Artikel „Sprache ist eine Skulptur“ im Magazin UniKunstKultur

Das Magazin UniKunstKultur wird jedes Semester vom Kulturbüro der Uni Münster herausgegeben. Berichtet wird über verschiedene Kulturthemen. In der aktuellen Ausgabe (WS 2016/17) findet sich nun ein Artikel über die Kunst des Übersetzens, für den auch Prof. Dr. Lut Missinne interviewt wurde.
Das ganze Magazin kann hier eingesehen werden.

Sprache ist eine Skulptur

Über die Kunst der Übersetzung

„Hinter dem Übersetzen steckt eine ganze Welt, eine Gedankenwelt, und die Auffassung, was Sprache ist und wie sie sich zur Welt verhält. Sprache ist kulturell vernetzt und eingebettet.“ Prof. Dr. Lut Missinne

Sprache lässt uns die Welt erleben. Sobald wir des Anderen Sprache nicht beherrschen, ist das Miteinander eingeschränkt. Wie erkläre ich der syrischen Familie am Hauptbahnhof, ohne ein Wort arabisch zu können, dass ihr Zug bereits vor 20 Minuten gefahren ist und sie nun eine Stunde auf den nächsten warten muss? Wenn Englisch nicht mehr weiterhilft, verständigt man sich mit Zeichensprache, aber auch die ist kulturell unterschiedlich. Der kleinste der vier Brüder scheint etwas Lustiges gesagt zu haben, während ich mit Händen und Füßen spreche. Alle lachen und ich lächle verlegen.

Über die Kunst der Übersetzung sprach UniKunstKultur mit zwei Profis: Robert Brambeer ist längjähriger freiberuflicher Übersetzer mit Projekten für Verlage, Privatkunden und Kulturinstitutionen wie das Weimarer Theater. Seit Mai 2016 verstärkt er an der WWU das Team der Supportstelle Englisch. Hier kümmert sich der gebürtige Amerikaner u.a. um die Übersetzung von Prüfungs- und Studienordnungen und die Überarbeitung der Homepage.

Die Belgierin Prof. Dr. Lut Missinne lehrt seit 1995 am Institut für Niederländische Philologie der WWU. Zuvor arbeitete sie als freiberufliche Übersetzerin und weiß deshalb genau, was für die angehenden Übersetzer im Masterstudiengang „Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer“ wichtig zu wissen ist.

Ein geborener Übersetzer wird ausgebildet

Entweder habe man ein gewisses Sprachgefühl oder eben nicht, sind Robert Brambeer und Lut Missinne sich einig. Mit einer fachspezifischen Ausbildung könne man sich aber sehr viel Zeit, Mühe und Fehler sparen, betont sie. Ein Übersetzer zeichne sich ihrer Meinung nach dadurch aus, dass er sich für beide Sprachen begeistere und beide sehr gut beherrsche. Robert Brambeer hat dafür Germanistik an der amerikanischen Cornell University und Amerikanistik an der Universität Hamburg studiert. So hat er beide Kulturen jeweils von außen betrachten können. Später beschloss er nach Deutschland zu ziehen, um die deutsche Kultur auch zu leben. All das ermöglicht ihm heute, so zu übersetzen, dass seine potenziellen Leser genau die Informationen geliefert bekommen, die sie brauchen: „Man muss die Zielgruppe im Kopf haben und wissen, was man für sie übersetzen und erklären muss, damit sie den Text verstehen.“ Ein Übersetzer müsse sich festbeißen können und nicht mehr loslassen, bis er etwas gefunden habe, womit er zufrieden sei, erklärt Lut Missinne. Beide betonen, dass ein guter Zugang zur Literatur der Muttersprache sehr wichtig sei.

Klar zu unterscheiden sind die Ausbildungen von Dolmetschern und Übersetzern. Übersetzer arbeiten mit der geschriebenen und Dolmetscher mit der gesprochenen Sprache. Man sagt auch: Gute Dolmetscher werden nie gute Übersetzer und gute Übersetzer niemals gute Dolmetscher. Die EU ist der größte Arbeitgeber für Übersetzer und Dolmetscher und gibt dafür jährlich über eine Milliarde Euro aus. Hier wird in alle 24 Amtssprachen der EU übersetzt.

Für die Sprache braucht man Feingefühl

Robert Brambeer beschreibt das Übersetzen als künstlerisches Handwerk: „Es sind nicht einfach Ziegelsteine, die man aufeinander stapelt. Die Sprache ist eher eine Skulptur. Hier wird ein Wort hinzugefügt, dort eins entfernt. Penibel sollte man sein, wie ein Künstler. Auch wenn man schon einen Text vor sich hat, entwirft man selbst einen neuen – ein Produkt, das es vorher nicht gab.“

Die Arbeit eines Übersetzers hat mit viel mehr Kreativität zu tun, als manch einer glaubt. „Gute Übersetzer zeichnen sich durch ihren großen Mut aus“, davon ist Robert Brambeer überzeugt. Übersetzer wüssten, wann sie vom Original abkämen und etwas von ihrer eigenen Kreativität einbringen dürften. Er selbst arbeitet nach dem Motto: „Die Idee ist wichtiger als die Wörter.“ Jeder ist fehlbar und vielleicht hätte der Schreiber es besser formulieren können. Unerfahrene Übersetzer bleiben oft sehr nah am Originaltext, was schnell hölzern klingt. Zur Sicherheit liest Robert Brambeer sich seine Texte immer laut vor. So merke man schnell, ob man diesen Satz auch in den USA so sagen würde.

Für die Übersetzer-Workshops am Institut für Niederländische Philologie bemüht sich Lut Missinne sehr unterschiedliche professionelle Übersetzer einzuladen: „Der eine bleibt näher am Text und ist auch dafür bekannt, der andere hingegen übersetzt sehr frei und kreativ. Für unsere Studierenden ist es wichtig, dass sie einen differenzierten Umgang mit Texten lernen, damit sie ihren eigenen Weg finden.“

Übersetzungen werden immer ein Kompromiss sein

Viele Menschen sind der Meinung, dass bei einer Übersetzung immer etwas verloren ginge, dass die Übersetzung eine Stufe unter dem Original stünde. Das glaubt Lut Missinne nicht: „Jede Übersetzung fügt dem Original etwas Neues hinzu. Gerade das, was es zu einem neuen literarischen Text macht, ist das Künstlerische.“

Hinter der Arbeit mit der Sprache steckt zu Anfang allerdings auch viel Recherche. Man wird Vokabeln zu den unterschiedlichsten Themen brauchen: Walfang, Pharmazie, Judenverfolgung, Tierschutz, Studienordnungen … Deshalb sollte man immer besser informiert sein als der potenzielle Leser, rät Robert Brambeer.

 

Laura Hinz

 

Weiterführende Informationen:

Im Wintersemester 2016/17 bietet das Institut der Niederlandistik auch Kurse für Studierende anderer Fächer an, die sich für Übersetzung interessieren https://www.uni-muenster.de/INP/

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