Lesung mit der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg

In der Welt der Übersetzung sind wahre Sprachwunder keine Seltenheit, man denke nur an Hinrich Schmidt-Henkel, der dieses Jahr gleich zwei große Preise für seine übersetzerischen Leistungen entgegennehmen durfte.
Auch am Institut für Niederländische Philologie gibt es Studenten, die sich auf mehrere Sprachen spezialisieren, wie zum Beispiel Thomas Altefrohne, der in seinem zweiten Masterstudiengang seine Schwedischkenntnisse vertieft und an dieser Stelle über ein Projekt berichtet, das er im Rahmen der Skandinavischen Studien verfolgte.

Schwedens Rolle im Zweiten Weltkrieg. Ein Thema, welches im Schulunterricht nicht vermittelt wird und über das wenige Deutsche etwas wissen. Im Rahmen eines Landeskundeseminars griff Dr. Susanna Stempfle Albrecht, Schwedischdozentin am Institut für Nordische Philologie der Westfälischen Wilhelms-Universität, dieses Thema auf. Dabei gliederte sie das 2009 erschienene Buch Mörker, stanna hos mig (dt. Dunkelheit, bleib bei mir, übersetzt durch Eva Scharenberg, 2016) der schwedischen Autorin Ann-Marie Ljungberg in den Unterricht ein und lud die Autorin ein, nach Münster zu kommen, um aus ihrem Werk zu lesen.

Mörker, stanna hos mig handelt von einem der schwersten politischen Attentate des 20. Jahrhunderts in Schweden und spielt während des Sowjetisch-Finnischen Winterkrieges 1939/40, als die Sowjetunion Finnland angriff und versuchte, die Karelische Landenge in ihr Gebiet einzugliedern. Viele Schweden sympathisierten mit den Finnen und wünschten sich ein aktiveres Eingreifen der schwedischen Regierung, um Finnland zu unterstützen. In weiten Teilen Schwedens herrschte geradezu eine antikommunistische Stimmung, die sich im März 1940 entlud, als das Gebäude der kommunistischen Zeitung Norrskensflamman in Luleå, Nordschweden, in die Luft gesprengt wurde. Bei diesem Attentat starben fünf Menschen, darunter zwei Kinder.

Ljungbergs Roman greift dieses Attentat auf, beschreibt die verheerende Eigendynamik der Tätergruppe und zeichnet ein beeindruckendes Psychogramm ihrer Mitglieder. Eine der Hauptfiguren des Buches ist der Journalist Wilhelmsson. Das Werk folgt ihm und seinem terroristischen Werdegang, der durch Ljungbergs verblüffend genaue Naturschilderungen noch anschaulicher untermalt wird. Dabei ist das Buch in zwei Handlungsstränge gegliedert, einerseits wird das auf das Attentat folgende Gerichtsverfahren beschrieben. Im anderen Strang, der später mit dem ersten vereint wird, geht sie auf den Werdegang der Tätergruppe ein.

Die Lesung fand am 19. Juni 2017 statt und war in einen universitätsinternen und einen öffentlichen Teil gegliedert. Am Nachmittag war die Autorin zu Gast im Institut für Nordische Philologie und beantwortete Fragen der Studierenden zu ihrem Werk und ihrer Autorschaft. Am Abend las sie erneut, diesmal öffentlich, im Alter Ego in Münster. Dabei erklärte sie den bei sommerlicher Hitze gespannt lauschenden Zuhörern die umstrittene Neutralitätspolitik Schwedens während des Zweiten Weltkrieges, sowie ihre Motive dafür, das Buch zu schreiben. In Nordschweden aufgewachsen, war das Attentat einerseits immer Teil ihrer Familiengeschichte, wurde andererseits aber auch immer totgeschwiegen. Erst in den letzten Jahrzenten rückte der Anschlag wieder näher in das Bewusstsein der schwedischen Gesellschaft, als auch die Rolle Schwedens während des Zweiten Weltkrieges kritischer aufgearbeitet wurde.

Als eine Projektarbeit meines Zweitmasters Skandinavische Studien half ich dabei, die Lesung zu organisieren und durchzuführen. Dabei organisierte ich, in enger Absprache mit der Schwedischlektorin des Instituts, die Anreise und Unterbringung der Autorin und ihrer Reisebegleitung. Außerdem mussten die Lokalitäten organisiert und viele noch anfallende, kleinere Aufgaben erledigt werden. Darüber hinaus habe ich mit Hilfe der Hilfskräfte des Instituts die Werbung für die Lesung organisiert, um so viele Menschen wie möglich auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Letztlich war es auch meine Aufgabe, Frau Ljungbergs Buch mit den Studierenden des Landeskundeseminars aufzuarbeiten und das Attentat auf den Norrskensflamman zu besprechen, sodass sie so gut wie möglich auf die Lesung vorbereitet waren. Während der Lesung selbst las ich die deutschen Passagen zu Frau Ljungbergs Auszügen, die sie selbst auf Schwedisch vortrug.

Die Organisation der Lesung war ein sehr interessantes und lehrreiches Projekt. Der Kontakt mit der Autorin gestaltete sich als einfach und angenehm. Vor allem die Deadlines und Kostenaufstellung, sowie die Organisation der Arbeitsschritte und des Zeitplans erforderten viel Aufmerksamkeit, waren gleichzeitig aber eine gute Übung für die Durchführung eines Projekts.

Solche Aufgaben können im weiteren Sinne auch in den Aufgabenbereich des Übersetzers fallen, denn auch er muss ein Werk oft im Literaturbetrieb verorten, eine Synopsis über ein Buch schreiben und anderen potentiellen Lesern den Inhalt vermitteln und näherbringen. Dabei muss er sich Hintergrundwissen oft selbst aneignen und so aufarbeiten, dass es für die Leserschaft, bzw. das Publikum, in einfache Worte gefasst werden kann.

Thomas Altefrohne

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