Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können

Vier Künstler und eine Stadt. Das Ergebnis: Wundervoll verschiedene Texte und Bilder über Münster.

Die belgische Organisation deBuren hat im Rahmen von Citybooks vier Künstler ausgewählt, die über Münster schreiben und die Stadt fotografieren durften. Zuerst residierte die niederländische Fotografin Sofie Knijff zwei Wochen lang in Münster, darauf folgte die junge Flämin Carmien Michels und schließlich besuchte auch der niederländische Dichter Erik Lindner die Stadt. Die Residenz der deutsch-kroatischen Autorin Alida Bremer dauert nun schon mehrere Jahrzehnte an. Am 15. November 2016 wurden die vier Künstler erneut nach Münster eingeladen, um die Ergebnisse ihrer Residenz vorzustellen.

Schon während der Einleitung des Vorsitzenden des Literaturvereins Hermann Wallmann und Willem Bongers-Dek von deBuren richteten sich die Blicke des Publikums stur geradeaus – dabei standen die beiden Redner doch rechts von der Bühne. Links neben ihnen, über der Bühne, wurden jedoch schon die Bilder von Sofie Knijff an die Wand projiziert, Bilder, auf denen Menschen zu sehen waren. Pro Bild ein Mensch. Immer mit dem gleichen Hintergrund, immer gleich beleuchtet, doch immer in einer anderen Pose. Ernst haben sie geschaut, die Portraitierten. Nicht aufgesetzt ernst, sondern mit einem Ernst in den Augen, der das Leben widerspiegelt. Sofie Knijff hat mit ihren Portraits die Vielfalt, die in Münster lebt, abgebildet und dabei jeden Menschen gleichwertig und wirkend inszeniert. In den Gesichtern kann man Geschichten lesen, Geschichten über das Vergangene, über das Hier und Jetzt, über Münster und über die Menschen, die in dieser Stadt leben, Geschichten, die die Aaseekugeln niemals hätten erzählen können.

Schließlich werden die Bilder ausgeblendet, denn die erste Autorin betritt zusammen mit Anna Eble, die dolmetschend allen zur Seite steht und die deutschen Übersetzungen der Texte liest, die Bühne. Die Slam-Poetin Carmien Michels liest das Intro ihrer Kurzgeschichte Niet lang meer vor, und springt gekonnt zwischen Münsteraner Idylle und Kriegsvergangenheit hin und her. Glaubt man sich erst in einer friedvollen Szenerie wiederzufinden, nimmt Michels die Vergangenheit Münsters Schicht für Schicht, Stein für Stein auseinander, um uns daran zu erinnern, wie es war, und wie es immer wieder sein könnte. Ausgehend vom Gesamtbild der Stadt wagt sich Michels immer näher an das Individuum heran, wählt sich eine junge Frau zur Protagonistin, und scheut sich nicht vor Grenzüberschreitungen, vor dem Heraustreten aus der Komfortzone der Münsteraner. Die Waage kann in dieser Geschichte jederzeit kippen, vom Frieden zum Krieg. Mit Niet lang meer hat Michels ein aktuelles Thema auf die Stadt Münster übertragen, und führt den Hörern vor, wie wertvoll das, was wir haben, doch ist.

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Carmien Michels, Hermann Wallmann. Foto: Ali el Baya

Erik Lindner wählt die Worte, die Buchstaben in seinen Gedichten so präzise, dass sie den Rhythmus des Gedichtes, den Takt vorgeben. Wie ein Musiker spielt Lindner mit seinem Gedicht, gekonnt liest er stakkato und legato und ein Sog entsteht, der den Leser, der vor allem aber den Hörer in seinen Bann schlägt. Liebt man das Niederländische noch nicht, so sollte man ihm doch völlig verfallen, wenn man Lindner dabei zuhört, wie er die Laute seiner Sprache spricht, wie er sie formt und ihnen Kraft verleiht, wie allein durch den Klang der Sinn entsteht, und man es nur wirken lassen muss, um es zu verstehen. Mit Roeiers op de Aasee hat Lindner Münster nun ein solches Gedicht geschenkt, ein Gedicht, das auf Münster eingeht, ohne Klischees zu bedienen, das Bilder zeichnet, die diese Stadt zeigen, und doch eine ganz eigene Geschichte erzählen.
Wandernd hat Lindner die Stadt eingenommen, jede Straße, jeden Winkel hat er mit seinen Sohlen betreten. Immer aufmerksam, die Stimmung der Stadt einatmend, hat er schließlich die niederländische Sprache und seine Poesie wie ein feines Netz über die Stadt gelegt und dieses intensive Gedicht geschrieben.

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Erik Lindner. Foto: Ali el Baya

Alida Bremer ist eine kroatisch-deutsche Autorin und Übersetzerin, die schon lange in Münster lebt und arbeitet. Die Ausgangssituation war für sie deshalb natürlich eine andere als bei den niederländischsprachigen Gästen. So setzt sich ihre Kurzgeschichte auch thematisch ab und greift das Ankommen in Münster, das Fremdeln und das Zusammenwachsen mit der Stadt, mit den Menschen auf. Die Sehnsucht nach dem Wasser, nach dem Meer verzehrte sie anfangs, bis sie einen ehemaligen Marineoffizier traf, der ihr riet, zur Nordsee zu fahren, mit dem sie sich anfreundete, und der ihr zeigte, dass die westfälische Verschlossenheit sich in eine herzliche, warme Freundschaft wandeln kann. Aus dem Blickwinkel der Einheimischen in der Fremde führt sie dem Hörer die kleinen Macken und die großen Stärken Münsters vor, zaubert ein Lächeln in die Gesichter und zeichnet ihre autobiografische, herzergreifende Geschichte nach. Ein schöner Abschluss eines gelungenen Abends.

Die im Rahmen von Citybooks entstandenen Texte und Fotos über Münster (und über viele andere Städte) können in Kürze unter www.citybooks.eu eingesehen und als Audiodateien heruntergeladen werden.
Die Fotos von Sofie Knijff und das Gedicht von Erik Lindner sind bereits online.
Lisa Mensing

Links:

Website Citybooks
Website Sofie Knijff
Website Carmien Michels
Website Erik Lindner
Website Alida Bremer
Website Literaturverein Münster

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