman als ein „Vergegenwärtigungsprojekt“ bezeichnet. Nie mache die fiebrige Einbildungskraft Hertmans‘ ein Hehl daraus, dass sie ein mögliches in ein wirkliches Geschehen verwandele: „Sie schöpft aus historischem Wissen, wenn sie das Europa der christlichen Mobilmachung als eine Gefahrenzone vor Augen stellt, aus der die Fluchtwege nicht hinausführen. Aber die Unruhe dieses Autors ist aus der Gegenwart Europas hervorgegangen.“

 

Foto: Mirjam Devriendt

Lesung mit der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg

In der Welt der Übersetzung sind wahre Sprachwunder keine Seltenheit, man denke nur an Hinrich Schmidt-Henkel, der dieses Jahr gleich zwei große Preise für seine übersetzerischen Leistungen entgegennehmen durfte.
Auch am Institut für Niederländische Philologie gibt es Studenten, die sich auf mehrere Sprachen spezialisieren, wie zum Beispiel Thomas Altefrohne, der in seinem zweiten Masterstudiengang seine Schwedischkenntnisse vertieft und an dieser Stelle über ein Projekt berichtet, das er im Rahmen der Skandinavischen Studien verfolgte.

Schwedens Rolle im Zweiten Weltkrieg. Ein Thema, welches im Schulunterricht nicht vermittelt wird und über das wenige Deutsche etwas wissen. Im Rahmen eines Landeskundeseminars griff Dr. Susanna Stempfle Albrecht, Schwedischdozentin am Institut für Nordische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität, dieses Thema auf. Dabei gliederte sie das 2009 erschienene Buch Mörker, stanna hos mig (dt. Dunkelheit, bleib bei mir, übersetzt durch Eva Scharenberg, 2016) der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg in den Unterricht ein und lud die Autorin ein, nach Münster zu kommen, um aus ihrem Werk zu lesen.

Mörker, stanna hos mig handelt von einem der schwersten politischen Attentate des 20. Jahrhunderts in Schweden und spielt während des Sowjetisch-Finnischen Winterkrieges 1939/40, als die Sowjetunion Finnland angriff und versuchte, die Karelische Landenge in ihr Gebiet einzugliedern. Viele Schweden sympathisierten mit den Finnen und wünschten sich ein aktiveres Eingreifen der schwedischen Regierung, um Finnland zu unterstützen. In weiten Teilen Schwedens herrschte geradezu eine antikommunistische Stimmung, die sich im März 1940 entlud, als das Gebäude der kommunistischen Zeitung Norrskensflamman in Luleå, Nordschweden, in die Luft gesprengt wurde. Bei diesem Attentat starben fünf Menschen, darunter zwei Kinder.

Ljungbergs Roman greift dieses Attentat auf, beschreibt die verheerende Eigendynamik der Tätergruppe und zeichnet ein beeindruckendes Psychogramm ihrer Mitglieder. Eine der Hauptfiguren des Buches ist der Journalist Wilhelmsson. Das Werk folgt ihm und seinem terroristischen Werdegang, der durch Ljungbergs verblüffend genaue Naturschilderungen noch anschaulicher untermalt wird. Dabei ist das Buch in zwei Handlungsstränge gegliedert, einerseits wird das auf das Attentat folgende Gerichtsverfahren beschrieben. Im anderen Strang, der später mit dem ersten vereint wird, geht sie auf den Werdegang der Tätergruppe ein.

Die Lesung fand am 19. Juni 2017 statt und war in einen universitätsinternen und einen öffentlichen Teil gegliedert. Am Nachmittag war die Autorin zu Gast im Institut für Nordische Philologie und beantwortete Fragen der Studierenden zu ihrem Werk und ihrer Autorschaft. Am Abend las sie erneut, diesmal öffentlich, im Alter Ego in Münster. Dabei erklärte sie den bei sommerlicher Hitze gespannt lauschenden Zuhörern die umstrittene Neutralitätspolitik Schwedens während des Zweiten Weltkrieges, sowie ihre Motive dafür, das Buch zu schreiben. In Nordschweden aufgewachsen, war das Attentat einerseits immer Teil ihrer Familiengeschichte, wurde andererseits aber auch immer totgeschwiegen. Erst in den letzten Jahrzenten rückte der Anschlag wieder näher in das Bewusstsein der schwedischen Gesellschaft, als auch die Rolle Schwedens während des Zweiten Weltkrieges kritischer aufgearbeitet wurde.

Als eine Projektarbeit meines Zweitmasters Skandinavische Studien half ich dabei, die Lesung zu organisieren und durchzuführen. Dabei organisierte ich, in enger Absprache mit der Schwedischlektorin des Instituts, die Anreise und Unterbringung der Autorin und ihrer Reisebegleitung. Außerdem mussten die Lokalitäten organisiert und viele noch anfallende, kleinere Aufgaben erledigt werden. Darüber hinaus habe ich mit Hilfe der Hilfskräfte des Instituts die Werbung für die Lesung organisiert, um so viele Menschen wie möglich auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Letztlich war es auch meine Aufgabe, Frau Ljungbergs Buch mit den Studierenden des Landeskundeseminars aufzuarbeiten und das Attentat auf den Norrskensflamman zu besprechen, sodass sie so gut wie möglich auf die Lesung vorbereitet waren. Während der Lesung selbst las ich die deutschen Passagen zu Frau Ljungbergs Auszügen, die sie selbst auf Schwedisch vortrug.

Die Organisation der Lesung war ein sehr interessantes und lehrreiches Projekt. Der Kontakt mit der Autorin gestaltete sich als einfach und angenehm. Vor allem die Deadlines und Kostenaufstellung, sowie die Organisation der Arbeitsschritte und des Zeitplans erforderten viel Aufmerksamkeit, waren gleichzeitig aber eine gute Übung für die Durchführung eines Projekts.

Solche Aufgaben können im weiteren Sinne auch in den Aufgabenbereich des Übersetzers fallen, denn auch er muss ein Werk oft im Literaturbetrieb verorten, eine Synopsis über ein Buch schreiben und anderen potentiellen Lesern den Inhalt vermitteln und näherbringen. Dabei muss er sich Hintergrundwissen oft selbst aneignen und so aufarbeiten, dass es für die Leserschaft, bzw. das Publikum, in einfache Worte gefasst werden kann.

Thomas Altefrohne

Gewinner Libris Literatuur Prijs: Alfred Birney – De tolk van Java

Der Libris Literatuur Prijs ist der Preis für den besten ursprünglich niederländischsprachigen literarischen Roman des letzten Kalenderjahres – es ist der größte Preis dieser Kategorie im niederländischen Sprachraum.

Für das Kalenderjahr 2016 hat Alfred Birney mit seinem Roman De tolk van Java den Libris Literatuur Prijs gewonnen.

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Alfred Birney wurde 1951 als Sohn eines aus Surabaya (Java, Indonesien) stammenden Vaters, der niederländische, chinesische, schottische und ost-javanische Wurzeln hatte, und einer niederländischen Mutter geboren. Birney ist ein niederländischer Schriftsteller, wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Entfremdung von der Familie und das Unvermögen zur Identifikation mit seinem Vater- oder Mutterland. Er hat bereits viele Romane, Essays, Kurzgeschichten, Novellen, Kritiken, Theaterstücke und journalistische Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist er auch für sein veröffentlichtes didaktisches Material zum Gitarrenspiel bekannt. Der große Ruhm als Autor blieb bis zu diesem Preis jedoch aus, doch endlich wurde die Aufmerksamkeit des breiten Publikums durch den Libris Preis auf ihn gelenkt.

Der preisgekrönte Roman De tolk van Java ist ein autobiografischer Roman, der die Beziehung zwischen dem Vater Birneys und Birney selbst aufarbeitet, und dies brillant mit der Aufarbeitung der Beziehung zwischen den Niederlanden und Indonesien verknüpft.

Birneys Vater Arto (Pseudonym) wuchs als Sohn einer Chinesin und eines in Indonesien lebenden Niederländers auf, von dem er jedoch nicht anerkannt wurde. Dadurch hatte es Arto im kolonisierten Indonesien nicht leicht, da er weder zu den Besetzern, den Niederländern, noch zu den Einheimischen, den Indonesiern, zählte. Als die Japaner Indonesien schließlich befreien wollten und es zum Krieg kam, kämpfte Arto an der Seite der Niederländer und der Alliierten und nahm die Position eines Dolmetschers (tolk) ein, doch wechselte er während des lange währenden Unabhängigkeitskrieges mehrfach die Seiten. Am Ende des Krieges flüchtete er als verfolgter Kriegsverbrecher in die Niederlande, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Erlebnisse des Vaters werden in De tolk von Java in Form von Memoiren wiedergegeben, die sein Sohn Alan Nolan (Pseudonym von Alfred Birney) abwechselnd kommentiert und unkommentiert lässt. Die Sprache des Vaters und der Memoiren ist klar, direkt und zeigt dem Leser die schreckliche Brutalität des indonesischen Unabhängigkeitskrieges auf.

Neben den Erinnerungen des Vaters gibt es in Dialogform gehaltene Passagen, in denen Alan seine Mutter zu bestimmten Themen befragt. So werden ihre Erinnerungen daran wiedergegeben, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie er anfing, sie zu schlagen, und wie sie alle vor ihm gewarnt hatten. Die Sprache der Mutter ist einfacher, Birney verwendet viele Elemente der gesprochenen Sprache und durch die gewählte Dialogform sind die Passagen zwischen Mutter und Sohn äußerst lebendig.

Einen Großteil des Romans nehmen neben den Memoiren des Vaters auch die Erinnerungen Alans ein, die von der Beziehung zwischen Alan und seinem Vater erzählen, von der gewaltsamen Kindheit, die Alan erlebte, weil sein Vater stets brutal und unnachsichtig handelte. Alan puzzelt seine Vergangenheit zusammen, erzählt von der fehlenden Liebe seiner Eltern, von der Gewalt und vom späteren Leben im Internat, nachdem die Kinder aus der Familie genommen wurden. Er erzählt von der Zerrissenheit seines Vaters, von dem Suchen einer Heimat zwischen Indonesien und den Niederlanden.

Birney hat mit De tolk van Java einen anspruchsvollen, herausfordernden, vielschichtigen und vor allem aber großartigen Roman geschrieben, der den Leser über die Brutalität des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens aufklärt und die Kolonialgeschichte der Niederlande anhand eines persönlichen Schicksals veranschaulicht, ohne dabei zu belehrend oder zu emotional zu sein.

Lisa Mensing

Poesiefestivals – Review und Preview

Der Mai und der Juni sind besonders umtriebige Monate, was deutsche und niederländische Poesiefestivals angeht. In einer kleinen Übersicht präsentieren wir hier vier kleinere und größere Events, die einen (alljährlichen) Besuch wert sind.

Im Falle des Lyrikertreffens Münster ist ebendieses Vorhaben leider ein Ding der Unmöglichkeit: Nur alle zwei Jahre findet das Lyrikertreffen statt, dieses Jahr vom 19.-21. Mai 2017. Das ausführliche Vorprogramm POETRY erwähnten wir bereits – einen Bericht zum Stummfilmabend des niederländischen Dichters Erik Lindner finden Sie hier.
Außer Erik Lindner sind dieses Jahr noch fünf weitere niederländischsprachige Gäste eingeladen: Frank Keizer, Tsead Bruinja, Lies Van Gasse, Els Moors und Broeder Dieleman, die zusammen mit dem in den Niederlanden lebenden Musiker Jan Klug ihr Programm „Songs, Grooves & Gedachte“ aufführen, mit dem sie schon im Oktober vergangenen Jahres in Münster auftraten. Wir berichteten an dieser Stelle.
Das Lyrikertreffen beginnt mit einem Abendessen, bei dem sich die DichterInnen und ihre DolmetscherInnen, die Organisierenden und die LehrerInnen kennenlernen können, bei denen Schullesungen stattfinden, und endet am Sonntag, den 21. Mai mit der Preisverleihung des Lyrikpreises der Stadt Münster an Jon Fosse und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband Diese unerklärliche Stille / Denne uforklarlege stille, der 2015 bei Kleinheinrich erschienen ist.
Die Tage dazwischen sind mit einem Reichtum an Veranstaltungen gefüllt, von besagten Schullesungen (schulinterne Berichte zu den Lesungen von Frank Keizer und Erik Lindner) über Rahmenveranstaltungen von Hans-Dieter Gelfert und Marcel Beyer bis zu den beiden großen Abendlesungen, bei denen alle Lyriker und Lyrikerinnen auftreten.
Link zum Festival

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Frank Keizer am Mikrofon, Broeder Dieleman am Banjo

 

Das größte Poesiefestival der Niederlande, das Poetry International Festival in Rotterdam, hat in den letzten Jahren zwar abgespeckt, ist aber mit einer diesjährigen Laufdauer vom 29. Mai bis zum 3. Juni 2017 und mit zwanzig eingeladenen DichterInnen immer noch eine enorm große Veranstaltung. Aus dem niederländischsprachigen Raum sind zu Gast: Mischa Andriessen, Hannah van Binsbergen, Cees Nooteboom (Kurzbericht zur Lesung im September 2016 in Münster) und Stefan Hertmans, den wir schon einmal im Haus der Niederlande begrüßen durften (mehr dazu hier).
Im Rahmen eines in den Niederlanden stattfindenden Festivals lässt sich nicht viel zu Übersetzungen ins Deutsche sagen, doch der Transfer funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Im sogenannten Vertaalbedrijf sprechen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit. Neben anderen Top-Übersetzern (Kim Andringa, Arie Pos und Tsead Bruinja) spricht auch Ria van Hengel, die Übersetzerin des deutschen Dichters Jan Wagner ins Niederländische. Zum Beispiel anhand seines Gedichts giersch erklärt sie kleinschrittig, wie sie zu ihrer Übersetzung kam und lässt den ihr anvertrauten Dichter zwischendurch auch ans Rednerpult treten.
Durch den Vertaalbedrijf, die Übersetzungsworkshops, die von Übersetzern von Festivaldichtern geleitet werden, und den Einblicks in die Arbeit der Gruppe rund um das Poettrio Experiment wird die Übersetzungsarbeit, die für die Vorbereitung und Durchführung eines solchen internationalen Festivals geleistet wird, in hohem Maße gewürdigt und in den Festivalalltag integriert.
Neben mehreren langen Abendlesungen, bei denen je drei DichterInnen ihr Werk präsentieren, gibt es auch Veranstaltungen wie das Poëziecafé (moderiert von Maud Vanhauwaert und Thomas Möhlmann, siehe Foto von Stefan Hertmans unten), bei dem Zeit für ausführliche Gespräche, Buchpräsentationen und Lokales ist. Außerdem wird im Rahmen des Festivals der C. Buddingh-Preis für das beste Debüt verliehen (Preisträgerin dieses Jahr ist Vicky Francken für Röntgenfotomodel). Am Abend der Preisverleihung steigt der Anteil der niederländischen DichterInnen im Publikum merklich an.
Link zum Festival

 

 

Wer wie die Festivalleiterin Regina Dyck direkt im Anschluss zu Poetry On The Road in Bremen fährt, dem bleibt nur eine kurze Atempause: Auch hier kommen jährlich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zusammen. Vom 7. bis 12. Juni 2017 konnte das interessierte Publikum Vorträgen und Lesungen lauschen, zum Beispiel von Charlotte Van den Broeck und Connie Palmen.
Link zum Festival

Das Berliner Haus für Poesie, das auch Gastgeber des ZEBRA Film Poetry Festivals war (bis zur ersten Ausgabe in Münster), veranstaltet vom 16. bis 24. Juni 2017 das Poesiefestival Berlin, bei dem unter anderem Arnon Grunberg und Charlotte Van den Broeck zu Gast sein werden. Die beiden eröffneten im Oktober auf beeindruckende Weise gemeinsam die Frankfurter Buchmesse (zum Bericht).
Link zum Festival

Bei all diesen Festivals nehmen die Übersetzungen einen wichtigen Platz ein: Bei Auftritten fremdsprachiger Autoren führt sie zum besseren Verständnis der vorgetragenen Gedichte. Ob die Übersetzung an die Wand projiziert oder vorgelesen wird, wie die Übersetzung vorgelesen wird, ob sie nur in einer Sprache oder wie beim Poetry International Festival nicht nur auf Niederländisch, sondern immer auch auf Englisch verfügbar ist, all das sind Faktoren, die ein Festivalerlebnis mitprägen.
Zugleich sind Festivals eine wichtige Plattform für Übersetzer – sie können sich in die Karten schauen lassen, den Übersetzungsprozess offenlegen, mit anderen Übersetzern diskutieren und neue Autoren kennenlernen, deren Werk sie interessant finden.

Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

Der Verlauf der Jahre. Biopic über Remco Campert

Das Vorprogramm poetry des diesjährigen Lyrikertreffens der Stadt Münster (19.-21.05.) ist in vollem Gange. Teil von poetry ist auch eine Filmreihe des niederländischen Filmemachers John Albert Jansen. In drei Biopics stellt er Wisława Szymborska, Adonis und den berühmten niederländischen Dichter, Kolumnisten und Schriftsteller Remco Campert vor.

Der 1929 geborene Remco Campert war zusammen mit unter anderem Lucebert, Gerrit Kouwenaar, Hugo Claus und Bert Schierbeek Teil der literarischen Bewegung der Vijftigers.
Inzwischen kann er mit einer langen Liste an Publikationen und Preisen aufwarten, die letzte Prosaveröffentlichung war Hôtel du Nord (2013), der letzte Gedichtband trägt den Titel Langs de kaai und erschien in einer kleinen Auflage bei Demian (2016). 2015 wurde Campert der Prijs der Nederlandse Letteren verliehen.

Im Film ist eine Auswahl aus Gedichten aus den folgenden drei Bänden zu hören:

 

Filmemacher John Albert Jansen reist aus Amsterdam an und steht nach dem Film für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18 Uhr im Schloßtheater (Melchersstraße 81, Münster)
Der Film wird im niederländischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.