wer war ich / vor meiner Neukonzeption – Frank Keizers Lyrik

Dass politische Lyrik nach wie vor einen Stellenwert in der zeitgenössischen  Literatur hat, bewies am 18. Januar 2018 der niederländische Dichter Frank Keizer, der zu einer Lesung mit Interview ins Haus der Niederlande eingeladen war. Im Rahmen dieser Abendveranstaltung trug er dem Publikum einige Gedichte aus seinem neuesten Werk Onder normale omstandigheden („Unter normalen Umständen“) vor und erzählte dabei auch von seiner Arbeit als Redakteur bei der flämischen Zeitschrift nY. Seine Gedichte, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen wie der zunehmenden Individualisierung auseinandersetzen, wurden von Studierenden des Masterstudiengangs „Interdisziplinäre Niederlandistik“ jeweils in Übersetzung vorgetragen.

Nachdem Keizer dem Publikum vier seiner Gedichte als Kostprobe präsentiert hatte, sprachen zwei Bachelorstudierende der Niederlandistik mit ihm über seine Arbeit als Dichter und unterzogen ihn dabei auch einem Quick Quiz. Ausgedacht hatten sich die Fragen die Studierenden aus dem Lyrikseminar von Nele Demedts, welche den Abend moderierte und den zweiten Teil des Interviews übernahm. Ebenfalls am Programm beteiligt war Anna Eble, studentische Hilfskraft am Institut für Niederländische Philologie. Sie übertrug jede von Franks Äußerungen aus dem Niederländischen ins Deutsche und sorgte so dafür, dass auch des Niederländischen nicht mächtige Zuhörer einen Einblick in die literarische Welt der Niederlande und Flanderns bekamen.

 

Angesprochen auf die Herausforderungen, mit denen literarische Zeitschriften von heute in einer auf digitale Medien fokussierten Gesellschaft umgehen müssen, erzählte Frank Keizer von den Strategien, mit denen die Zeitschrift den Kontakt zu den Menschen aufrechterhalten will: beispielweise durch Online-Ausgaben, Podcasts oder Kooperationen. Ziel der Zeitschrift sei es, so Keizer, Alternativen für den politischen und gesellschaftlichen Status Quo erst einmal denkbar zu machen, womit er auf die diskursive Macht der Worte verwies.

Neben der Macht der Worte zeigten sich jedoch auch Zweifel an selbiger. In seinen Gedichten lässt Frank Keizer ein Ich auftreten, das sich mit einer zunehmend fragmentierten Welt konfrontiert sieht und hin- und hergerissen zwischen dem Willen zur Akzeptanz und dem Wunsch nach Veränderungen nach der richtigen Haltung sucht, drängt und letzten Endes doch nicht anders kann, als ratlos stehen zu bleiben. Diese Ambivalenz – für Keizer selbst die Essenz seiner Gedichte – ist auch in dem Ton zu hören, in dem das Ich über sein Bild von der heutigen Gesellschaft schreibt: Gerade nicht objektiv, sondern aus einer höchst subjektiven Perspektive nähert es sich den Dingen, die letztlich jeden Menschen betreffen. In der Verletzlichkeit des Menschen, die sich in Keizers Gedichten offenbart, liegt eben auch das verbindende Element zwischen dem Gedicht und dem Leser.

Verletzlichkeit ist auch eines der Themen, das in dem letzten der während der Abendlesung vorgetragenen Gedichte zur Sprache kommt: Voor Herman Gorter. Es ist als eine Ode an ebendiesen niederländischen Dichter zu lesen, der neben dem niederländischen Schriftsteller Frans Kellendonk das dichterische Schaffen Frank Keizers nach dessen Aussage maßgeblich geprägt hat. Bereits die ersten Verse spielen überdeutlich auf das bekannte Gedicht Zie je ik hou van je von Gorter an, neben dessen Wortreichtum sich das Ich sprachlos und unbeholfen vorkommt. Im Wortüberfluss der heutigen Zeit nicht mehr die richtigen Worte finden zu können, mag auch der Grund sein, wieso Keizers Gedichte fragmentarisch, beinahe zerstückelt daherkommen und der leidenschaftliche Ton seiner Lyrik auf einen von Kürzen geprägten, nüchtern anmutenden Rhythmus trifft.

Nele Demedts

 

Anmerkung: Der Titel des Artikels verweist auf Keizers Gedicht „wie was ik“. Die Übersetzung von Lisa Mensing wurde während des Workshops mit dem Dichter überarbeitet.

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