Stumme Bilder hören: Stummfilm & Poesie

Vergangenen Mittwoch war im Schloßtheater Münster im Rahmen der POETRY-Veranstaltungsreihe vor dem Lyrikertreffen ein ungewöhnliches Filmprogramm zu sehen: Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt lud den niederländischen Dichter Erik Lindner ein, der dem interessierten Publikum einen wunderbaren Stummfilm- und Poesieabend bot.

Seinen Anfang nahm das Programm (35 mm POEM) 2003 während der Biennale des Filmmuseums Amsterdam. Der Dichter und Filmliebhaber Jan Baeke hatte die Idee, den in den Anfängen des Stummfilms eingesetzten Erklärer durch einen Dichter zu ersetzen, der zu den stummen Bildern Gedichte vorlas. Nicht nur Erik Lindner nahm an diesem Projekt teil, sondern auch Mustafa Stitou, K. Schippers und Arjen Duinker.

Erik Lindner schrieb ein Gedicht zu dem Stummfilm Images d’Ostende (1929) des belgischen Filmemachers Henri Storck. Die Verse sind so lang wie die Filmshots, dadurch wird Lindner hier zum sekundären Künstler: Sein Gedicht hat den Rhythmus Storcks, sein eigener tritt etwas in den Hintergrund.
Dank der eindringlichen Wortbilder gewinnt die winterliche See eine Tiefe, die dem schwarz-weißen Stummfilm mehr Leben einhaucht als Farbe oder spätere Errungenschaften der Filmtechnik es vermögen würden.

Auch den Gedichtzyklus „Sog“, der 2016 ebenfalls in Ostende entstand, las Lindner vor.
Eine gekürzte Version des Stummfilms (hier mit Musik unterlegt) ist auf Vimeo zu sehen. (Um einen kleinen Eindruck der synästhetischen Wirkung zu erhalten, stellen Sie am besten den Ton aus und lassen Sie sich auf Lyrikline das Gedicht Ostende vorlesen. Leider wird auf diese Weise der Effekt der Vers-Einstellungs-Kongruenz verfälscht.)

Umrahmt wurden die Filmfragmente und die Lesung von kurzen Einleitungen zu den gezeigten Filmen und den Gedichten. So erzählte Lindner von dem besetzten und zum Künstlerhaus umfunktionierten Gebäude, in das ihn seine Schwester mitnahm, und in dem er zum ersten Mal den Film Une histoire de vent (1988) von Joris Ivens und seiner Frau Marceline Ivens-Lodens sah, der dort auf eine glatt verputzte Wand projiziert wurde. Zu diesem Film schrieb Lindner ein Gedicht, das er las, während auf der Kinoleinwand das Bild eines Stuhls im Sand zu sehen war, das auf die Schlüsselszene des Films verweist.

Es wurden außerdem Fragmente aus den folgenden Filmen gezeigt: Scheveningen (1931) von G.J. Kiljan, zusammen mit der Gedichtreihe Legitimationen, die in Duindorp bei Scheveningen entstand; Rotterdam Binnenstad (1920), Bilder des alten Zentrums Rotterdams aus der Vorkriegszeit, zusammen mit dem Zyklus „Der Schlüssel“, Hoogstraat (1929) von Andor von Barsy; La Coquille et le Clergyman (1928) von Germaine Dulac, The Chinese of Katendrecht, Rotterdam (1925) und zum ersten Mal Winfried Bettmers Kurzfilm Port Bou (2017), mit dem Gedicht 18. September 1994 zum Walter Benjamin-Monument in Port Bou.

Das Programm ist dank der meist sehr kurzen Fragmente sehr abwechslungsreich und erfordert doch auch höchste Konzentration: Gleichzeitig die Bildfülle und die dazu gelesenen Gedichte aufzunehmen ist über die gesamte Dauer von ungefähr 1,5 Stunden eine fordernde und förderliche Aufgabe. Man hat jedoch auch selbst die Wahl, ob man zwischendurch vielleicht den Stummfilm kurzzeitig visuell ausblendet, die Augen schließt und nur dem Vortrag lauscht. Wer sich vollkommen einfindet, hat die Gelegenheit, neue Verknüpfungen zwischen Filmbildern und Lyrik zu machen, findet die Gegenwärtigkeit der Stimme in der Vergangenheit der 20-Jahre wieder, sieht und hört Neues.

Im Zusammenhang mit 35 mm POEM und seinem Ableger in Münster nimmt die Übersetzung der niederländischen Originalgedichte einen besonderen Platz ein: Die Übersetzungen von Rosemarie Still wurden als Untertitel in das Filmmaterial eingesetzt. So lässt sich das Programm von nun an nicht nur auch im deutschsprachigen Raum zeigen, sondern wurde zum ersten Mal auch dokumentiert. Die Veranstaltung war bei den bisherigen Auftritten eine reine Momentaufnahme, während sich nun nachvollziehen lässt, wann genau vorgelesen wird. Die Übersetzung trägt also in diesem Fall nicht nur zur Vermittlung der niederländischen Gedichte an das deutsche Publikum bei, sondern auch in hohem Maße zur Dokumentation einer künstlerischen Form.

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