Crossing Border Festival & Vertalersfabriek

Lisa Mensing über ihre Erfahrungen in Den Haag und im Vertalershuis Amsterdam.

Anfang November durfte ich für das Crossing Border Festival im Rahmen von The Chronicles die Kolumnen des jungen Autors Roelof ten Napel „live“ in Den Haag übersetzen und anschließend zwei Wochen lang im Übersetzerhaus in Amsterdam zusammen mit Christiane Kuby an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel seines neu erschienenen Romans Het leven zelf (Das Leben selbst) feilen.

Das Crossing Border Festival in Den Haag feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen und fand vom 02. bis zum 04. November statt. Seit Jahren besticht das Festival nicht nur durch ein bunt gemischtes Programm bestehend aus Musikern und Schriftstellern, sondern auch durch das Projekt The Chronicles, bei dem fünf junge Autoren und ihre Übersetzer im Zentrum stehen.

The Chronicles ist ein Förderprogramm für junge Autoren und Übersetzer. Die Autoren sind die Chronisten des Festivals, sie schreiben vor, während und nach dem Festival Kolumnen, welche dann vor Ort innerhalb weniger Stunden übersetzt und in zwei Sprachen auf der Website www.thechronicles.eu online gestellt werden.

Für The Chronicles wurden in diesem Jahr die fünf Autoren Fatma Aydemir (Deutschland), Gerda Blees (Niederlande), Sytske van Koeveringe (Niederlande), Roelof ten Napel (Niederlande) und Diego Zúñiga (Chile) und die fünf Übersetzer Elbert Besaris (Niederlande), Ghislaine van Drunen (Niederlande), Heleen Oomen (Niederlande), Andrea Zampieri (Argentinien) und ich eingeladen.

Donnerstag

Für uns Übersetzer geht das Festival am Donnerstag mit einer Masterclass los. Jedem Chronicles-Übersetzer wird ein erfahrener Übersetzer zugeteilt, mit dem drei Stunden lang die Übersetzung des Prologs besprochen wird, den wir schon Ende Oktober innerhalb von sieben Stunden übersetzen mussten. Dabei geht es vor allem um Fehler, die bei den Übersetzungen der folgenden Kolumnen vermieden werden sollten. Ira Wilhelm und ich besprechen meine Übersetzung von Roelofs erster Kolumne und diskutieren dabei die meiste Zeit über das niederländische Wort zelfuitputting, welches im Niederländischen zwei Bedeutungen hat: aus sich selbst schöpfen und die Selbsterschöpfung im Sinne der körperlichen und psychischen Erschöpfung. Ein zentrales Wort der ersten Kolumne, das ich in meiner ersten Fassung nur mit Selbsterschöpfung übersetzt habe. Wie kann man jedoch beide Bedeutungsebenen in einem deutschen Wort zusammenfassen? Wir überlegen hin und her, diskutieren mit Muttersprachlern, doch die perfekte Lösung finden wir in der kurzen Zeit nicht.

Abends lernen wir Übersetzer unsere Autoren kennen. Beim Dinner sprechen Elbert, Roelof und ich dann auch gleich über Roelofs Schreibstil. Und über die zelfuitputting. Roelof bestätigt, dass beide Bedeutungsebenen im Wort enthalten seien, dass es beim Schreiben jedoch keine bewusste Entscheidung gewesen sei, sondern eher ein Impuls. Ihm sei es an dieser Stelle nicht so wichtig, welche Bedeutungsebene der Leser zuerst erfassen würde, es käme hier auf den Leser an, nicht auf die Intention des Autors. Als ich am nächsten Morgen den Prolog anpasse (bis 12.00 Uhr dürfen wir eine verbesserte Version einreichen) klingen Roelofs Worte nach – ich entscheide mich spontan für das Wort Selbstausschöpfung, da mir diese Bedeutungsebene wichtiger erscheint – zufrieden bin ich aber nicht. Hätte ich doch nur mehr Zeit… (Diesen Gedanken werde ich an diesem Wochenende noch oft haben.)

Freitag

Um acht Uhr weckt mich der Baustellenlärm vom Platz neben dem Hotel – überall sieht man De Stijl, Mondriaan. Ich taste nach meinem Handy, checke die Mails – Roelof hat mir gerade die erste Festivalkolumne geschickt. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Jetzt lohnt es sich, schon aufzustehen. Nach dem Frühstück verschanze ich mich wieder im Hotelzimmer (ich werde wirklich sehr viele Stunden in diesem Zimmer verbringen) und übersetze die erste Kolumne. Um halb drei bin ich schließlich fertig. Arbeitstechnisch, aber auch nervlich. Ich klicke auf den Senden-Button. Es ist kein schönes Gefühl, keine Zeit für einen Text zu haben, ihn nicht noch einen Tag liegen zu lassen, um mit einem frischen Blick nach Ungereimtheiten zu suchen. Immer wieder fegen Satzfetzen der Übersetzung durch meinen Kopf, von denen ich denke, dass sie bestimmt falsch sind. Gleich ist die Übersetzung online. Schnell raus aus dem Hotelzimmer!

Abends geben unsere Autoren eine kleine Lesung, wir Übersetzer schauen uns das natürlich an. Jeder Autor liest ein Stück aus seinem Roman vor, bei Fatma und Diego werden Übersetzungen an die Wand gebeamt. Vorab hatte ich nicht viel Zeit, um Texte von allen Autoren zu lesen, aber jetzt ist meine Neugier geweckt, und ich decke mich mit ihren Büchern ein.

Danach gehe ich zur Lesung von Annelies Verbeke und Lesley Nneka Arimah, die von Roos van Rijswijk interviewt werden. Beide schreiben vornehmlich Kurzgeschichten und erzählen von behaarten Babys und vom Wachwerden als Bär. Nach der Lesung versuche ich die Chronisten und ihre Übersetzer zu finden, doch alle sind verstreut, unauffindbar, also gehe ich schlafen. Morgen wird wieder übersetzt.

Samstag

Erst um zehn Uhr werde ich wach, greife nach dem Handy und sehe, dass Roelof schon wieder verlässlich früh eine Kolumne geschickt hat (eigentlich hätte er bis 12.15 Uhr Zeit). Ich habe wirklich Glück, wird die begrenzte Übersetzungszeit auf diese Weise doch etwas ausgedehnt. Schnell duschen und frühstücken und dann klemme ich mich hinter meinen Laptop.

Fünf Stunden später schicke ich die Übersetzung ab. Heute war es eine echte Herausforderung, Roelof hat über das Thema Blindheit philosophiert und ich musste diese philosophischen Gedanken nicht nur nachvollziehen, sondern auch verständlich in die deutsche Sprache übertragen. Ein Text gespickt mit Zitaten, die ich nicht einfach selbst übersetzen kann, sondern deren ursprüngliche deutsche Übersetzungen ich benötige. Würde ich doch nur in einer Bibliothek leben. Ein stetiger Nachrichtenwechsel mit Roelof und die ausführliche Konsultation des Internets helfen weiter, doch das kostet Zeit, und die ist begrenzt.

Dafür fällt es mir heute leichter, die Kolumne abzuschicken, ich gewöhne mich an den Druck und den Gedanken, dass die Übersetzung gleich für jedermann lesbar im Netz steht. In der Hotellobby treffen wir alle uns, um gemeinsam essen zu gehen.

Abends liegt der Fokus diesmal auf den Übersetzern. Zusammen mit unseren Autoren werden wir auf der Bühne interviewt, mir wird die Frage gestellt, ob das Übersetzen eine abwartende Tätigkeit sei. „Nein“, sage ich. „Ja“, sage ich. Während des Festivals ist das Übersetzen definitiv keine abwartende Tätigkeit, die Zeit rast dahin, der Blick auf die Uhr erinnert an die nahende Deadline, wer hier auf eine plötzliche Eingebung wartet, hat ein Problem. Generell aber könnte man sagen, dass es sich schon auch um eine abwartende Tätigkeit handelt, der Kopf arbeitet weiter, sucht Lösungen für Übersetzungsprobleme und schickt dem Hirn mitten in der Nacht fantastische Wörter, die man schlaftrunken notiert und am nächsten Tag zufrieden in die Übersetzung einarbeitet.

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Es ist komisch, auf der Bühne zu sitzen, in einer fremden Sprache interviewt zu werden, aber es macht auch Spaß, über das Übersetzen zu sprechen, über dieses Fach, von dem die Leute oft zu wenig wissen, obwohl es doch so spannend ist.

Ich verzichte auf die Aftershowparty, mein Gehirn gleicht einer ausgequetschten Apfelsine, nur noch einzelne Wörter könnten aus meinem Mund heraustropfen. Zeit fürs Bett.

Sonntag

Ein abschließendes gemeinsames Frühstück und dann fahren Andrea und ich weiter zum Übersetzerhaus nach Amsterdam, wir wohnen dort für die Zeit der Übersetzerfabrik, alle anderen wohnen in der Nähe und reisen täglich an.

Nach der Ankunft dürfen wir zuerst Bekanntschaft mit unseren Schreibtischen machen, denn wir müssen die vierte Kolumne übersetzen. Heute fällt mir die Arbeit leichter, anscheinend bin ich jetzt in diesem Arbeitsrhythmus angekommen, kann die Übersetzung abschicken, ohne mich zu sehr überwinden zu müssen. Als Belohnung gönnen Andrea und ich uns eine große Portion Pasta in einem nahe gelegenen Restaurant.

Tschüss Crossing Border, Hallo Vertalersfabriek.

Die Übersetzerfabrik

In der Übersetzerfabrik arbeiten Christiane Kuby und ich täglich fünf Stunden lang an der Übersetzung der ersten beiden Kapitel von Het leven zelf von Roelof ten Napel. Im Übersetzerhaus herrscht ein geschäftiges Treiben, wir fünf jüngeren Übersetzer haben jeweils einen erfahrenen Übersetzer als Mentor an unserer Seite, der uns durch die Irrungen und Wirrungen der Sprachen führt. Im ganzen Haus sitzen wir verteilt, in der Bibliothek, in der Küche, im Wintergarten.

Christiane und ich übersetzen aus dem Niederländischen ins Deutsche, Elbert und Elly Schippers (und in der zweiten Woche Janneke van der Meulen) übersetzen aus dem Deutschen ins Niederländische. Während der zwei Wochen besuchen wir uns gegenseitig immer wieder, um einander sprachspezifische Fragen zu stellen. Sagt man das im Niederländischen wirklich so? Kennt ihr dieses Wort? Wie wird das verwendet? Es entstehen lebhafte Diskussionen und am Ende kommt man einer guten Übersetzung einen Schritt näher.

Die Arbeit in der Vertalersfabriek ist unglaublich intensiv, Christiane und ich nehmen jeden Satz, jedes Wort genau unter die Lupe, denken über Alternativen nach, durchforsten Synonymdatenbanken (oder unser Gehirn) und brainstormen gemeinsam. Es ist das genaue Gegenteil von den Festivalübersetzungen, die unter Zeitdruck und ohne eine zweite Meinung entstehen mussten. Hier haben wir Zeit, die wir nutzen. Und das ist schön.

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Zweimal besucht uns Roelof, und erklärt uns Textstellen, aus denen wir nicht ganz schlau wurden. Wir löchern ihn mit Fragen, und Roelof steht uns Rede und Antwort – nach diesen Gesprächen verstehe ich den Roman, die Struktur, den Stil noch viel besser, was der Übersetzung natürlich zugutekommt.

Abends fühle ich mich meist so, als hätte ich keine Wörter mehr übrig. Ich habe sie einfach alle verbraucht und den passiven Wortschatz zum aktiven gemacht. Gleichzeitig fühle ich aber auch eine große Zufriedenheit, ich lerne unglaublich viel und am Ende der zwei Wochen habe ich zwei übersetzte Kapitel vor mir liegen, mit denen ich sehr zufrieden bin.

 

Zum Abschluss sind wir alle zusammen essen gegangen, ein schönes Ende einer intensiven und großartigen Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennen lernen durfte und unglaublich viel über das Übersetzen gelernt habe.

 

Fotos: Elbert Besaris

Infos:

Übersetzer, die die Masterclass begleitet haben: Jan Gielkens, Jan de Jager, Brigit Kooijman, Philippe Noble und Ira Wilhelm

Mentoren der Übersetzerfabrik: Elly Schippers, Janneke van der Meulen, Philippe Noble, Isabelle Rosselin, Christiane Kuby, Adri Boon und Jan de Jager

Links:

The Chronicles
Crossing Border
Bericht vom Vertalershuis in Amsterdam

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