Gewinner Libris Literatuur Prijs: Alfred Birney – De tolk van Java

Der Libris Literatuur Prijs ist der Preis für den besten ursprünglich niederländischsprachigen literarischen Roman des letzten Kalenderjahres – es ist der größte Preis dieser Kategorie im niederländischen Sprachraum.

Für das Kalenderjahr 2016 hat Alfred Birney mit seinem Roman De tolk van Java den Libris Literatuur Prijs gewonnen.

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Alfred Birney wurde 1951 als Sohn eines aus Surabaya (Java, Indonesien) stammenden Vaters, der niederländische, chinesische, schottische und ost-javanische Wurzeln hatte, und einer niederländischen Mutter geboren. Birney ist ein niederländischer Schriftsteller, wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Entfremdung von der Familie und das Unvermögen zur Identifikation mit seinem Vater- oder Mutterland. Er hat bereits viele Romane, Essays, Kurzgeschichten, Novellen, Kritiken, Theaterstücke und journalistische Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist er auch für sein veröffentlichtes didaktisches Material zum Gitarrenspiel bekannt. Der große Ruhm als Autor blieb bis zu diesem Preis jedoch aus, doch endlich wurde die Aufmerksamkeit des breiten Publikums durch den Libris Preis auf ihn gelenkt.

Der preisgekrönte Roman De tolk van Java ist ein autobiografischer Roman, der die Beziehung zwischen dem Vater Birneys und Birney selbst aufarbeitet, und dies brillant mit der Aufarbeitung der Beziehung zwischen den Niederlanden und Indonesien verknüpft.

Birneys Vater Arto (Pseudonym) wuchs als Sohn einer Chinesin und eines in Indonesien lebenden Niederländers auf, von dem er jedoch nicht anerkannt wurde. Dadurch hatte es Arto im kolonisierten Indonesien nicht leicht, da er weder zu den Besetzern, den Niederländern, noch zu den Einheimischen, den Indonesiern, zählte. Als die Japaner Indonesien schließlich befreien wollten und es zum Krieg kam, kämpfte Arto an der Seite der Niederländer und der Alliierten und nahm die Position eines Dolmetschers (tolk) ein, doch wechselte er während des lange währenden Unabhängigkeitskrieges mehrfach die Seiten. Am Ende des Krieges flüchtete er als verfolgter Kriegsverbrecher in die Niederlande, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Erlebnisse des Vaters werden in De tolk von Java in Form von Memoiren wiedergegeben, die sein Sohn Alan Nolan (Pseudonym von Alfred Birney) abwechselnd kommentiert und unkommentiert lässt. Die Sprache des Vaters und der Memoiren ist klar, direkt und zeigt dem Leser die schreckliche Brutalität des indonesischen Unabhängigkeitskrieges auf.

Neben den Erinnerungen des Vaters gibt es in Dialogform gehaltene Passagen, in denen Alan seine Mutter zu bestimmten Themen befragt. So werden ihre Erinnerungen daran wiedergegeben, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie er anfing, sie zu schlagen, und wie sie alle vor ihm gewarnt hatten. Die Sprache der Mutter ist einfacher, Birney verwendet viele Elemente der gesprochenen Sprache und durch die gewählte Dialogform sind die Passagen zwischen Mutter und Sohn äußerst lebendig.

Einen Großteil des Romans nehmen neben den Memoiren des Vaters auch die Erinnerungen Alans ein, die von der Beziehung zwischen Alan und seinem Vater erzählen, von der gewaltsamen Kindheit, die Alan erlebte, weil sein Vater stets brutal und unnachsichtig handelte. Alan puzzelt seine Vergangenheit zusammen, erzählt von der fehlenden Liebe seiner Eltern, von der Gewalt und vom späteren Leben im Internat, nachdem die Kinder aus der Familie genommen wurden. Er erzählt von der Zerrissenheit seines Vaters, von dem Suchen einer Heimat zwischen Indonesien und den Niederlanden.

Birney hat mit De tolk van Java einen anspruchsvollen, herausfordernden, vielschichtigen und vor allem aber großartigen Roman geschrieben, der den Leser über die Brutalität des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens aufklärt und die Kolonialgeschichte der Niederlande anhand eines persönlichen Schicksals veranschaulicht, ohne dabei zu belehrend oder zu emotional zu sein.

Lisa Mensing

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