Der ostflämische Westflame: Peter Theunynck zu Gast im Haus der Niederlande

Im Wintersemester besuchten die Studenten des Schwerpunkts Literarisches Übersetzen und Kulturtransfer einen von Anna Carstens geleiteten Übersetzungsworkshop. Anna Carstens hatte hierfür den flämischen Roman De Slembroucks (dt. „Die Slembroucks“) ausgewählt, aus dem die Studenten Passagen übersetzten und diese im Workshop besprachen und überarbeiteten. Zum Schluss organisierten die Studenten eine Lesung mit dem Autor, der sein umfangreiches Werk präsentierte und den Studenten Rede und Antwort stand – in einem finalen Workshop und während der Lesung.

Von Oktober bis Dezember hatten die Studenten zusammen mit der Übersetzerin Anna Carstens an den Übersetzungen gearbeitet: Zuerst übersetzte jeder Student die ausgewählten Passagen selbst, dann wurden die verschiedenen Fassungen im Workshop verglichen und diskutiert, woraufhin Fusionsfassungen in Gruppen angefertigt wurden, die ebenfalls mehrmals überarbeitet wurden. Eine Gruppe von drei Studenten fertigte schließlich eine finale Version aus den überarbeiteten Fusionsfassungen an, welche im kommenden Jahr in der Zeitschrift nachbarsprache niederländisch veröffentlicht wird. Doch auch das längste Grübeln – selbst in der Gruppe – führt nicht immer zum perfekten Resultat, weshalb die Studenten gerne noch einmal mit dem Autor selbst sprechen wollten. Wenn einer wissen konnte, was mit genau diesem Wort gemeint sein sollte, war das wohl der Autor selbst.

Am 24. Januar reiste Peter Theunynck, der vor allem für seine Biografie über Karel van de Woestijne und seine preisgekrönten Gedichte bekannt ist, nach Münster, um seinen Debütroman De Slembroucks im Rahmen einer Lesung zu präsentieren und vorab in einem Workshop mit den Studenten die letzten Fragen zu den übersetzten Passagen zu besprechen. Ein Satz, bzw. eine Formulierung hatte die Gruppe während des Semesters besonders lange beschäftigt: „Ze verdedigt haar petekind als een vossenmoer en ze zingt overal en altijd vurig zijn lof.“ Dieser Satz handelt von einer Tante, die ihr Patenkind stets verteidigt und es immer in den höchsten Tönen lobt. Inhaltlich machte der Satz keine Probleme, das Wort „vossenmoer“ irritierte die jungen Übersetzer dann aber doch – „Fuchsmutter“ wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. Eine Fuchsmutter ist im deutschen Sprachraum jedoch nicht dafür bekannt, ihre Kinder besonders kämpferisch zu verteidigen. Der Fuchs an sich steht vor allem für seine Schläue und seine Listigkeit, doch diese Attribute trafen überhaupt nicht auf die besagte Tante zu. Zusammen entschied sich die Gruppe für ein anderes Tier, für die Wolfsmutter: „Sie verteidigt ihr Patenkind wie eine Wolfsmutter ihre Welpen und sie singt immer und überall inbrünstig Lobeshymnen auf ihn.“ Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt, erschien den Studenten passender, waren Wölfe doch Rudeltiere. Gleichzeitig passte die Alliteration „Eine Wolfsmutter, die ihre Welpen verteidigt“ gut zum poetischen Stil Theunyncks. Beim Übersetzen muss jedoch immer überlegt werden, ob die Abweichung vom Original gerechtfertigt ist, und so sollte der Autor selbst zu seiner besonderen Wortwahl befragt werden. Theunynck erzählte, dass er in Ostflandern aufgewachsen ist, seine Eltern aber aus Westflandern kamen. Ganz sicher war er sich selbst nicht, doch könne das Wort „vossenmoer“ ein Wort aus dem westflämischen Dialekt sein, es bedeute so viel wie „Urmutter“, so Theunynck. Mit der Übersetzung der Studenten war er sehr zufrieden, tatsächlich stellte er seine Wortwahl sogar selbst kurz infrage. Während des Workshops ging der Autor nicht nur auf diese Frage, sondern auf alle Fragen offen ein, ermutigte die Studenten zu weiteren Fragen und erzählte unterhaltsame Anekdoten zu der Entstehung des Romans. Und so konnten auch die letzten Übersetzungshürden erfolgreich genommen werden, sodass einer Veröffentlichung der übersetzten Passagen nichts mehr im Wege steht.

 

Kurze Zeit später sollte die intensive Arbeit mit einer Lesung gekrönt werden, die nicht nur Peter Theunynck die Möglichkeit gab, seinen Roman einem deutschen Publikum vorzustellen, sondern bei der die Übersetzungen der Studenten das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickten.
Den Abend selbst hatten sechs Masterstudenten vollkommen selbstständig organisiert. Auch die Durchführung lag in der Hand der Studenten. So nahmen neben Peter Theunynck Anna Eble als Dolmetscherin und Thomas Altefrohne sowie Lisa Mensing als Moderatoren auf der Bühne Platz. Zum Einstieg wurde die erste Passage vorgelesen: Peter Theunynck las das niederländischsprachige Original, Anna Delorme die deutsche Übersetzung. Danach erzählte Theunynck dem Publikum, was die Unterschiede im Schreibprozess von Poesie und Prosa waren und wie sein Dichterdasein seinen Familienroman beeinflusst hat, um danach einige Gedichte vorzutragen. Theunynck erzählte zu jedem Gedicht eine Geschichte, wodurch die Gedichte (auch für das nicht-niederländischsprachige Publikum) fühlbar und greifbar wurden. Im weiteren Verlauf des Abends wurden Theunyncks Liebe für Thomas Manns Die Buddenbrooks und den kanadischen Sänger Leonard Cohen deutlich und auch die unbändige Vielseitigkeit des flämischen Autors stand im Fokus, als über den Roman (und weitere Romanpläne), Gedichtbände und seine Graphic Novels gesprochen wurde. Dank der Vielseitigkeit und Offenheit des Autors konnte ein ebenso vielseitiges Programm auf die Bühne gebracht werden.

 

Nach einem zweistündigen Programm schienen alle Parteien zufrieden zu sein – Peter Theunynck hatte das Publikum für sich gewonnen, beantwortete ausführlich alle Fragen und signierte gekaufte Bücher, die Masterstudenten hatten anscheinend einen erfolgreichen Abend organisiert und zum ersten Mal die eigenen Übersetzungen in die Öffentlichkeit getragen und konnten aufatmen. Außerdem wussten sie endlich, dass hinter der vermeintlich mysteriösen vossenmoer gar kein Geheimnis steckte – und dass der Autor, mit dessen Text sie sich so intensiv auseinandergesetzt hatten, ein sehr sympathischer Schriftsteller ist, der den Dialog mit Übersetzern schätzt – so hatte an diesem Abend eine doppelte, positive Entmystifizierung stattgefunden.

Die Lesung wurde von den folgenden Studenten organisiert und durchgeführt: Thomas Altefrohne, Anna Delorme, Anna Eble, Elena Langner, Lisa Mensin und Lars Unland

An der Übersetzung mitgewirkt haben außerdem: Jasmine Benning, Dirk Haustein, Lisa Luks und Lisa Swager

 

Lisa Mensing

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